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FR-Geschichte Joschka Fischer Joschka Fischer und der Lodenmantel

Joschka Fischer begehrt 1982, bei den Grünen aufgenommen zu werden. Jutta Ditfurth akzeptiert ihn. „Das war mein historischer Fehler“, sagt sie heute. Ein Auszug aus dem neuen Heft FR-Geschichte: Die 80er Jahre

Praktizierter Pazifismus: Jutta Ditfurth mauert Sprengschacht in der Friedensbrücke zu. Foto: Institut für Stadtgeschichte/Klaus Malorny

Sie sind der Stadt treu geblieben, in der sie vor 35 Jahren Geschichte schrieben. Noch heute leben hier viele der Frauen und Männer, die in Frankfurt die Grünen gründeten. Einige wohnen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, im Nordend zumeist.

Und obwohl sie sich damals politisch entzweiten, obwohl dabei auch große Emotionen im Spiel waren, gehen sie heute recht entspannt miteinander um. Zum Beispiel Jutta Ditfurth, 63, im Jahre 1981 Mitglied der ersten Römer-Fraktion der Grünen, später Bundessprecherin, 1991 aus Protest gegen die „Rechtsentwicklung der Partei“ ausgetreten, heute für die Gruppe ÖkoLinX wieder Stadtverordnete in Frankfurt. Oder Jürgen Engel, 67, von 1982 bis 1985 Geschäftsführer der Grünen im hessischen Landtag, danach bis 1987 Landtagsabgeordneter. Und Jochen Vielhauer, 67, von 1982 bis 1985 Sprecher der ersten Grünen-Landtagsfraktion, danach Fraktionschef bis 1987, heute Stadtverordneter im Römer.

Natürlich beginnt die Geschichte der Frankfurter Grünen nicht erst mit der Gründungs-Versammlung im November 1979 im Serengeti-Saal des Frankfurter Zoos. Dieser Ort war auserkoren worden, weil niemand sonst in der Stadt der neuen Partei einen Raum zur Verfügung stellen wollte. „Fritz Jantschke war damals wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zoo, der hat uns den Schlüssel besorgt“, erinnert sich Ditfurth.

Viele Versammlungsteilnehmer brachten eine lange politische Geschichte mit. Engel war 1970 aus Nordhessen nach Frankfurt gekommen, hatte bei Hoechst als Industriekaufmann gearbeitet. Zugleich war er „politisch auf der Suche“, hatte an Demonstrationen gegen die NPD teilgenommen und war schließlich dem Sozialistischen Büro beigetreten.

1973 demonstrierte er mit anderen gegen die Fahrpreiserhöhungen beim Frankfurter Verkehrsverbund. Mit der Parole „Rudi Arndt, wir haben Dich gewarnt“ ¦ der SPD-OB war gemeint ¦ zogen sie über die Zeil, wurden von der Polizei mit Tränengas bis in die Kaufhäuser getrieben.

Nonnen verstecken Demonstranten

1975 begegnete Engel im Club Voltaire an der Kleinen Hochstraße, wo sich die undogmatische Linke damals traf, Jutta Ditfurth, ihrem Freund Manfred Zieran, dem damaligen Frankfurter Juso-Vorsitzenden Jan von Trott und natürlich Heiner Halberstadt, den Mitbegründer des Clubs.

„Ich kam aus der Anti-AKW-Bewegung und aus dem Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218“, sagt Ditfurth. Sie ist überzeugt: „Alles, was danach geschah, ist ohne die bürgerkriegsähnlichen Zustände des Jahres 1977 nicht erklärbar.“ Damals, als der Kampf des Staates gegen die terroristische Rote Armee Fraktion seinen Höhepunkt erreichte, „schaute man ständig bei Fahrzeugkontrollen in die Maschinenpistolen der Polizei“.

Es waren die Demonstrationen gegen Atomkraftwerke, bei denen sich die Frankfurter fortan trafen. Engel nennt „Grohnde, Brokdorf, Gorleben.“ Und dann natürlich der Atommeiler im französischen Malville an der Rhone. Beim Protest 1977 dort wurden die jungen Umweltschützer zum ersten Mal mit der französischen Bereitschaftspolizei CRS konfrontiert, die mit großer Brutalität vorging. Ditfurth erinnert sich an „Knochenbrüche und gespaltene Schädel“, Demonstranten seien schließlich „von Nonnen in einem Kloster versteckt“ worden.

Zwei politische Wege wurden als Reaktion darauf diskutiert. „Einige sagten: Wir gehen in den Untergrund“, erzählt Ditfurth. Sie vertrat stattdessen die Ansicht: „Wir brauchen einen geschützten Raum“. Gemeint war der Weg in die „bürgerliche“ Politik, die Kandidatur bei Wahlen.

