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Familienrechtler Ludwig Salgo „Erwartungen an Kinder sind zu hoch“

In guter Absicht werden Kinder heute völlig verplant. Doch "stressfreie Zeiten, sind für Kinder nicht zu unterschätzen", sagt Familienrechtler Ludwig Salgo. Im FR-Interview spricht er über seinen Einsatz für die Rechte der Kinder und die Zeit als Hausbesetzer in Frankfurt.

30.03.2012 21:41
Zwischen Klavier, Hausaufgaben und Yoga - Kinder sind heutzutage oft im Terminstress. Foto: dapd

In den Gängen der Fachhochschule sind nur vereinzelt Studierende unterwegs. Semesterferien. Im dritten Stock im Fachbereich 4 – Soziale Arbeit und Gesundheit – sitzt Ludwig Salgo in seinem Arbeitszimmer. Die Bücherregale sind teils leer: Der Kollege, mit dem er lange den Raum geteilt hat, ist schon weg. Auch für Salgo stehen Kartons bereit, er wird in den nächsten Wochen packen. Seit Ende Februar ist er im Ruhestand.

Herr Salgo, kürzlich war Ungarns rechtskonservativer Premier Viktor Orbán in Frankfurt. Waren Sie dabei, als Demonstranten ihm Rassismus oder die Einschränkung der Pressefreiheit vorgeworfen haben?

Nein. Aber: Die Politik dieser Regierung gefällt mir ganz und gar nicht. Orbán scheint noch nicht in Europa angekommen zu sein.

Ist Ungarn für Sie noch Heimat?

Es war vielleicht vor einigen Jahren noch eher als heute Heimat für mich. Ich weiß aber jetzt auch, warum es für mich richtig war, nicht in diesem Land zu leben. Etliche Talente überlegen, für die nächsten Jahre Ungarn erst mal zu verlassen; andere weigern sich, ins heutige Ungarn zu fahren. Als meine Heimat würde ich Frankfurt und die Bundesrepublik Deutschland bezeichnen.

Sie sind 1956, nach der gescheiterten Revolution, als Zehnjähriger mit Ihrer Mutter und Ihrer Schwester aus dem kommunistisch geprägten Ungarn geflüchtet. Haben Sie noch viele Erinnerungen an dieses Ereignis?

Ja, das war schon spannend. Wir wurden mit Planwagen an die Grenze geschleust. Da kamen noch Soldaten an, die man dann mit Geld zufriedenstellen musste. Ich bin auch in einen Wassergraben an der Grenze gefallen. Aber das ist alles Erinnerung und schon lange her.

Ihr Lebensthema sind die Rechte von Kindern. Gibt es Gründe dafür in Ihrer Biografie, ein Schlüsselerlebnis?

Dass ich mich mit sozialer Elternschaft und Recht beschäftige, überhaupt Elternschaft, dem Verhältnis Eltern-Kind-Staat, das könnte schon auch biografische Gründe haben. Ich bin als Angehöriger einer Großgrundbesitzerfamilie mit jüdischem Hintergrund als Zweijähriger aus Budapest in die Provinz ausgewiesen worden, weil ich als Klassenfeind galt.

Das war zu einer Zeit, als die Sowjets Einfluss hatten.

1947 bis 1949 durfte ich nicht in der Hauptstadt leben. Ich habe noch immer die Verfügung des Polizeipräsidenten von Budapest.

Weil Sie Kind von Großgrundbesitzern waren?

Ja, unerwünscht. Ich bin später bei einem Großonkel etliche Jahre groß geworden und weiß die soziale Elternschaft zu schätzen.

Im Gegensatz zur leiblichen.

Auch Personen, die nicht die leiblichen Eltern sind, können sehr, sehr wichtige Bezugs- und Bindungspersonen für Kinder sein. Wir sehen das heute auch in der Bindungsforschung. Man wundert sich, dass manche Kinder, die eine belastete Kindheit haben – was ich von mir nicht sagen würde –, das dennoch relativ gut überstehen. Da gibt es die Resilienzforschung, die sagt insbesondere, dass andere Personen offensichtlich für dieses Kind sehr wichtige ausgleichende Funktion haben können.

Wie haben Sie Ihre eigene Kindheit erlebt, waren Sie glücklich?

Ich hatte eine behütete Kindheit. Gut, es gab die Trennung der Eltern und so weiter, das hat mich nicht so sehr berührt. Es gab ein Verwandtschaftsnetz von Onkeln und Tanten, die für mich sehr wichtig waren. Die haben mich auch aufgefangen.

Ihr Vater war seit 1948 in den USA.

Ich habe ihn erst 1957 hier in Frankfurt getroffen. Dazwischen gab es nur Briefe. Danach war ich aber dann fast jeden Sommer bei ihm. Das war für mich fantastisch, ich habe die Ferien in New York verbracht. Er hat dort in der Hotelbranche eine amerikanische Karriere gemacht.

