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Familie Hesselbach Unsterbliche Hesselbachs

Im Februar wäre Wolf Schmidt, der „Babba Hesselbach“ aus Radio, Film und Fernsehen, 100 Jahre alt geworden. Seine Geschichten zeigten dem ganzen Land, wie die Hessen waren. Ein Gespräch mit drei Kennern.

Drei verschwiegene Damen: Helga Neuner, Sophie Engelke und Gaby Reichardt. Foto: HR

Im Februar wäre Wolf Schmidt, der „Babba Hesselbach“ aus Radio, Film und Fernsehen, 100 Jahre alt geworden. Seine Geschichten zeigten dem ganzen Land, wie die Hessen waren. Ein Gespräch mit drei Kennern.

Wenn die Familie Hesselbach kam, kam die Familie Hesselbach. Und sonst nichts. So war das in einem anständigen Frankfurter Fernseh-Haushalt der 60er Jahre. Bis dahin hatten bereits die 77 Radio-Episoden des genialen Schöpfers Wolf Schmidt jahrelang die Leute an die Empfänger gelockt. Vier Hesselbach-Kinofilme zeigten die ulkigen Zeitgenossen beim Familienleben, im Urlaub und in ihrer Firma. Aber erst die Fernsehserie, von 1960 bis 1967 in 51 Folgen ausgestrahlt, machte die Hesselbachs in der Bundesrepublik unsterblich.

Am 19. Februar wäre Wolf Schmidt alias Babba Hesselbach 100 Jahre alt geworden. Zur Feier des Anlasses blicken drei Kenner zurück: Hesselbach-Schauspielerin Gaby Reichardt, ihr Kollege Dieter Schwanda und Karl Andreas Mehling, Schmidts Neffe.

„Kall mei Drobbe!“ ist ja der bekannteste Hesselbach-Spruch ...

Reichardt: ... den’s nie gab.

Schwanda: „Ei Kall“ hieß das!

Reichardt: „Ei Kall! Wo sin dann mei Drobbe!“ oder so. Genau wie beim Derrick – da hieß es auch nie „Ich hol schon mal den Wagen“.

Was für Drobbe waren das denn?

Reichardt: Herztropfen. Die Mamma Hesselbach brauchte immer ihre Herztropfen. Am Herz hatte sie natürlich nie was.

Fallen Ihnen noch mehr berühmte Hesselbach-Sprüche ein?

Reichardt: „Ich muss mich beschweren!“

Schwanda: Ja! So ging’s immer los.

Reichardt: Das war so ein Running Gag vom Fräulein Lohmeier, also von der Sophie Cossäus.

Mehling: Mir fällt auch noch einer ein: Babba Hesselbach war bei jeder Gelegenheit „immerhin Prokurist einer angesehenen Firma“. Das musste stets betont werden.

Und das Publikum in den Fernsehsesseln bog sich vor Lachen. Vieles schaute sich Wolf Schmidt von seinem Vater Karl Schmidt ab und überzeichnete es zu einer rasanten Studie der Zeit. Die Erlebnisse der lustigen, zerstreuten, spießigen und doch so liebenswerten Hesselbachs, die Sorgen und Hoffnungen der Menschen in der familieneigenen Druckerei – das alles fesselte die Menschen wie kaum etwas zuvor im jungen Medium. Die Einschaltquoten der ersten Jahre waren für heutige Verhältnisse utopisch: bis zu 94 Prozent. Es gab allerdings auch nur ein einziges Fernsehprogramm.

Wie war das bei den Hesselbachs?

Reichardt: Alle Vierteljahr haben wir drei Folgen gedreht. Anfangs gab es noch gar kein richtiges Studio. Lia Wöhr stand mit der Uhr da und hat gesagt: „Glei kimmt e Fluchzeusch! Da müsse mer korz uffhörn.“ Zwischen den Flügen wurde der Film gedreht. Bei dem heutigen Flugverkehr ginge das gar nicht mehr.

