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Flüchtlinge Unter Frankfurts Brücken

Der Fotograf Ferhat Bouda porträtiert den tristen Alltag zweier Flüchtlinge zwischen Flaschensammeln und großen Träumen. Seine Bilder sind jetzt in der Multimedia-Ausstellung "Unsichtbar" zu sehen.

Addae und Enam sammeln ihre Schlafsachen auf, nachdem sie die Nacht unter der Alten Brücke in Frankfurt verbracht haben (Namen geändert). Foto: Ferhat Bouda

Sie haben Flüchtlinge aus Ghana mehrere Monate lang mit der Kamera in ihrem Alltag in Frankfurt begleitet. Wie war das für Sie?

Es war nicht das erste Mal, dass ich Flüchtlinge porträtiert habe. Aber das erste Mal in Frankfurt. Ich habe erlebt, dass Frankfurt eben nicht nur die Stadt der Banken und der Museen ist, sondern es auch diese Seite gibt. Die will man vielleicht auch gar nicht so wahrhaben.

Was ist Ihnen besonders im Kopf geblieben bei dieser Begegnung?

Es war hart, die beiden zu treffen in dem Wissen: Ich kann nach Hause gehen, ich habe immer einen Schlafplatz, ich habe immer gut gegessen. Man kann die Menschen ein-, zweimal einladen, bei sich auf der Couch oder im Hotel zu übernachten, ihnen mal zehn Euro geben. Aber das ist ja keine Option für lange. Da kommt man sich schlecht vor.

Wie kam es überhaupt zu dem Projekt?

Natalie Tiranno, die sich bei Teachers on the Road engagiert, hat mich angesprochen. Das ist eine Gruppe, die Flüchtlingen zum Beispiel bei Behördengängen hilft. Viele Flüchtlinge hier in Frankfurt sind Obdachlose. Aber sie fallen durch alle sozialen Netze. Gerade wenn sie nicht in Deutschland ihren Antrag gestellt haben, ist hier keiner zuständig. Dann können sie nicht einmal die Hilfe bekommen, die anderen Obdachlosen zusteht. Nach und nach kam dann eine Idee zur anderen. Die Fotos, die Interviews zum Anhören und die Videoinstallation von Ahmad Rafi.

War es leicht, an die Flüchtlinge heranzutreten?

Der Kontakt zu den Flüchtlingen bestand durch den Verein Teachers on the Road. Aber die Menschen sind keine professionellen Models. Die wollen zwar beim Projekt mitmachen, aber nicht auf den Bildern zu sehen sein. Nur, wenn man die Leute tage-, wochen- oder eben sogar monatelang begleitet, ohne dass ihr Gesicht auf die Fotos darf, das geht nicht. Dazu kommt, das ist das Privatleben, da muss man bereit dazu sein, sich zu öffnen, das zu zeigen.

Wer hat sich dann bereit erklärt?

Am Ende haben sich zwei junge Ghanaer gefunden, die mitmachen wollten. Aber auch wenn wir nur zwei Personen zeigen, das ist exemplarisch für das Leben von Hunderten anderen Flüchtlingen hier in Frankfurt.

Die beiden sehen auf den Bildern sehr vertraut aus.

Die haben sich auf der Flucht kennengelernt. Bevor der Krieg kam, waren sie beide in Libyen, hatten dort Jobs, es ging ihnen gut. Dann sind sie erst mit dem Boot nach Italien, aber da gab es nichts und sie sind weiter nach Deutschland. Deutschland, das ist das ökonomisch stärkste Land in Europa, denken sie. Aber hier dürfen sie nicht arbeiten, weil sie ja offiziell ihren Antrag in Italien gestellt haben. Deshalb sammeln sie Flaschen, drei bis zehn Euro gibt das am Tag im Sommer, und schlafen unter Brücken.

Wie ging es nach dem Startschuss weiter?

Das Projekt ist im Juni gestartet. Aber man kann nicht einfach losfotografieren. Man muss erst das Vertrauen gewinnen und sich kennenlernen. Das braucht Zeit. Ich habe die zwei dann immer wieder getroffen, bis August. Einer ist ausgestiegen. Ich habe dann auch nicht versucht, ihn dazu zu bewegen weiter mitzumachen, oder ihm hinterherzutelefonieren. Ich habe mir dann gedacht, er hat sein Glück gefunden.

Wie hat es sich angefühlt, mit den beiden ihren Alltag zu bestreiten? Sie haben sie ja über mehrere Monate begleitet.

Die sind wie Sie und ich. Nur haben die keinen Job. Wenn andere ins Büro gehen, stehen die morgens auf, um Flaschen zu sammeln. Das ist auch eine Arbeit. Ich habe früher auch mal draußen gelebt. Vielleicht ist es heute schlimmer geworden. Alles, was sie suchen, ist Leben und Liebe. Die sehen einen Traum, die sehen Europa. Ich hoffe, dass sie eines Tages ihren Traum verwirklichen. Sie wollen nur arbeiten. Wenn sie erst mal Arbeit haben, dann finden sie auch wieder eine Wohnung, dann läuft das alles.

Haben Sie etwas, dass Sie sich konkret erhoffen mit ihren Bildern?

Wir als Gruppe wollen das Leben der Flüchtlinge zeigen und Öffentlichkeit für das Thema schaffen. Damit versuchen wir, die zu erreichen, die etwas machen können: Politiker. Auch wenn wir Lösungen hätten, durchsetzen können es nur sie. Wir alle haben das ehrenamtlich gemacht. Ich als Fotograf, ich kann meine Bilder und meine Zeit spenden. Das ist mein Beitrag. Außerdem kommt durch die Multimedia-Ausstellung hoffentlich etwas Geld zusammen. Dann haben wir noch etwas Konkretes, etwas womit wir den Flüchtlingen direkt helfen können.

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