Und Ihre Mutter?

Sie lebte in Deutschland.

Wie ging es Ihnen hier?

Wir wurden 1956 als Helden aufgenommen, die es den Russen gezeigt hatten. Ich kann mich nur an ganz wenige Situationen erinnern, wo ich mal einen Nachteil davon hatte, dass ich nicht Deutscher war. Zunächst hatte ich zum Erlernen der deutschen Sprache ein Stipendium am Birklehof, Hinterzarten bekommen. Ich wurde danach ins altsprachliche Spohn-Gymnasium in Ravensburg aufgenommen, obwohl ich eigentlich die Prüfung nicht bestanden hatte; zwar konnte ich recht gut Deutsch sprechen, meine Rechtschreibung war aber noch katastrophal. Aber der Direktor hat gesagt: „Den Ungarn, den nehmen wir.“ Ich habe in einem kurzen Diktat Dutzende Fehler gemacht, später aber war ich beim Abitur in Deutsch unter den Besten meiner Klasse.

Haben Sie selbst Kinder?

Zwei erwachsene Töchter und einen neunjährigen Sohn.

Kinder sind in Deutschland Privatsache

Hat sich Kindheit nicht sehr verändert? Viele Kinder sind heute in ein enges Korsett aus Schule und Nachmittagsaktivitäten eingebunden und stehen praktisch ständig unter Aufsicht.

Ab Ende des 18. Jahrhunderts bis heute haben wir eine Aufwärmung, eine Emotionalisierung der Eltern-Kind-Beziehung. Das mag auch damit zusammenhängen, dass früher Kinder oft verstorben sind, das mag auch mit Erkenntnissen der Psychologie, der Psychoanalyse, der Bindungsforschung zusammenhängen. Es könnte aber auch sein, dass wir nicht nur eine Aufwärmung der Eltern-Kind-Beziehung haben, sondern eine Überhitzung.

Was meinen Sie damit?

Es könnte sein, dass in Kinder Erwartungen gesetzt werden, die sie nicht erfüllen können. Alles ist fragwürdig geworden – die Beziehungen, die religiösen Bindungen, Familie, der Beruf, die Karriere – und man sieht jetzt nur noch einen Bereich, der für immer ist und den mir keiner nehmen kann. Das sind meine Kinder. Eine solche Haltung könnte auch gefährlich sein. In guter Absicht werden Kinder heute völlig verplant. Das sind alles wohlmeinende Eltern, die aber vielleicht auch zu viel des Guten machen. Freiräume, stressfreie Zeiten, sind für Kinder nicht zu unterschätzen.

Wie steht es denn um die Rechte von Kindern in Deutschland?

Durchwachsen. Es gibt durchaus positive Entwicklungen. Aber in Deutschland spielen im Verhältnis Eltern-Kind-Staat zugleich die Schatten der Vergangenheit eine große Rolle. Kinder sind in Deutschland nach wie vor Privatsache; es gibt keine selbstverständliche Verantwortung von Gesellschaft und Staat für die nachkommende Generation. Kinderrechte haben es wegen historischer Belastungen in Deutschland schwer, sich erforderlichenfalls auch gegenüber Elternrechten zu behaupten. Wohlmeinende Haltungen von Gerichten und Behörden Eltern gegenüber haben immer wieder dazu geführt, dass massive Gefährdungen von Kindern übersehen oder gar ignoriert wurden.

Und da haben Sie sich zum „Anwalt des Kindes“ gemacht, wie Ihr bekanntestes Buch heißt.

Ob ich mich dazu gemacht habe oder dazu gemacht wurde – wie auch immer. Wir haben hier ganz klar eine strukturelle Unterlegenheit von Kindern, und die Frage ist, wie gleichen wir das aus? Die meisten Kinder haben es recht gut bei ihren Eltern. Und viele Eltern, die Probleme haben, bekommen auch wirksame Hilfen – vom Jugendamt oder freien Trägern. Aber wir tun uns sehr schwer damit, für eine relativ kleine Gruppe von Kindern, die an ihren Eltern scheitern, langfristig gute Lebensverhältnisse zu schaffen.

Woran liegt das?

Das liegt auch daran, dass manche nicht bereit sind anzuerkennen, dass es auch Kinder gibt, die bei ihren Eltern keine Zukunft haben.

Sie meinen, Kinder werden dann zu lange in den Familien gelassen?

Intervention steht hier immer vor einem quälenden Dilemma: zu früh, zu spät, zu viel oder zu wenig. Dass zu lange zugewartet wird, höre ich immer wieder in der Praxis. Es wird sehr viel mal ausprobiert und nicht zuerst diagnostiziert, was eigentlich genau das Problem ist. Es gibt ja durchaus Lebenslagen, für die Eltern nichts können. Die sind zum Beispiel psychisch krank, abhängig von Suchtmitteln und wir tun uns sehr schwer, in dieser Situation zu sagen, was dies für die Kinder eigentlich bedeutet. Oft ist es Mitleid mit Eltern, was dazu führt, die Kinder zu übersehen.

