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Frankfurt Abschied von Zweitausendeins

Wehmut in der Frankfurter Innenstadt: Der letzte alternative Kult-Laden schließt, das Zweitausendeins.

Zweitausendeins
Der Blick in den Laden kurz vor Schluss: Es gibt viele Lücken in den Regalen und in den Kästen. Foto: Peter Jülich

So ist das, wenn ein Mythos verklingt. Die Menschen kommen schon am Morgen, blicken ratlos durch die Schaufensterscheiben, schütteln den Kopf. Noch ist gar niemand im Geschäft. Die Tür verrammelt. Etliche fotografieren Selfies mit dem Smartphone. Doch viel ist gar nicht mehr zu sehen. Nur noch der Schriftzug: Zweitausendeins. In den Schaufenstern stapeln sich leere braune Kartons. Aufkleber verkünden: „Wir schließen“. Und rote Schriftzüge schreien: „Reste, Reste“. Doch es ist zu spät.

Am 21. März schließt der letzte Laden des alternativen Versandhandels, der für Generationen in Deutschland kulturelle und politische Bildung vermittelte. Für die 68er und ihre unmittelbaren Nachfahren war der Verlag prägend gewesen. Der Kreis vollendet sich dort, wo Anfang der 1970er Jahre das erste Geschäft eröffnet worden war: In Frankfurt. Kornmarkt 14: Vier Aufrechte haben hier bis zuletzt versucht, Bücher, Filme, CDs zu verkaufen.

Einer kommt jetzt und schließt auf. Schiebt die Rollkästen nach draußen, wie schon Tausende Tage zuvor. Robert Egelhofer wirkt müde und abgekämpft. „Es reicht jetzt“, sagt er nur. Der 58-jährige ist ein Zweitausendeinser der ersten Stunde. 1977 hat er im Laden in Freiburg als Schüler-Aushilfe begonnen. Später in der Filiale in Berlin gearbeitet. Dann ist er nach Frankfurt in die Unternehmenszentrale gegangen, und dort aufgestiegen bis zum Verkaufsleiter.

Der Veteran und gelernte Diplom-Kaufmann hat die großen Zeiten des Unternehmens erlebt. Als die Läden ein deutschlandweites Netz bildeten. Als alle Wohngemeinschaften in Deutschland Platten und Bücher von Zweitausendeins im Regal hatten. Stammkunde Bernd Stößel erinnert sich daran, wie er in den 1970er Jahren seine erste Schallplatte im Frankfurter Laden kaufte. Es war das Album „Heroes“ von David Bowie, erschienen 1977, ebenfalls prägend für Generationen: „We can be heroes, just for one day.“ Der britische Musiker ist vor etwas mehr als einem Jahr gestorben.

Stößel zählt die Produkte von Zweitausendeins auf, die ihn durch sein Leben begleiteten: „Die Bücher natürlich von den Satirikern der Neuen Frankfurter Schule, von Robert Gernhardt zum Beispiel.“ Er las aber auch einen Band mit Texten eines Politikers immer wieder: „Die Bundestags-Reden von Herbert Wehner, toll.“

Kult: Wenn dieses Wort jemals Bedeutung besaß, dann bei Zweitausendeins. Die Umweltbewegung der 1970er Jahre veröffentliche ihre Bücher beim Frankfurter Versandhandel. Die Mao-Bibel erschien hier ebenso wie die Aufklärungsbücher von Günther Amendt oder die Songtexte von Bob Dylan oder von „Doors“-Sänger Jim Morrison.

Die Medien waren konkurrenzlos preiswert. Viele kritische Bücher gab es nur bei Zweitausendeins: Es war Gegenkultur im besten Sinne des Wortes. Die Umwelt-Studie „Global 2000“ war einer der vielen Bestseller. Das Merkheft des Unternehmens war heiß begehrt.

Ein neuer Stammkunde, Anwalt aus dem Westend, sehr teurer Anzug, „ich bin traurig“, sagt er nur. Er kauft im Laden, „seit ich Student war“. Jetzt macht er eine „Abschieds-Einkaufsrunde“. Er will nicht viel reden, wie alle an diesem Morgen. Sie nehmen still Abschied, streifen noch einmal durch den Laden. Die Regale schon halbleer, viele Lücken, kaum noch DVDs und CDs.

Robert Egelhofer in seiner Cordhose und seinem einfachen hellblauen Hemd sucht nach Erklärungen für den Rückgang von Umsatz und Interesse. „Das Ladensterben betrifft den kompletten stationären Einzelhandel“, sagt er. Viele Strukturen zerstöre das Internet. „Musik ist heute gratis“, sagt er, überall könne man sich Musik aus dem Internet herunterladen, „warum soll ich noch eine CD kaufen?“

Es ist aber noch etwas anderes, das den Läden von Zweitausendeins den Garaus machte: Die kritische Öffentlichkeit der 70er und 80er Jahre existiert so heute nicht mehr. Die sozialen Bewegungen von damals sind geschrumpft oder verschwunden. Das Publikum, das seinerzeit kaufte, ist weggebrochen. Egelhofer hat sich bis zuletzt gegen diese Entwicklung gestemmt. Bis es nicht mehr ging. „Ich hab viel von meinem Geld in den Laden gesteckt, ich hab Schulden“, sagt er knapp.

14 Läden bundesweit

14 Läden bundesweit gab es auf dem Höhepunkt des Erfolges, mehr als 200 Beschäftigte. Die Filialen schlossen eine nach der anderen. Es bleibt jetzt nur noch der kleine Internetversand Zweitausendeins mit Sitz in Leipzig.

Das legendäre Merkheft ist verkauft worden und wird nun von der Versandfirma Frölich&Kaufmann herausgegeben.

Viele, die an diesem Morgen kommen, können das Ende des letzten Ladens noch nicht fassen. „Was mache ich denn jetzt ohne Euch?“, fragt einer und wendet sich ab, damit der Fotograf nicht sieht, dass es in seinem Gesicht verräterisch zuckt.

Das Haus Kornmarkt 14, in dem der Laden liegt, gehört der städtischen ABG Holding. Deren Geschäftsführer Frank Junker hatte Egelhofer noch einen Mietnachlass angeboten, doch der lehnte ab.

Jetzt denkt der Veteran intensiv darüber nach, was er nächste Woche nach der Schließung mit all dem machen wird, was im Laden noch übrig ist. „Das wird wohl verramscht“, sagt er. Dann will und kann Robert Egelhofer nicht mehr weiterreden.

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