Schwanda: Ich wurde zu Probeaufnahmen eingeladen. Ich also da hin, den Text gesprochen, so wie ich mir das vorgestellt habe. Das war’s, danke. Nach drei Wochen kam Post: Die würden mich nehmen. Bei der ersten Sendung war ich elf Jahre alt.

Ein Gassenfeger

Und Sie hatten zwei 17-jährige Bewerber übertrumpft.

Reichardt: Er war einfach unverbildet. Er war auf den Punkt.

Waren Ihnen die Hesselbachs damals schon ein Begriff?

Reichardt: Na klar– schon weil wir immer die Radiosendung gehört hatten. Ein Gassenfeger.

Was für ein Gefühl war das, da jetzt dazuzugehören?

Schwanda: Da habe ich mir keine Gedanken drüber gemacht. Das war so. Ich war halt da. Wie die Lia Wöhr immer gesagt hat: „Uff aamal war da en Bub.“ Ich kam immer nach der Schule zum Drehort. Wenn ich zu spät war, und die haben gefragt, wo bleibst denn du, habe ich gesagt: Ich musste erst mein Kotelett essen. So einfach war das.

Verständliche Frankfurter Melodie

Wurden Sie auf der Straße angesprochen?

Reichardt: Leider. Ich war immer „die Emmi“. Oder „’s Gabysche“. Und ich war eine scheue junge Frau. Ich wurde auch immer rot. Das war für mich ganz furchtbar. Nachher wusste ich, es ist ein Beruf, bei dem man sich stellen muss. Man ist Allgemeingut.

Schwanda: Ich durfte mich in der Innenstadt von Frankfurt nirgends zeigen. Aaaah! De Ruudiii!

Die Hesselbach-Sprache hat Wolf Schmidt als Export-Hessisch bezeichnet und als Kompromiss-Hessisch. Mussten Sie das lernen?

Reichardt: Mir habbe geschwätzt, wie mir uff de Gass geschwätzt habbe.

Schwanda: Ich schwätz heut noch so!

Reichardt: Die Frankfurter Melodie war wichtig, und verständlich musste es sein, auch für andere Ohren.

Was waren die Hesselbachs für Leute? Typische Hessen?

Mehling: Es war oft zu lesen, die Hesselbachs seien identitätsstiftend für das neue Bundesland Hessen gewesen wegen der unglaublichen Publikumsaufmerksamkeit. Der HR hat das vielleicht auch so gewollt, aber es war nicht der Grundgedanke von Wolf Schmidt. Privat sprach er überhaupt nicht hessisch. Das war ihm Mittel zum Zweck, menschliche Beziehungen zu zeigen. In anderen Sendern sind seine Geschichten ja auch in anderen Idiomen gelaufen.

Club der Unschuldigen

Hat Schmidt auch bei den Dreharbeiten alles bestimmt?

Reichardt: Ja. Aber er machte nie den Eindruck: Ich bin der große Boss. Nie. Er war der Mitspieler. Die großen Kämpfe hat er hinter den Kulissen mit dem Co-Regisseur Harald Schäfer ausgetragen in seinem Haus am Bodensee. Aber am Set war er immer der Kollege und hat uns machen lassen. Trotzdem war er natürlich eine große Persönlichkeit. Für uns alle war er der Vater. Und damals war es noch so, dass man dem Vater nicht widersprochen hätte.

Schwanda: Einspruch! Ihr habt einen Riesentrick gemacht, ihr Weiber!

Reichardt: Ja? Welchen?

Schwanda: Ihr habt mich geschickt: „Sach’s em!“ Und ich hab’s em gesacht, was ich em sache sollt.

Reichardt: Davon weiß ich nichts! Aber ich kann bestätigen: Wir Weiber, wir jungen, nannten uns CDU – Club Der Unschuldigen. Ich war damals 20. Wir waren für uns, und die Alten waren für sich, etwa die Ursula Köllner und die Liesel Christ.

Was bleibt von Wolf Schmidt, was war er für ein Mensch?

