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Flüchtlinge in Frankfurt Big Mac und Philosophie

Der Regisseur Akira Takayama lässt Geflüchtete Vorlesungen bei McDonald’s halten.Das Theaterprojekt hat Europapremiere im Mousonturm in Frankfurt.

Flüchtlinge in Frankfurt
Das Mousonturm-Restaurant hat Architekt Keigo Kobayashi zur Musterfiliale der McDonald’s Radio University umgestaltet. Am Tresen lassen sich aufgezeichnete Vorlesungen bestellen. Foto: Christoph Boeckheler

Einen Big Mac kaufen und ein Happy Meal für die Kinder. Das Fastfood auf dem Plastiktablett zum Tisch balancieren. Gerade noch den Cola-Becher vorm Umkippen bewahren. Tief durchatmen. Und dann doch noch mal kurz am McCafé-Tresen vorbeigehen und eine Vorlesung zum Menü dazu bestellen: „Einmal Philosophie bitte.“ „To Go?“ „Nein, zum hier Anhören, bitte.“

Derart seltsame Szenen könnten sich in den kommenden drei Wochen in verschiedenen Frankfurter und Offenbacher McDonald’s-Filialen abspielen. Denn der japanische Theaterregisseur Akira Takayama, der bereits 2014 mit seinem „Evakuieren“-Projekt für Aufsehen im Rhein-Main-Gebiet sorgte und laut Mousonturm-Intendant Matthias Pees „sehr früh damit begonnen hat, den Theaterraum zu verlassen“, hat die Fast-Food-Kette zur Bühne für sein neuestes Projekt auserkoren. Heute Abend eröffnet die „McDonald’s Radio University“ als erster Teil des „European Thinkbelt“ im Mousonturm, dessen Restaurant der Architekt Keigo Kobayashi dafür eigens zu einer Musterfiliale umgestaltet hat.

Mit dem etwas abstrakten Titel des „Thinkbelts“, eines Denkgürtels also, bezieht sich Takayama auf eine nie verwirklichte Idee des britischen Architekten Cedric Price, der das regionale Eisenbahnnetz seiner Heimat zu einer Universität umwandeln wollte. Diesem Prinzip folgend, wird Takayama nun von Frankfurt ausgehend McDonald’s-Filialen entlang der gesamten Balkanroute bis in die griechische Hauptstadt Athen zu Lernorten machen. „Von Frankfurt bis Athen entsteht der ‚European Thinkbelt‘“, so schreibt es Takayama in den Texten der Begleitausstellung im Mousonturm. „Gleichzeitig ist es ein Theaterprojekt, um die geschlossenen Grenzen zu überqueren, die Städte zu verbinden und das wie Porzellan zerbrochene Europa mit dem Gürtel des Denkens der Flüchtlinge zu reparieren.“

Konkret heißt das, dass von dieser Woche an Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Ghana, Burkina Faso, Eritrea und dem Iran Vorlesungen im Fastfood-Restaurant halten werden, die als Live-Sendung auf Radios empfangbar sind und die Kunden sich am McCafé-Tresen oder als Aufzeichnungen in der Mousonturm-Filiale bestellen können.

Thematisch lassen die 15 Dozierenden dabei ihre persönlichen Forschungsinteressen und Lebenserfahrungen einfließen – ein Musiker aus Damaskus beschäftigt sich mit syrischem Hip-Hop, ein ghanaischer Marathonläufer spricht über die Phänomenologie des Rennens, und eine syrische Architektin imaginiert eine Stadtplanung im zerbombten Aleppo, eine „Zukunft der Ruinen“.

Die Vorträge zeichneten sich nicht durch lautes Sprechen aus, erläutert Mousonturm-Dramaturg Markus Droß. Vielmehr begännen sie einfach an irgendeinem der Restauranttische und fügten sich ein in das Gemurmel der übrigen Restaurantgäste, die auf Wunsch über Kopfhörer zuhören oder sich auch suchend umschauen könnten: „Wer ist es, der hier spricht?“

Auf diese Weise, sagt Akira Takayama selbst, werde die Fast-Food-Filiale zu einem Lernort, der Perspektiven umdrehe. „Warum sollen wir nicht einmal von den Geflüchteten und ihren Erfahrungen lernen?“ Migrantinnen und Migranten stünden stets unter hohem Druck, zu lernen – die Sprache, Bräuche, Umgangsformen ihrer neuen Heimat. Manche der Geflüchteten, die er teilweise schon über sein Vorgängerprojekt „Evakuieren“, teilweise über das Bockenheimer Radioprojekt „Good Morning Deutschland“ kennenlernte, hätten sich ihm mit „Ich bin auf Stufe B1“ vorgestellt, erzählt der Regisseur, der sich als Migrant selbst einst in den Niveaustufen des europäischen Referenzrahmens für Sprachen einordnete.

McDonald’s, für viele Sinnbild globalisierten kapitalistischen Konsums, ist für Takayama ein Zufluchtsort: „offen, tolerant und multikulturell“, wie er sagt – viel vielfältiger und inklusiver also als das Publikum in Theatern und anderen Kulturorten. In seiner Heimat Tokio, wo McDonald’s-Filialen wie auch Internetcafés 24 Stunden geöffnet seien habe man den Begriff des „McRefugees“ oder Internetcafé-Flüchtlings geprägt, um jene zahlreichen jungen Menschen zu beschreiben, die zwar nicht aus anderen Ländern geflohen seien, sich jedoch Nacht für Nacht in die Fast-Food-Restaurants flüchteten, weil sie kein festes Zuhause hätten. „Auch ich musste einst jemandem entkommen und bei McDonald’s leben. Unter den vielen verschiedenen Menschen dort fühlte ich mich geschützt“, sagt Takayama.

McDonald’s an sich sei kein akademischer Ort. „Aber in der Realität werden dort täglich unzählige kleine Vorlesungen gehalten.“ In den kommenden drei Wochen können Interessierte sie gezielt besuchen und zwischen Pommes und Chicken McNuggets dem Wissen der Geflüchteten lauschen.

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