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Feuerwehr Frankfurt Als Reinhard Ries die Hoechst-Vorstände schockierte

In wenigen Tagen scheidet der Frankfurter Feuerwehrchef aus dem Amt. Im Interview spricht Reinhard Ries über die Risiken von Dämmstoffen in der Fassade und seinen spektakulären ersten Einsatz.

Der Fuhrpark ist einheitlich, die Frankfurter Feuerwehr personell gut aufgestellt: Reinhard Ries ist zufrieden. Foto: Monika Müller

Herr Ries, wie oft denken Sie in diesen Tagen zurück an den Rosenmontag vor 25 Jahren?
Sie meinen den Chemieunfall bei der Hoechst AG. Klar werde ich kurz vor meinem Abschied oft danach gefragt, wie das war, als der sogenannte gelbe Regen niederging. Ich war damals erst drei Wochen im Amt, es war der erste Einsatz, den ich in Frankfurt leitete. Und es war einer der härtesten Feuerwehr-Einsätze, die es in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland gegeben hat.

So schlimm?
Ja. Es waren ja Tausende Menschen betroffen. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten Schwanheim, Goldstein und Griesheim evakuieren müssen. Dann hätte es eine Panik gegeben. Mit Verletzten, möglicherweise auch mit Toten.

Die Hoechst AG teilte damals recht schnell mit, es bestehe keine Gefahr …
Das war eine absurde Situation. Ich wurde morgens angerufen, weil in Griesheim ein gelber Stoff auf der Straße lag. Ich bin hingefahren, ohne Blaulicht, ich ahnte ja nichts Böses. Vor Ort war alles gelb, und wir hatten keine Ahnung, worum es sich handelte.

Um o-Nitroanisol, das im Werk Griesheim aus einer Farbenfabrik ausgetreten war …
Das haben wir deutlich später herausgefunden. Jedenfalls habe ich dann erst mal nach der Windrichtung zum Zeitpunkt des Unfalls um 4 Uhr morgens gefragt. Der Wind ging nach Süden. Also habe ich einem Mitarbeiter gesagt, er soll mal nach Schwanheim fahren, ob da auch etwas von dem Stoff liegt.

Und plötzlich sagt mir jemand, dass bei der Hoechst AG schon eine Pressekonferenz läuft. Das fand ich sehr verwunderlich. Ich bin schnell hingefahren und habe mich hinten in die Ecke gesetzt und zugehört. Da haben dann die Vorstände gesagt, es sei alles in Ordnung, das Unternehmen bezahle die Autowäsche. Ich fand das völlig befremdlich. Niemand wusste zu der Zeit, ob der Stoff noch in der Luft ist. Na ja, und dann kam der Funkspruch.

Welcher Funkspruch?
Vom Mitarbeiter, den ich nach Schwanheim geschickt hatte. Der sagte: „Chef, hier ist alles gelb.“ Da bin ich in der Pressekonferenz aufgestanden, habe mich erst einmal vorgestellt und gesagt: Hier ist gar nichts in Ordnung, wie gerade erzählt wird, ich verhänge den Ausnahmezustand.

Wie haben die Hoechst-Vorstände reagiert?
Denen ist alles aus dem Gesicht gefallen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Einige Stunden später kam aber zumindest die Nachricht, dass die Luft sauber ist. Dann begann unser Einsatz. Die Feuerwehr war damals leider längst nicht so gut aufgestellt wie heute. Wir waren chronisch unterbesetzt und hatten einen wild durchmischten Fuhrpark. Aber wir haben die Situation in den Griff bekommen. Entscheidend war die Information der Bevölkerung. Ich bin immer ehrlich mit den Leuten umgegangen. Ich weiß noch, wie ich in Sindlingen in der Kirche stand und gesagt habe: „Ich kann euch nichts versprechen, nur eines: Wenn wir doch evakuieren müssen, bin ich der Letzte, der das Gebiet verlässt.“

So wie damals die Hoechst-Manager müssen sich heute Lobbyisten der Bauwirtschaft fühlen, wenn Sie über den Dämmstoff Polystyrol sprechen …
Die sind darüber nicht begeistert, aber ich bin der Bevölkerung gegenüber verantwortlich. Wenn man Polystyrol verwendet, dann braucht man in jedem Stockwerk einen Brandriegel. Sonst bekommen Sie im Brandfall an der Fassade in Windeseile ein Feuer, das man nur sehr schwer löschen kann. Das hat man 2012 gesehen beim schlimmen Feuer auf der Baustelle an der Adickesallee. Wären Menschen in dem Gebäude gewesen, die hätten wir nicht mehr retten können.

Kritiker werfen Ihnen vor, Sie schürten Ängste. Was entgegnen Sie?
Der Brand an der Adickesallee war auch in Frankfurt nicht das erste Feuer, das durch Polystyrol außer Kontrolle geraten ist. Wir hatten zwei Jahre zuvor den Brand des Wohnhauses an der Dreieichstraße. Der ging auch von der Fassade aus. Wir mussten 21 Menschen über Leitern retten, eine Person ist auf ein Vordach gesprungen. Es häufen sich bundesweit die Berichte von entsprechenden Bränden. Zuletzt hat in der Silvesternacht die Fassade eines Wohnhauses in Ginnheim gebrannt, da war auch Polystyrol verbaut. Ich weiß, dass es die Ansicht gibt, die Fassade habe gar nicht gebrannt, aber unser vor Ort eingesetzter Einsatzleiter und Fotos von der Brandstelle sprechen eine andere Sprache. Die Industrie hat die sichere Verwendung von Polystyrol bei der Dämmung von Fassaden mit den Feuerwehren leider nicht abgestimmt.

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