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Flüchtlinge Euphorie ist verpufft, die Hilfsbereitschaft bleibt groß

Von der Willkommenskultur zur Integration: Die Themen in der Flüchtlingshilfe sind komplexer geworden. Es geht um Sprache, Ausbildung und Aufenthaltsstatus.

28.08.2018 14:02
Monika Remé
Flüchtlingshelfer
„Welcome to Frankfurt“: Hunderte Helfer spenden Anfang September 2015 Wasser und Lebensmittel für die am Bahnhof eintreffenden Flüchtlinge. Foto: Rolf Oeser

Am Ende war Nasir Amiri zu müde zum Tanzen. Die Stände des Rottweiler Straßenfestes im Gutleutviertel baute er noch mit ab, dann ließ er die Gäste alleine unter den Kastanien weiterfeiern. Stundenlang hatte Amiri den Stand des Gude-Leut’-Nachbarschaftsvereins betreut. „Es freut mich zu helfen“, sagt er.

Im Spätsommer 2015 verteilten Hunderte Frankfurter am Bahnhof Essen und Decken an Flüchtlinge. Die Stadt machte Turnhallen und Hotels zu Notunterkünften, soziale Träger sprangen ein. In vielen Stadtteilen bildeten sich Initiativen, die Deutschkurse und Orientierungshilfen anboten. Das Chaos war groß, die Euphorie ebenso – bei den Flüchtlingen, weil sie angekommen waren, und bei den Helfern, weil sie etwas Neues schufen, das später als Willkommenskultur bezeichnet und gefeiert wurde. 

Viele wollen Flüchtlinge immer noch unterstützen 

Im Spätsommer 2018 ist die Anfangseuphorie verpufft. Für Flüchtlinge geht es jetzt um komplexere Themen. Wenn sie nicht um ihren Aufenthaltsstatus bangen, müssen sie Prüfungen schaffen, wollen Geld verdienen, eine Wohnung finden, hier ankommen. Auch die Unterstützung hat sich verändert. Doch die Bereitschaft, Menschen beim Ankommen zu begleiten, ist weiterhin groß. 

„Eigentlich könnten wir uns in Nasir-Unterstützerkreis umbenennen“, sagt Miriam Kapinus und lacht. Mit zwei weiteren Mitstreiterinnen aus dem Gude-Leut’-Verein rief die Psychologin 2015 einen wöchentlichen Kochabend für Geflüchtete in ihrem Viertel ins Leben. „Das war damals irgendwie in“, erinnert sie sich. Aus dem Kochabend wurde ein offener Deutschtreff, den jetzt noch ein bis drei Personen pro Woche besuchen. Nasir Amiri war von Anfang an dabei. Inzwischen sind sie Freunde geworden. Laut der Stabsstelle Flüchtlingsmanagement der Stadt Frankfurt bieten insgesamt mehr als 70 Initiativen ehrenamtliche Unterstützung für Flüchtlinge an. Auch wenn der Hype vorüber ist, melden sich zum Beispiel bei der AWO-Ehrenamtsagentur jede Woche eine Handvoll neuer Interessenten. „Wir sind begeistert davon, dass so viele Leute noch immer dabei sind“, sagt Katrin Wenzel, die Pressesprecherin der Stabsstelle. „Leider bleiben solche positiven Nachrichten oft unerwähnt.“

In einigen Bereichen gebe es sogar ein Überangebot, weiß Stephanie Horn. Sie ist Ehrenamtskoordinatorin beim Evangelischen Verein für Wohnraumhilfe, der 17 Übergangsunterkünfte unterhält und weitere Hotels und Wohnheime für Geflüchtete betreut. Horn ermittelt, was die Bewohner brauchen, und begleitet ehrenamtliches Engagement.

Wenn beispielsweise ehrenamtliche Deutschkurse in den Unterkünften leerbleiben, versucht sie die Aktiven zu beraten, sich die Situation der Menschen genauer anzusehen. Deutsch lernen ist zwar weiterhin eine große Baustelle, aber die Flüchtlinge wissen, dass sie Zertifikate in offiziellen Kursen erwerben müssen, um Ausbildung oder Arbeit zu finden. Sprachcafés oder offene Treffs, in denen sie Deutsch üben, sich Unterstützung für bevorstehende Prüfungen suchen und außerhalb der Unterkünfte mit Menschen in Kontakt kommen, sind oft die bessere Alternative.

Wenn Angebote auslaufen, weil die Nachfrage ausbleibt, vermittelt Horn Freiwillige in Tandemprogramme. Dafür sucht sie ständig neue Ehrenamtliche, die ihre Partner bei Arbeits- und Wohnungssuche, bei Behördengängen oder weiteren Anliegen im Alltag unterstützen. „Am Anfang ging es einfach um Existenzielles. Jetzt geht es um Autonomie“, erklärt Horn, und da gelte: „Je individueller die Unterstützung, desto besser.“

Das haben auch die öffentlichen und sozialen Träger in Frankfurt erkannt. Conrad Skerutsch leitet die gemeinnützige Gesellschaft für das Frankfurter Arbeitsmarktprogramm (FRAP). Er möchte nicht frustriert klingen, aber wenn er sagt, dass er vieles inzwischen realistischer sehe, klingt es doch ein bisschen so. Nur etwa 15 Prozent der Menschen, die 2015 nach Frankfurt kamen und in einem Alter sind, das für den Arbeitsmarkt interessant ist, hätten inzwischen Arbeit oder Ausbildung gefunden, schätzt er. Das hatte er sich anders vorgestellt, als ihm Unternehmen vor drei Jahren die Türen einrannten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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