In den 70ern war die ganze Stadt solidarisch mit Hausbesetzern

Hängen wir zu sehr an den leiblichen Eltern?

Manche glauben, dass Kinder ohne ihre leiblichen Eltern keine Perspektive hätten. Das ist aber ein Irrtum, weil wir gute Einrichtungen und gute Pflegeeltern haben. Dass auch in Pflegefamilien mal was schiefläuft, das gibt es natürlich. Aber den meisten dieser Kinder geht es gut. Der Umstand, dass Elternschaft auch scheitern kann, ist für manchen einfach nicht vorstellbar und hinnehmbar. Die Kinder- und Jugendhilfe erreicht die meisten gefährdeten Kinder mit und über ihre Eltern, aber dies gelingt nicht immer.

Sie haben dafür gekämpft, dass die Kinder nicht zwischen den Interessen ihrer Eltern zerrieben werden.

Die Behörden verstehen sich als überparteilich und nicht auf die Kinder konzentriert. Das Gericht – wenn es denn zu einer Gerichtsentscheidung kommt – muss als neutrale Instanz eine völlig offene Haltung einnehmen. Somit war niemand da, der sich ausschließlich auf die Interessen der Kinder konzentrieren konnte, und darin habe ich ein Defizit erkannt. Mit dieser Einschätzung bin ich im Bundesjustizministerium letztlich auf Zustimmung gestoßen. Das hat dann dazu geführt, dass wir ab 1998 den Verfahrenspfleger – oder Verfahrensbeistand, wie er heute heißt – eingeführt haben: eine unabhängige Interessensvertretung für Kinder in den familiengerichtlichen Verfahren.

Wie finden Kinder das?

Die Erkenntnisse und Berichte, die wir haben, sind relativ ermutigend: Die Kinder fühlen sich in der überwiegenden Mehrzahl viel sicherer, wenn sie an ihrer Seite einen Verfahrensbeistand wissen. Sie sagen auch, dass sie das Verfahren besser verstehen.

Sie beschäftigen sich nicht gerade mit den rosigen Seiten des Lebens. Wie schaffen Sie es, sich nicht zu sehr davon mitnehmen zu lassen?

Ganz entscheidend ist die Kommunikation, die ich seit Jahrzehnten pflege mit befreundeten Kolleginnen und Kollegen: Kinderpsychiatern, Psychologen, Psychoanalytikern. Das hilft sehr. Wir sehen ja auch, dass viele Kinder von diesen Reformen profitieren, für die wir uns eingesetzt haben, und das ist doch schon etwas.

Themawechsel. Sie haben in den 70er Jahren in Frankfurt studiert und gehörten zu den ersten Hausbesetzern. Erst kürzlich haben Studierende wieder Häuser besetzt, um gegen den Wohnungsmangel zu protestieren. Was dachten Sie da?

Die Situation ist nur zum Teil vergleichbar. Damals hatte sich die Stadtpolitik entschieden, das Westend zu einer Bürostadt zu machen. Dort wurden in dieser Phase mehr intakte Häuser zerstört als durch den Zweiten Weltkrieg. Und dagegen, gegen die Zerstörung eines intakten Stadtteils und die Vertreibung von Bewohnern, haben wir uns gewandt und hatten deshalb die Solidarität des gesamten Westends und darüber hinaus. Es ging also weit über die aktuelle Frage nach bezahlbarem Wohnraum für Studenten hinaus. Es ging auch um neue Wohn- und Lebensformen. Es ist gut, dass Studierende heute wieder Hausbesetzungen wagen, aber es war schon eine andere Situation. Deshalb hat es die Politik heutzutage auch relativ leicht, diese Häuser zu räumen, ohne größere Unruhen zu provozieren. Um 1970 wäre das nicht möglich gewesen, weil die ganze Stadt solidarisch war mit uns. Ohne die Hausbesetzung wäre das Westend damals weiter zerstört worden.

Ende Januar sind Sie feierlich in den Ruhestand verabschiedet worden. Was haben Sie jetzt für Pläne?

Ich werde weiter forschen, schreiben, beraten, Fortbildungen machen, bin ja auch noch als außerplanmäßiger Professor an der Goethe-Universität. Sehr viel wird sich, glaube ich, nicht verändern. Vielleicht weniger Stress, das hoffe ich. Und dann habe ich eine Riesenherausforderung durch unseren Sohn, der mich braucht, und neuerdings habe ich auch einen Enkel. Insofern habe ich keine Angst, dass es langweilig wird.

Das Interview führte Sabine Hamacher

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