Schon 1976 hatte Engel mit anderen zusammen in der Frankfurter Peterskirche die erste „Bürgerinitiative gegen Atomanlagen“ gegründet. Vom 28. Oktober bis 6. November 1977 tagte in der Fachhochschule am Nibelungenplatz der erste „Sozialistische Umweltkongress“. „Es war das erste Mal“, sagt Engel, „dass sich Linke auch mit anderen ausgetauscht haben, die das Thema Umwelt umtrieb.“

In den Frankfurter Szene-Kneipen wurde heftig darüber diskutiert, ob man den Weg in die Parlamente antreten sollte. Im „Schmendrick“ am Bornwiesenweg besprach Engel mit Detlef Zumwinkel und einem jungen Tschechen namens Milan Horacek die Teilnahme an der Landtagswahl 1978. Bei Treffen in Offenbach und Kassel, an denen auch Daniel Cohn-Bendit teilnahm, versuchte man sich mit anderen Gruppen auf eine gemeinsame Liste zu einigen. Vergeblich.

So traten zur Landtagswahl am 8. Oktober 1978 drei Umweltgruppen an, darunter die Grüne Liste Hessen (GLH), für die Engel im Nordend kandidierte. Als er Unterschriften für seine Kandidatur sammelte, traf Engel in einer Kneipe auf den früheren Aktivisten der Gruppe „Revolutionärer Kampf“, Joschka Fischer, der damals dem Parlamentarismus noch sehr skeptisch gegenüberstand. Engel erinnert sich noch an die Worte, mit denen Fischer seine Unterschrift verweigerte: „Mit dieser Lodenmantel-Bewegung will ich nichts zu tun haben!“. ...

Bei der Kommunalwahl am 22. März 1981 erreichten die Grünen 6,4 Prozent und zogen erstmals mit sechs Stadtverordneten in den Römer ein. Zur Fraktion gehörten unter anderem Jutta Ditfurth, Manfred Zieran, Fritz Jantschke und Milan Horacek. ..... Bei der ersten Sitzung im April 1981 trat die Fraktion in weißer Kleidung und mit grünen Topfpflanzen an – der Verweis auf die Wurzeln in der Anti-AKW-Bewegung. Rechte CDU-Stadtverordnete riefen: „Was für ein Pack!“ Aus dieser Ecke bekam die neue politische Kraft auch zu hören: „Von jetzt an müssen wir den Römer öfter entlausen!“

Die Fraktion verkündete radikalökologische Ziele: keine Hochhäuser in der Stadt, ein anderes Verkehrskonzept mit viel Geld für den Radverkehr, städtische Förderung linker Kulturgruppen, keine Verkäufe städtischer Grundstücke an private Investoren.

Das rief die Gegner auf den Plan. Erst jetzt....begann sich in der Partei der Gegensatz zwischen Realpolitikern und Fundamentalisten zu vertiefen. Noch 1981 gründete Joschka Fischer in Frankfurt den „Realpolitischen Arbeitskreis“, trat aber noch immer nicht in die Partei ein.

„Masseneintritte“ von Spontis und Realpolitikern

Erst 1982 tauchte Fischer dann eines Abends mit anderen zusammen bei einer Kreisversammlung im Rothschild’schen Pferdestall auf und begehrte, in die Grünen aufgenommen zu werden. Ditfurth, die die Sitzung leitete, wirft sich noch heute vor, diesem Begehren stattgegeben zu haben: „Das war mein historischer Fehler.“ Fischer habe nur ein machtpolitisches Ziel gehabt: „Er wollte in den Bundestag.“

Als Folge kam es dann, so schildert es Ditfurth, 1982 in Frankfurt zu „Masseneintritten“ von Spontis und Realpolitikern in die neue Partei. „Die Spontis haben in den Kneipen Aufnahmeanträge verteilt.“

Das wirkte sich schon bei der Aufstellung der Kandidatenliste zur Landtagswahl 1982 aus. Die Realpolitiker dominierten, Jochen Vielhauer war auf der Liste, Bernd Messinger, der viel später Büroleiter der Frankfurter OB Petra Roth (CDU) werden sollte, war Nachrücker.

Bei der Landtagswahl am 26. September 1982 erreichten die Grünen in Frankfurt 11,3 Prozent, landesweit acht Prozent. Engel wurde erster Fraktionsgeschäftsführer im Landtag: „Wir zahlten an alle Abgeordneten und Mitarbeiter das gleiche Geld: 500 Mark im Monat.“

Bei der ersten Landesversammlung nach der Landtagswahl kam „der große Bruch zwischen Realpolitikern und Fundamentalisten“ (Vielhauer). Die Realos strebten eine Regierungsbeteiligung in Hessen an. Aus der Sicht der Radikalökologen wie Ditfurth war „ihr schlichtes Interesse die Macht.“ Dagegen stand ihre Haltung: „Nie in die Exekutive!“ Es ging um die Frage, die Engel so formuliert: „Sind wir weiter das Sprachrohr der Bürgerinitiativen?“ Vielhauer sagt noch heute, es sei „alternativlos gewesen, in die Regierung zu gehen – schließlich wollten wir etwas verändern.“

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