Mehling: Bei aller Nähe und Freundlichkeit und Anfassbarkeit hat man immer gespürt, dass er energetisch von zwei Enden brennt. Immer voller Tatendrang. Er war nur kein guter Autofahrer. Er ist gern gefahren, aber jedem ist schlecht geworden. Wenn er gefahren ist, musste immer wieder angehalten werden, weil jemand raus musste. Bei allem, was er tat, hat er immer gleichzeitig konzipiert, geplant, weitergedacht. Und gesprochen. Und Zigarren geraucht.

Mit Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff war Schmidt befreundet. Kulenkampff sagte über ihn, er sei Deutschlands bester Stückeschreiber. Wolf Schmidt schrieb Bücher, Theaterstücke, er war eine Zeitlang Paris-Korrespondent für zwei deutsche Zeitungen, er erzählte literarische Klassiker für den Hörfunk neu, er konnte improvisieren und alle Politiker seiner Zeit parodieren – „er war ein unglaublicher Kopf“, sagt Mehling. Aber Schmidt war nicht der soziale Mensch, der mal mit einem Freund einen trinken ging.

Reichardt: Ich kann mich nicht erinnern, dass er bei einem Abschlussfest dabei gewesen wäre. Irgendwo war er ein Einzelgänger. Man hatte nie groß Kontakt mit ihm. Deshalb war ich ja so stolz, dass ich mit ihm tanzen durfte beim Betriebsausflug.

Mehling: Als seine Tochter aus erster Ehe mit der Schule fertig war, hat er ihr einen siebenseitigen Brief geschrieben. „Brief an eine Abiturientin“. Da zählte er auf, was eine junge Frau in dieser Zeit tun sollte, unter anderem: „Zwischen 20 und 30 ist deine beste Zeit, da solltest du zusehen, dass du einen Mann findest.“ Hat sie auch getan. Und als sie den dann zu Hause vorstellte, kam Wolf Schmidt von irgendeinem Termin zurück, hat sich den angeguckt und gesagt: „Den nimmste.“ Fertig. Nächster Punkt.

Unbekannte Krankheit

Ist seine Krankheit beim Dreh aufgefallen?

Reichardt: Wir wussten, dass er krank war. Er fiel dann öfter aus. Wir hätten aber nie gewagt zu fragen. Das war die Zeit.

Mehling: Man wusste nicht, was er hat, weil man es damals nicht kannte. Das wurde auch nicht so offen diskutiert. Er vergaß eben Sachen.

Reichardt: Ich weiß bis heute nicht, was er hatte. Was hatte er denn?

Mehling: Alzheimer. Es gab in der Gesellschaft noch kein Empfinden dafür, was das eigentlich ist. Das ging ja so weit – als bekannt wurde, dass er in einem Sanatorium ist, stand eines Tages auf der ersten Seite der Bild-Zeitung: „Babba Hesselbach im Irrenhaus“.

Das Ende der Serie im Juni 1967 beruhte schließlich aus einer Mischung mehrerer Faktoren: die fortschreitende Krankheit Schmidts, ein verändertes Serienkonzept und sinkende Einschaltquoten, auch weil das ZDF als Konkurrenz nun da war. Es ging auf 1968 zu, es gab einen gesellschaftlichen Wertewandel – der ganze Komplex Familienserie mit diesen Charakteren war einfach nicht mehr gefragt.

Die Hesselbachs – oft kopiert?

Mehling: Wolf Schmidt war der Pionier, was die Umsetzung solcher Stoffe fürs Fernsehen angeht. Andere stiegen später darauf ein. „Ein Herz und eine Seele“ mit dem „Ekel Alfred“ etwa zielte ja in eine ganz andere Richtung – und hat trotzdem Elemente übernommen.

Reichardt: Aber Wolf Schmidt hatte in seinen Geschichten diesen unglaublichen Charme, diesen besonderen leisen Humor. Das hat ihm keiner mehr nachgemacht. Noch heute findet man sich in diesen Figuren wieder. Es ist aktuell.

Schwanda: Richtig. Die kleinen Probleme der Leute gibt’s heute noch genauso – nur haben sie jetzt englische Namen.

Mehr Infos unter www.babbahesselbach.de

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