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Fall Wevelsiep Zwei Versionen einer Nacht

Wurde der schwarze Ingenieur Derege Wevelsiep von einem Polizisten geschlagen? Erneut muss ein Gericht diese Frage klären. Am kommenden Freitag findet der zweite Prozesstag statt

Wevelsiep erinnert sich ausführlich und deutlich gefasster als im ersten Prozess. Foto: Rolf Oeser

Dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit der schwarze Ingenieur Derege Wevelsiep in der U-Bahn-Station Bornheim-Mitte in Folge einer eskalierten Fahrkartenkontrolle auf vier Beamte des sechsten Polizeireviers traf. Klar ist: Als er dort eintraf, um seiner Verlobten beizustehen, war er unverletzt. Klar ist auch, dass der Deutsch-Äthiopier nach dem Polizeieinsatz zwei Tage in stationärer Behandlung im Krankenhaus war und es, nachdem die Frankfurter Rundschau Wevelsieps Geschichte öffentlich machte, zu breiten Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus kam.

Doch auch nach Ende eines langen ersten Verhandlungstages im Berufungsverfahren vor der 10. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts am Freitag gehen die Beschreibungen dessen, wie es zu Wevelsieps Verletzungen kam, weit auseinander. Nebenkläger Wevelsiep gegenüber auf der Anklagebank sitzt der heute 35-jährige Oberkommissar Matthew S. Er war im November 2014 vom Amtsrichter der Beleidigung und Körperverletzung im Amt schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 70 Euro verurteilt worden. Der damalige Richter hatte zwar keiner Seite in Gänze geglaubt, es aber als erwiesen angesehen, dass der Polizist S. dem heute 44-jährigen Wevelsiep einen Faustschlag ins Gesicht versetzte, der zu einem Augenbrauenriss führte. Matthew S. hatte dies bestritten und Rechtsmittel eingelegt.

Seine Version des Geschehens legt der von den Strafverteidigern Rudolf Karras und Hans J. Hauschild begleitete Oberkommissar zum Prozessauftakt bereitwillig dar. Er wirkt dabei selbstsicher, obwohl er auf Nachfrage aussagt, die Vorwürfe gegen ihn als belastend und als ungerecht zu empfinden. Es sei schwierig, sich nach so langer Zeit zu erinnern, sagt er und führt dann doch recht detailliert aus, wie er und seine drei Kollegen zu dem Einsatz in der U-Bahn-Station gerufen wurden. Wevelsieps Verlobter war vorgeworfen wurden, ohne gültiges Ticket gefahren zu sein, nachdem der früher ausgestiegene Ingenieur ihr seine übertragbare Monatskarte überlassen hatte.

Erst als er und seine Kollegen schon vor Ort waren, um zu schlichten, sei Wevelsiep aufgetaucht, sagt Matthew S., sei aggressiv gewesen, „da kam ich verbal nicht gegen an“. Weil die Kontrolleure Wevelsiep wegen Beleidigung anzeigen wollten, habe er dessen Personalien aufnehmen müssen, sagt S. „Das hat er völlig ignoriert, wurde sehr laut und herrisch.“ Ob er Wevelsiep einen „Dummschwätzer“ nannte, könne er nicht sicher sagen, das sei aber wohl so gewesen, wie sein später als Zeuge vernommener Kollege G. behauptet habe.

Nach langem Hin- und Her seien die Beamten mit Wevelsiep zu den Streifenwagen gegangen, um in dessen Wohnung seinen Personalausweis einzusehen. Als er den heftig gestikulierenden Wevelsiep dafür, wohl auf Anordnung seines Kollegen G., Handschellen anlegte, sei dieser mit dem Kopf ans Autodach gestoßen. Erst vor der Wohnung habe er von den Kollegen erfahren, dass Wevelsiep am Kopf blutete, gibt Matthew S. an und dass er Wevelsieps Kopf gehalten habe, während ein Kollege die Wunde per Foto dokumentierte.

Drei weitere Termine anberaumt

Derege Wevelsiep indes sagt aus, die Polizei sei erst nach ihm in die U-Bahn-Station gekommen. Matthew S. sei aggressiv gewesen, habe sich sofort Handschuhe angezogen. Sein Arbeitsausweis und Führerschein hätten den Polizisten nicht interessiert. Am Auto habe S. gesagt, er zähle bis zwei und ihn dann ins Gesicht geschlagen, ehe er ihn gemeinsam mit Polizist G. fesselte und später noch in die Seite und gegen das Knie getreten habe. An seiner Wohnung angekommen, habe S. ihn an der Kehle gepackt, so dass er kaum atmen konnte.

Wevelsiep erinnert sich ausführlich und deutlich gefasster als im ersten Prozess. Doch er gerät auch ins Schleudern, als die Vorsitzende Richterin Beate Menhofer-Woitaschek, S. Verteidiger und ein medizinischer Sachverständiger nachhaken, wie die Fesselung genau ablief, ob er vorher oder nachher getreten wurde, ob er sich in der Wohnung erbrochen oder nur gewürgt habe.

Der Angeklagte wiederum wird auf Nachfrage schmalllippiger und kann sich an Details nicht erinnern. Kritisch bohrt Menhofer-Woitaschek wieder und wieder, ob es denn normal sei, einen Bürger zur Personalienfeststellung zu fesseln? Ob es häufig vorkomme, dass jemand im Zuge eines Einsatzes verletzt werde? Warum S. Wevelsieps Wunde nicht versorgt habe?

Wirklich ungehalten wird die Richterin aber erst, als Polizist G. als Zeuge aussagt. Der mag sich weder daran erinnern, ob er wie vom Angeklagten ausgesagt die Fesselung Wevelsieps anordnete, noch welche Daten des Ingenieurs wann vorgelegen hätten. Wiederholt belehrt Menhofer-Woitaschek den Zeugen, dass er die Wahrheit zu sagen habe. „Man kann sich nicht so ganz des Eindrucks erwehren, dass man sehr viel nachfragen muss, um von Ihnen Aussagen zu bekommen“, rügt sie den 33-Jährigen. „Man kann das leicht irritierend finden“, kommentiert sie dessen Aussage, er habe die Kopfwunde des neben ihm im Streifenwagen sitzenden Wevelsieps zwar gesehen und mit seiner fahrenden Kollegin die mögliche Ursache besprochen, Wevelsiep selbst aber nicht gefragt, wie sie zustande kam und ob er Hilfe brauche.

Angenehm nüchtern verläuft dagegen die Zeugenbefragung einer Ärztin, die Wevelsiep im Krankenhaus versorgte. In der von anderen Kollegen erhobenen Anamnese, auf deren Grundlage sie Wevelsiep in den Folgetagen Medikamente verabreichte, sind die Kopfplatzwunde, Prellungen an Schulter, Leiste und Knie und eine leichte Gehirnerschütterung vermerkt. Blut im Urin habe zudem auf eine leichte Nierenprellung hingewiesen, wie sie detailliert erläutert. Die Ärztin sagt aber auch offen, dass sie sich an vieles nicht erinnern könne, wohl aber, dass ihr Wevelsiep nicht als Simulant erschienen sei. Wenn sie Schmerzmittel verschreibe, tue sie das nicht ohne Grund.

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt, danach sind noch zwei weitere Termine anberaumt.

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