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Familie Wertheim Auf der Suche nach den Vorfahren

Der Münchner Carlos Guilliard hat eine bewegte deutsch-jüdische Familienchronik über die Familie Wertheim verfasst.

Maria Wischanowska und Wolfgang Ambrosius Bäuml
Maria Wischanowska und ihr Neffe Wolfgang Ambrosius Bäuml, der Vater des Autors. Foto: privat

Die Geschichte dieses Buches beginnt im Frankfurter Stadtarchiv. Dorthin verschlägt es Carlos Guilliard im März 2003. Der Münchner ist auf der Suche nach seinen Wurzeln. Nach Informationen zu seinem Vater, den er nie kennengelernt hat, und nach weiteren Angehörigen der großen Familie Wertheim, zu der Guilliard irgendwie dazugehört. Als die freundlichen Mitarbeiter des Stadtarchivs auf Guilliards Bitte nach Informationen über Joseph Wertheim mehrere mannshohe Rollcontainer herbeischaffen, staunt Guilliard nicht schlecht und ahnt vielleicht schon, dass Arbeit auf ihn zukommt. Dass er gut 15 Jahre später ein mehr als 300 Seiten starkes Buch über „Das verschollene Erbe der Wertheims“ vorlegen wird, ahnt er sicherlich noch nicht. 

Der große Stammvater und treibende Kraft ist Joseph Wertheim. Als Guilliard die Dokumente im Stadtarchiv sichtet, ahnt er ebenfalls noch nicht, dass Joseph Wertheim sein Uropa ist. Der macht sich 1854 von Rotenburg an der Fulda über Bremerhaven auf den Weg nach New York. Der gelernte Mechaniker ist dort als Aushilfe in einem Tabakladen zunächst hoffnungslos unterfordert. Während seines Müßiggangs kommt ihm die Idee, in eine Werbefigur im Schaufenster des Tabakladens eine kleine Dampfmaschine einzubauen, damit die Figur tatsächlich raucht. Die Dampf ablassende Tabakfigur erregt großes Aufsehen und in der Menschentraube auf dem New Yorker Trottoir steht ein Mann, der auf den zukünftigen Werdegang Wertheims Einfluss hat: Isaak Merrit Singer. Der Unternehmer bietet ihm ohne Federlesens einen Job als Mechaniker in seiner Nähmaschinenfabrik an.

Wertheim erlebt den Aufstieg der Singer-Nähmaschinen mit und kehrt 1858 nach Deutschland zurück. Sein Schwarm aus Kindertagen, Rosalie Ballin, ist zu dieser Zeit schon nach Frankfurt übergesiedelt, wo ihr Vater in der Fahrgasse einen Handel für Tuchwaren betreibt. Wertheim folgt ihr nach Frankfurt, auch weil er sich in der freien Reichsstadt mehr Chancen für sein angestrebtes Nähmaschinengewerbe erhofft. Doch das ist gar nicht so leicht, denn dafür braucht es Bürgerrechte, die der unverheiratete Wertheim noch nicht hat. Offenbach und Hanau sind zu diesem Zeitpunkt fortschrittlicher und in der Industrialisierung weiter. Wertheim eröffnet seine erste Fabrik daher 1863 zunächst in Hanau. Erst vier Jahre später erteilt das damals noch selbstständige Bürgermeisteramt von Bornheim die Erlaubnis für eine große Nähmaschinenfabrik in der Burgstraße.

Die meisten dieser Informationen erhält Guilliard nicht im Stadtarchiv, aber sein Interesse ist nach dem Besuch dort geweckt. Über Erika Hahn von der Organisation „Frankfurt lädt ein“ erfährt er im März 2003, dass er einen noch lebenden Chronisten der Familiengeschichte gerade verpasst hat. Wertheims Urenkel Albert Ullin war aus Melbourne zu Besuch in seiner Heimatstadt Frankfurt. Guilliard besucht Ullin im Januar 2004 in Melbourne und staunt darüber, dass sein Vetter kistenweise Dokumente, Aufzeichnungen und Bilder hat. Selbst eine Abschrift des 40-seitigen Testaments von Joseph Wertheim ist vorhanden. Ullin erzählt auch über weitere Verwandte in den USA. „Von Ullin wurde ich weitergereicht“, erinnert sich Guilliard. Er lernt dabei auch Berthold Engel kennen, einen Nähmaschinensammler aus Bad Orb, der aus verschiedenen Stadtarchiven in Hessen viel über den Nähmaschinenpionier zusammengetragen hat.

Der heute 47-jährige Guilliard taucht immer tiefer in die Familienchronik ein, die gar nicht so leicht zu überblicken ist. Denn allein aus der Ehe von Joseph und Rosalie Wertheim gehen zehn Kinder hervor. Der wichtigste Sprössling für den Erhalt des Familienunternehmens wird der 1868 geborene Karl Gustav Wertheim, der die Firma vor dem Zugriff der Nazis schützt, indem er sie nach Barcelona verlegt. Jenen Karl Gustav Wertheim, der sich in Spanien Carlos Vallin nennt, hält Guilliard zunächst für seinen Großonkel. Im Verlauf seiner Recherche erfährt er allerdings, dass es sein Opa war. Denn Guilliards Vater Wolfgang Ambrosius Bäuml ist der uneheliche Sohn von Vallin.

 

Guilliard gelingt es auch, mehr über seinen Vater herauszufinden. Der wird von Vallin als Alleinerbe des stattlichen Wertheim-Vermögens auserkoren, muss dafür aber zu Lebzeiten durch Vallins Frau Maria gehörig leiden. „Zwischen 1945 und 1976 war mein Vater eine Marionettenfigur.“ Er muss etwa regelmäßig als Geldschmuggler fungieren, um dicke Pesetenbündel aus dem inzwischen totalitären Spanien in die sichere Schweiz zu transportieren.

Nach mehr als zehnjähriger Recherche lernt Guilliard bei einem Segeltörn die Journalistin Gundula Englisch kennen. Die erzählt gerade von einem Buchprojekt, bei dem sie als Ghostwriterin fungiert. Guilliard wiederum erzählt ihr von seinen Recherchen und der bewegten deutsch-jüdischen Familienchronik seiner Vorfahren. Es ist die Geburtsstunde des jetzt erschienenen Buches. Das Sachbuch ist allerdings mehr als nur die Nacherzählung einer Familiensaga, schildert es doch auch die bewegten Zeiten in Frankfurt während der preußischen Okkupation und der beiden Weltkriege sowie die Probleme der Wertheims während des spanischen Bürgerkriegs und der Zeit des Diktators Francisco Franco.

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