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Flüchtlinge in Frankfurt Flüchtlingsbilder zieren Fassaden

Das Kunstprojekt „New Citizens“ lässt Geflüchtete von Frankfurter Fassaden schauen. Die Bilder sollen Menschen sichtbar machen, die sonst unsichtbar sind.

Kunstprojekt in Frankfurt
Kuratorin Aileen Treusch, Fotograf Vitus Saloshanka und Kuratorin Juliane von Herz (von links) Foto: Peter Jülich

Er schaut über den Verkehr der Berliner Straße hinweg. Nachdenklich, Schnauzbart im Gesicht, die Schultern im weißen Strickpullover ein wenig hängend. Kaum ist man aus der Katharinenpforte in die Straße Kornmarkt gebogen, dem leichten Rechtsknick folgend an der ehemaligen Sportarena vorbei, blickt man dem Mann schon ins Gesicht, wie es an der Fassade des früheren Bundesrechnungshofes über der Baustelle thront. Sein Blick ist im Halbprofil zur Seite gerichtet, trotz freier Aussicht den abschüssigen Kornmarkt hinab kann man ihm nicht direkt in die Augen sehen, kommt ihm nahe und bleibt doch auf Distanz. Vor seinem Kinn fahren am Mittwochmittag zwei Monteure in einem roten Kran hin und her, schrauben das überlebensgroße Porträt an der Fassade fest.

So wie hier an der vielbefahrenen Hauptstraße im Stadtzentrum, tauchen seit Mittwoch an verschiedenen zentralen Orten in Frankfurt großformatige Porträtfotografien auf. Von Kirchen und Baustellen, vom Winx-Hochhaus, von der Gedenkstätte der Synagoge in der Friedberger Anlage oder von der Wand des Literaturhauses blicken Gesichter junger und älterer Menschen in den öffentlichen Raum.

Fotografiert hat sie der 43-jährige Künstler Vitus Saloshanka. „New Citizens“, neue Bürger, hat er sein Projekt genannt, für das er sich mehr als ein Jahr lang der Wohnwagenunterkunft für Asylsuchende auf dem Rebstockgelände „annäherte“, wie er es nennt. Hat die Siedlung zunächst aus der Entfernung beobachtet, als „neues Element in der städtischen Landschaft“, und schließlich nach und nach die einzelnen Menschen kennengelernt, über die er aus seiner Nachbarschaft schon ganz unterschiedliche, auch vorurteils- und angstbehaftete Meinungen gehört hatte. „Ich bin als Künstler generell am Porträt interessiert. Man nähert sich Menschen an, wenn man sie länger betrachtet.“

Um diese Annäherung über seine Kunst auch anderen zu ermöglichen, „einen Dialog mit der Gesellschaft“ zu initiieren, wandte der Fotograf sich an die Kuratorinnen Juliane von Herz und Aileen Treusch, die in früheren Arbeiten bereits den öffentlichen Raum bespielten – unabhängig voneinander jeweils den Rossmarkt, an dem Saloshankas Schau am Sonntag eröffnen wird.

„Er kam mit der klaren künstlerischen Absicht, seine Serie im öffentlichen Raum zu zeigen. ‚Es geht mir um die Sichtbarmachung der Menschen‘, hat er gesagt“, erzählt Juliane von Herz vom Kennenlernen mit dem Künstler. Von Herz und Treusch sind beide interessiert daran, Kunst und Stadtentwicklung zusammenzudenken, in den Leerräumen und Baustellen Frankfurts „die Kunst einzuführen oder Fragen an die Gesellschaft zu stellen“, so von Herz, und zu fragen, „was ist machbar in dieser Stadt“, so Treusch. Die Kuratorinnen verhandelten mit der Stadt über Denkmalschutzauflagen, sprachen mit Kirchengemeinden und Bauentwicklern und haben so insgesamt 13 Orte in Frankfurt ausfindig machen können, von deren Gebäude- und Baustellenfassaden Saloshankas Porträts vier Wochen lang auf Frankfurt blicken werden.

Wer sie sind, erfahren die sie Betrachtenden nicht. Die „bewegenden Geschichten“, die die geflüchteten Frauen und Männer Vitos Saloshanka erzählten, der selbst einst seine Heimat Weißrussland verließ, haben der Künstler und die Kuratorinnen bewusst nicht als Begleittext installiert. „Es sollte immer ein Kunstprojekt sein und bleiben und keine Pro-Flüchtlings-Aufklärungskampagne“, sagt von Herz. Sie betont, dass die Porträts, die fast die Anmutung von Ölgemälden haben, den Menschen die Würde ließen, als Individuum wahrgenommen zu werden – abseits gängiger medialer Flüchtlingsbilder.

Gleichwohl schwängen politische Fragen natürlich mit und werden auch im umfangreichen Begleitprogramm verhandelt. Saloshankas Porträts ermöglichten „einen Blick auf Menschen, die sonst unsichtbar sind“ und deren Unterkünfte im Stadtgebiet sie gleichermaßen schützten und von der Gesellschaft um sie her abgrenzten, sagt von Herz. „Da gibt es immer eine Spannung von innen und außen, von Bewohnern und Bürgern“, ergänzt Kuratorin Treusch. Die Frage nach dem Umgang mit den Neuzugezogenen verstärke ohnehin bestehende gesellschaftliche Debatten, etwa darüber, „wie wir wohnen wollen“. Aber auch die Frage danach, wann und wie aus Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Bürgerinnen und Bürgern werden, wollen Künstler und Kuratorinnen aufwerfen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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