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FR-Stadtgespräch Billig wird das nicht

Diskussion über die Zukunft der Oper und des Schauspiels: Eine Entscheidung muss bald fallen, denn die Betriebserlaubnis erlischt.

FR Stadtgespräch
FR-Stadtgespräch vor rund 200 Gästen: auf der Bühne (v. li.) Claus-Jürgen Göpfert, Willy Praml, Martin Wentz, Ina Hartwig, Andreas Hübner und Christian Thomas. Foto: Peter Juelich

Es sind entscheidende Zahlen, die am Anfang und Ende des FR-Stadtgesprächs zu den Städtischen Bühnen stehen: die Kosten von knapp 900 Millionen Euro für Sanierung oder Neubau. Und die Frage, was aus Oper und Schauspiel in zehn Jahren wird. Knapp 200 Besucher sind trotz der sommerlichen Hitze am Dienstagabend ins Haus am Dom gekommen und lauschen der Debatte bei kühlen Getränken im gut klimatisierten Saal.

FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert fragt Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), wie sie auf die Zahl von knapp 900 Millionen reagiert habe. „Ich war schon erstaunt“, sagt sie. Vor allem darüber, dass eine Sanierung bei laufendem Betrieb so teuer wäre wie ein kompletter Neubau. Es herrsche übereinstimmend der politische Wille, „diese Zahl zu drücken“. Die Machbarkeitsstudie werde überprüft. Sie betont aber: „Billig kommen wir da nicht raus.“

Er habe schallend gelacht, als er die horrende Zahl gehört habe, sagt der Theatermacher Willy Praml. Er plädiert dafür, die Theaterdoppelanlage an ihrem Standort zu sanieren und „den Luxus zu streichen.“ Da klatscht das Publikum.

Während Hartwig daraufhin ausführt, dass das Gebäude am Willy-Brandt-Platz um ein Drittel seiner jetzigen Größe erweitert werden müsste, um die vom Brandschutz geforderten technischen Anlagen einzubauen, wirbt Andreas Hübner, der Vorsitzende des Frankfurter Patronatsvereins für die Städtischen Bühnen, eindringlich dafür, den Standort nicht in Frage zu stellen. „Wir bekennen uns zum Standort und zur Zusammenarbeit beider Häuser“, sagt der Sprecher des Vereins mit rund 1200 Mitgliedern.

Der Projektentwickler und früherer Planungsdezernent Martin Wentz plädiert indes dafür, Oper und Schauspiel zu trennen. „Bauen Sie zwei wunderschöne Häuser, auf die die Stadt stolz sein kann.“ Er stelle sich dabei einen visionären Bau im Stile des Guggenheim-Museums in Bilbao vor, das der Star-Architekt Frank Gehry entworfen hat.

Aus dem Publikum meldet sich der Frankfurter Architekt DW Dreysse zu Wort und nimmt eine Formulierung aus der „Süddeutschen Zeitung“ auf. Sie hatte die Theaterdoppelanlage als „alte Schachtel“ bezeichnet. Niemand käme auf die Idee, die Mailänder Scala oder das Bayreuther Festspielhaus abzureißen, die auch alte Schachteln seien, sagt er.

Dann greift der Frankfurter Architekt Jochem Jourdan zum Mikrofon: Das „großartige Wolkenfoyer“ und die hervorragenden Lage am Anlagenring müssten erhalten bleiben, fordert er. Darauf fragt Wentz die beiden, ob sich die Architekten nichts mehr zutrauten?

Co-Moderator Christian Thomas, der das Feuilleton der FR leitet, wirft die Frage auf, ob die Architekturstadt Frankfurt nicht selbstbewusst mit einem Neubau umgehen könne? Da begehrt das Publikum auf und klagt über „Investoren“, die der Stadt das Maintor-Areal beschert und das frühere Rundschau-Haus am Eschenheimer Tor abgerissen hätten.

Die Stadt brauche nun „eine Perspektive für die nächsten zehn Jahre“, sagt Wentz. Diese müsse von der Stadtgesellschaft getragen werden wie bei der Bebauung des Museumsufers in den 1980er Jahren. Mehr als 800 Millionen Euro in ein Gebäude zu investieren, ohne dass man das von außen sehen könne, sei den Bürgern nicht zu vermitteln.

Klar wird während der Diskussion: Eine Entscheidung muss bald fallen. Die Feuerwehr hat festgelegt, dass ab 2021 der Brandschutz in den Städtischen Bühnen erneuert werden muss, sonst erlischt die Betriebserlaubnis.

Kulturdezernentin Hartwig macht daraufhin deutlich, dass es in jedem Fall einen Architekturwettbewerb geben werde. Ihr Vorschlag sei, die Oper Frankfurt in der Übergangszeit in einer Messehalle unterzubringen und für das Schauspiel einen Interims-Bau auf dem Kulturcampus in Bockenheim zu errichten.
Dieser Neubau mit Multifunktionshalle als Probebühne und Aufführungsort könnte, wenn das Schauspiel in den Neubau am Willy-Brandt-Platz zurückziehe, vom Zentrum für ästhetische Avantgarde, das sie „Zentrum für die Künste“ nennt, genutzt werden. Unter anderem Ensemble Modern, Junge Deutsche Philharmonie, Forsythe Company, Frankfurt Lab könnten darin unterkommen. Das Publikum applaudiert.

In Bockenheim entstünde ein Raum „für Ausbildung und mit experimentellem Charakter“, sagt Hartwig. Die „Königsdisziplin“ Oper und Schauspiel gehöre in die Innenstadt. Sie sprach sich dafür aus, den Willy-Brandt-Platz aufzuwerten. „Wir haben jetzt die Freiheit, die Sache groß zu denken.“

Andreas Hübner vom Patronatsverein ist von dieser Idee recht angetan. Er ermahnt die schwarz-rot-grüne Koalition aber, nicht „in Partikularinteressen“ zu zerfallen, sondern „eine Vision“ zu entwickeln, die die Bürger mitnehme. „Das ist eine Riesenchance, in zehn Jahren fragt niemand mehr nach den Kosten von mehr als 800 Millionen Euro.“ Gleichzeitig fordert er dazu auf, die freie Szene und Oper/Schauspiel nicht gegeneinander auszuspielen.

Theatermacher Willy Praml lässt es sich nicht nehmen, im Sinne der Metropolregion zu fordern, dass die Städtischen Bühnen an den Kaiserlei in Offenbach umziehen sollten. Das Schauspiel könne in der Übergangszeit durch die Stadtteile tingeln. Er bietet an, eine Schauspiel-Produktion in der Naxos-Halle zu unterstützen.

Zum Abschluss der zwei fast zweistündigen Diskussion fragt Moderator Claus-Jürgen Göpfert: „Wo stehen wir bei den Städtischen Bühnen in zehn Jahren?“ „An der Kasse“, sagt eine Frau aus dem Publikum.

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