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Familie Montez Jetzt lebt die Kunst in der Brücke

Der Kunstverein "Familie Montez" ist an den Rand des Hafenparks gezogen. Die Türen zum Gewölbe des neuen Künstlertreffpunktes stehen weit offen und locken viel Publikum ins frühere Niemandsland.

"Es muss krass aussehen": Maler Max Weinberg vor seiner Arbeit mit dem Titel "Überirdisch". Foto: Michael Schick

Vergesst die Großmarkthalle, die gute alte ist unter dem Glasgebirge der neuen Europäischen Zentralbank verschwunden. Die Halle ist tot, es lebe der Hafenpark am Hochhaussockel. Es lebe die Honsellbrücke mit ihren Bögen. Es lebe der Kunstverein Familie Montez in den Gewölben. Es lebe der grauschwarze Brückenpanther, der statt oben an der Hafeneinfahrt jetzt unten vor der Tür des Künstlertreffpunkts wacht.

Die Stadt tut, was sie kann, um den Schreck der zugebauten Großmarkthalle vergessen zu machen. Das Volk hat Platz und nimmt ihn sich. Die Youngster lassen ihre Bikes kreiseln und ihre Boards und Bälle aufs Pflaster knallen, dass es eine Art hat. „Ja, das wird schön hier“, sagt einer, der am Brückengewölbe lehnt, um sich von der Sonne wärmen zu lassen. Am Flussufer werde in diesem Herbst auch „noch ein Wiesenband wachsen“, malt er den staunenden Anwesenden aus. Und bis rüber zum Ostpark, auch das hat der Müßiggänger bereits vor Augen, plane die Stadt über die vielen Stränge der Straßen und Gleise eine Grünspange, eine Grüngürtel-Verbindung als Landschaftsbrücke über die vom Umweltdezernat ausgedeutete „Landschaftslücke“.

Die Künstler des Vereins Familie Montez, umquartiert aus der Innenstadt, siedeln als erste am neu geschaffenen Ort. Die Türen zu ihrem Gewölbe stehen weit offen, drinnen lümmeln sich samstagnachmittags Skater und Biker auf den Sesseln der zusammengetrödelten Sitzecke. Zwei Boxerhunde liegen Seite an Seite im Sonnenfleck hinter dem Eingang. Der spitzbärtige Mirek Macke, Erfinder und Leiter des Kunstvereins, wundert sich, „wie viele Leute hier reinkommen“. Für die lümmelnden Typen könnte er manchmal „einen Sozialarbeiter gebrauchen“, krittelt er; es scheinen ihm „vaterlose Kids“ zu sein.

Symbiose mit der Umgebung

Ein handgefertigtes Schild „Rauchen ab 18“ hängt im Eingang, angebracht in Augenhöhe der Halbwüchsigen. Macke, der sich einen „Polanski“ nennt, grinst zufrieden über die schlaue Idee.

Seit dem Frühjahr, seit der Luminale, hat sich die Familie Montez in der Brücke eingerichtet, in einem ehemaligen Lager des Mousonturms, welches Kulturdezernat und Stadtparlament dem Kunstverein zugesprochen haben. Laut Direktor ist inzwischen tatsächlich schon „eine Symbiose mit der Umgebung“ gewachsen. Alle naselang stehen Spaziergänger im Brückenbogen – Leute, die im früheren Hafen-Niemandsland am Main auf Entdeckungstour sind.

Da stehen sie dann mit Schirm und Hut, und staunen. Jetzt grade über den uralten, grau zugewachsenen Maler Max Weinberg, wie er da vor seinen riesigen, knallfarbigen Gemälden auf einem Stuhl hockt. Und zwei seiner Bewunderer sitzen ihm zu Füßen und hängen an seinen Lippen. „Ey, das war eine einmalige Aktion“, sagt der Weinberg jedem, der reinkommt, und seine mit dicken schwarzen Rändern ummalten Augen leuchten. Denn das größte Werk im Gewölbe hat in einer Gemeinschaftsaktion das Publikum zusammengeklebt – aus vielen, vielen losen Einzelblättern, aus alles in allem 300 farbigen Skizzen, von denen noch jede Menge am Boden ausgebreitet liegen.

Denn Max Weinberg produziert wie verrückt, und das seit beinahe 80 Jahren. Er freut sich darüber wie am ersten Tag: „Es muss krass aussehen, wie die jungen Leute sagen.“ Krass bedeutet für ihn: pink. Pink ist Weinbergs Lieblingsfarbe. Er nimmt das große Wandbild in den Blick, entdeckt ein paar farblose Stellen und kündigt an: „Das Weiße wird alles pink!“ Im nächsten Moment stellt er eine umfassende Werbeaktion für seine Kunst in Aussicht, die in der Kulturstadt Frankfurt, wie er nicht müde wird zu betonen, noch in keiner öffentlichen Sammlung hängt. Jetzt werde einer seiner Helfer, die zum Beispiel die fahrbare Hebebühne besorgt haben, „einen Film machen von dem Bild“. Und damit werde er sich „in der ganzen Welt bewerben“. Der Brief an den Buckingham-Palace nach London ist schon rausgegangen. Es ist sogar eine Antwort gekommen. Der Buckingham Palace schrieb zurück, grinst der Maler in seinen Bart: „Danke, Weinberg, wir haben schon Bilder.“

"Man muss seine Gedanken entwickeln"

In den Brückenbögen ist die Doppelausstellung von Max Weinberg und der brasilianischen Künstlerin Elizabeth Dorazio schon das vierte Projekt. Ausstellungsmacher Macke sinniert: „So grell“ erscheine ihm Weinbergs Kunst. Aber eben überaus lebendig: „Er ist so jugendlich“, wundert sich Macke, „er wirkt immer jünger, je länger man mit ihm spricht.“ Kollegin Elisabeth Dorazio, die im Nachbarraum eine haushohe Plastiktropfen-Glocke „mit der Schere zurechtgeschnitten“ und in das Gewölbe gehängt hat, wird glatt überstrahlt. Ohnehin empfiehlt die Künstlerin ihr Werk als Anlass, „zu reflektieren und über die innere Welt nachzudenken“. Woher, wohin? Das sei die Frage: „Man muss ein bisschen herumlaufen und seine Gedanken entwickeln.“

Das gilt bei der Familie Montez für alle Räume, immer unter der Honsellbrücke durch. Und immer dem gelben Gartenschlauch nach, der an den Wänden entlang ausgelegt ist. Mit Elan strebt Stammvater Macke nach hinten, zu „den paar Klos, die uns Ardi Goldman gegeben hat“, der unerschütterliche Ostend-Freak. Eigentlich gibt es nämlich bisher im Kunstverein „weder Strom noch Wasser“. Mit dem gelben Gartenschlauch vom Hydranten ist der Fortschritt eingezogen.

Der Direktor drückt begeistert auf die Taste der Klospülung und hört glücklich das Wasser durchrauschen. Der Strom kommt mittlerweile von Raab Karcher hinter der Brücke, was der Blick aus der jetzt geöffneten Hintertür auf eine riesige, weiße Hallenwand belegen soll. Irgendwo muss die Kabeltrommel sein, von der nun die Rede ist.

Und alle hohen Räume erscheinen ganz und gar trocken, trotz der dauernden Regengüsse. Und vom Geld will Mirek Macke nicht reden, obwohl er „nur einen mündlichen Vertrag“ habe und alles vorfinanzieren müsse. Er glaubt an die Zukunft: „Dass uns die Leute so unkompliziert unterstützen, das habe ich noch nie erlebt.“

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