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Felix Semmelroth Antisemitismus wieder „deutlich offener und brutal“

Der Kampf gegen Antisemitismus ist „eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft“ - nicht etwa allein Sache der jüdischen Bevölkerung, sagt Felix Semmelroth, der neue Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung.

Felix Semmelroth
„Antisemitismus tritt wieder öffentlich hervor und findet Resonanz“, stellt Felix Semmelroth klar. Foto: Christoph Boeckheler

Herr Semmelroth, für Sie wird gerade ein Büro in der hessischen Staatskanzlei eingerichtet. Glauben Sie, dass Ihre neue Aufgabe als Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung in erster Linie ein Bürojob sein wird?
Ganz sicher nicht. Natürlich braucht man ein Büro, um Termine zu koordinieren. Aber hauptsächlich werde ich Gespräche führen, in Hessen unterwegs sein und Kontakt zu den jüdischen Gemeinden aufnehmen. Und natürlich auch mit Initiativen gegen Antisemitismus und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich von diesen Gesprächen?
Ich brauche ja erst einmal einen Eindruck und einen Überblick darüber, was schon gegen Antisemitismus getan wird. Dann geht es darum, welche Formen antisemitischer Übergriffe es gibt: verbale, physische, psychische...

Irgendwann werden Sie diese Erkenntnisse beisammen haben. Was machen Sie dann damit?
Das kann ich Ihnen auch noch nicht so genau sagen. Vor mir hat dieses Amt in Hessen ja noch niemand ausgeübt. Es wird darauf ankommen, herauszufinden, wie sich Antisemitismus äußert, welche verschiedenen Ausdrucksformen es gibt, wie er sich darstellt. Und dann müssen wir darüber reden, wie wir Öffentlichkeit herstellen und diese Öffentlichkeit dazu bringen, sich dem Antisemitismus stärker entgegenzustellen.

Wir reden von Antisemitismus in der Einzahl. Das entspricht längst nicht mehr der Realität...
Natürlich. Antisemitismus hat sich verändert. Es gibt nach wie vor den Antisemitismus der Alt-Nazis, der sogenannten Unverbesserlichen. Aber es gibt eben auch neue Formen: Einen antizionistisch verbrämten Antisemitismus. Den Antisemitismus von muslimischen Migranten. Und nicht zuletzt gibt es auch den bürgerlichen Antisemitismus, der sich sehr stark kaschiert. Die haben alle unterschiedliche Quellen. Da gilt es hinzuschauen, um dann kurz- und langfristige Gegenstrategien zu entwickeln.

Antisemitismus hat es auch nach 1945 gegeben. Warum kommen Land und Bund erst 2018 auf die Idee, Antisemitismusbeauftragte zu ernennen? Hat man sich zu lange Zeit gelassen?
Ich glaube, diesen Vorwurf sollte man redlicher Weise niemandem machen. Antisemitismus hat sich immer unterschiedlich geäußert. In den 50er und 60er Jahren gab es vor allem das kommunikative Beschweigen des Nationalsozialismus. Ende der 60er und Anfang der 70er gab es dann den anti-israelischen Antisemitismus gerade in der deutschen Linken. Was wir in jüngerer Zeit jedoch feststellen, ist, dass sich Antisemitismus wieder deutlich offener, dreister, herabsetzender und oft auch brutal äußert. Das betrifft keineswegs nur muslimische Migranten – wie man oft hört –, sondern auch Rechtspopulisten, mit einer aggressiven Relativierung der Vernichtung der europäischen Juden. Ich erinnere nur an den AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland und seinen Vergleich, den ich hier nicht wiedergeben möchte, weil er so schändlich ist. Aber er zeigt: Antisemitismus tritt wieder öffentlich hervor und findet Resonanz.

Trotzdem wurden Antisemitismusbeauftragte erst ernannt, nachdem man ausführlich über den Antisemitismus der „Anderen“ – sprich: muslimischen Antisemitismus – diskutiert hat. Fällt es der Politik leichter, etwas zu unternehmen, wenn man den Schwarzen Peter einer anderen Gruppe zuschieben kann?
Auch diesen Vorwurf finde ich nicht berechtigt. Es gibt ja schon eine ganze Reihe von Projekten gegen Antisemitismus – auch hier in Frankfurt. Denken Sie an die Bildungsstätte Anne Frank, das Fritz-Bauer-Institut und zahlreiche Initiativen des Kultus-, des Sozial- und des Innenministeriums! Die Einführung von Antisemitismusbeauftragen auf Bundes- und Landesebene ist der Versuch, diesen Kampf noch mal zu verstärken und sichtbarer zu machen.

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