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Flüchtlinge Frankfurt Flüchtlinge machen Radio

Im Radiosender „Good Morning Deutschland“ aus Bockenheim berichten Flüchtlinge über ihr Leben in Deutschland.

Neuer Radiosender für Geflüchtete: Good Morning Deutschland im Studierendenhaus, Mertonstraße 26. Foto: christoph boeckheler 0049.1702932067 mail@boeckheler.com

Der Raum hat schon was von Rumpelkammer. Verdorrte Zimmerpflanzen, ein hochkant abgestelltes Sofa, Aluleiter. Dazu ausrangierte, mit Tags und Aufklebern versehene Seminarmöbel. Riesige Fenster geben den Blick nach draußen frei.

Von dort kommen vor allem fragende Blicke zurück, Blicke von Passanten, die am Studierendenhaus vorbeilaufen. Nicht wegen des Gerümpels, sondern wegen der ganzen Kabel und dem einen Tisch, der mit Technik zugestellt ist und vor dem Frauen in Mikrofone sprechen. Was sie sagen, ist über eine Box auch vor dem Studierendenhaus zu hören. Und übers Internet in der ganzen Welt.

„Good Morning Deutschland“ heißt das Radio aus Bockenheim, das vor allem von Flüchtlingen produziert wird. Und vor allem für Flüchtlinge. Allerdings, wirklich groß ist der Zuhörerkreis noch nicht. Zwischen zehn und hundert Menschen würden die Sendungen verfolgen, berichtet Herbert Karl Mathé, Koordinator des Projekts vom Verein Offenes Haus der Kulturen. Die Mehrzahl von ihnen wohne nur etwa hundert Meter entfernt vom Studio in der Flüchtlingsunterkunft im Labsaal.

Dennoch, Mathé betont, sie hätten das Programm gerade ausgebaut. Sieben Moderatorinnen produzierten jetzt drei Sendungen wöchentlich im Studierendenhaus. Dazu kommt eine Sendung, die von Flüchtlingen in Stuttgart produziert werde. Einst gab es einen dritten Produktionsstandort in Donaueschingen, im Südwesten Baden-Württembergs; die Radiomacher haben die einst große Flüchtlingsunterkunft auf dem dortigen Kasernengelände aber mittlerweile verlassen.

In Donaueschingen hatte das Projekt auch begonnen. Die Idee dazu kam vom Bockenheimer Hannes Seidl: Für die Donaueschinger Musiktage wollte der 39-jährige Komponist auf die Musik aufmerksam machen, die mit den Flüchtlingen nach Deutschland kommt. Er wollte ein Radio schaffen für die mehr als 2000 Flüchtlinge, die in Donaueschingen zum Ende des Jahres 2015 in einer Notunterkunft untergebracht waren. Der erste Sendetag wurde im Mai ausgestrahlt, da waren auch schon Flüchtlinge in Frankfurt und Stuttgart im Projekt dabei. Seidl betont, er habe mit „Good Morning Deutschland“ ein „Instrument der Selbstermächtigung“ aufbauen wollen; es sei für ihn klar gewesen, die Flüchtlinge müssten das Radio irgendwann übernehmen. Und so kam es dann. Im vergangenen Herbst stieg der Initiator aus.

Ruba Al Kudsi ist erst vor vier Monaten zum Redaktionsteam in Frankfurt dazugestoßen. Zehn Jahre habe sie in Syrien als Journalistin gearbeitet, berichtet sie im kleinen Radiostudio des Studierendenhauses, dann kam der Krieg. Vor fünf Jahren floh Al Kudsi mit ihren beiden Kindern nach Frankfurt. „Deutschland auf Arabisch“ heißt ihre wöchentliche Radiosendung, in der sie zwischen den Sprachen Deutsch, Englisch und Arabisch wechselt.

Worum es geht? „Alles über Deutschland“ sei das Thema, sagt Al Kudsi. Aber eben aus Sicht der Zugewanderten. Beispielsweise Tierrechte. Al Kudsi berichtet, dass der Blick auf das Thema sehr unterschiedlich sei in Syrien und Deutschland. In Syrien würden Tierrechte „überhaupt nicht“ diskutiert, sagt die 47-Jährige, „wir brauchen ja auch erst einmal Menschenrechte dort“.

Oder das Thema Essen. Es werde sicher bald mehr syrische Restaurants in Bockenheim geben, erläutert Rita Bariche vor einem Mikrofon, das mit Klebestreifen an der Halterung befestigt ist. Sie ist nicht zum ersten Mal zu Gast bei „Deutschland auf Arabisch“. Ihr Projekt: ein Kochbuch für die syrische Diaspora, derzeit sammelt die 36-Jährige Rezepte. Kulinarisch sei es für Flüchtlinge in Deutschland nicht immer einfach, erläutert sie. „Was bedeutet Bio? Was ist ein Christstollen? Wie kann ich Frühstück machen, mit den Dingen, die ich hier im Supermarkt finde?“ Das würden sich die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften etwa fragen. Wo gibt es kulturelle Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Al Kudsi sagt, darum gehe es im Grunde bei ihr in der Sendung.

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