Lade Inhalte...

Fall Alek „Auch Sozialminister Grüttner trägt Verantwortung“

Wegen des Falls Alek gab Jürgen Franke eine Auszeichnung für sein ehrenamtliches Engagement als Helfer in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung zurück. Im Interview spricht er über seine Arbeit.

Jürgen Franke
Jürgen Franke arbeitete früher als Psychiater in einer Klinik in Lüdenscheid. Foto: privat

Jürgen Franke (75) bietet einmal wöchentlich Sprechstunden für auffällige und traumatisierte Kinder und Jugendliche in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Darmstadt an. Die Landesregierung hat den Kinder- und Jugendpsychiater für seine ehrenamtliche Arbeit als „Mensch des Respekts“ ausgezeichnet. Die Plakette gab er jetzt zurück.

Herr Franke, warum haben Sie die Auszeichnung zurückgegeben?
Wegen des Falls Alek. Dem Zwölfjährigen, den sie alleine und krank nach Mazedonien abgeschoben haben. Als Mitglied der Landesregierung trägt auch Sozialminister Stefan Grüttner dafür die Verantwortung.

Psychiatrie ist viel sprechende Medizin. Wie funktioniert ein Gespräch, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht?
Mit unter Dreijährigen kann man auch spielen oder malen. Aber in erster Linie vermittelt der Dolmetscher. Es geht ja auch um die Eltern, meistens Mütter, die immer dabei sind.

Was sind die Hauptprobleme?
Die Tatsache, dass eine Familie im Lager festgenagelt ist und nicht weiß, wie es weitergeht, ist für alle eine Belastung. Das führt nicht bei allen zu einer Störung, aber steht für alle im Vordergrund. Sie wollen raus. Ich behandele einen Zwölfjährigen, der sich seit drei Jahren in Erstaufnahmelagern in verschiedenen Bundesländern aufhält. Der ist depressiv. Der will, dass was passiert. Die Kinder dürfen ja auch nicht offiziell zur Schule gehen.

Was machen die Kinder dann den ganzen Tag?
Neben einigen Spiel- und Sportangeboten und gelegentlichem Deutschunterricht ist das Spielen auf dem Handy ihr ständiger Begleiter.

Wo sehen Sie dringenden Handlungsbedarf?
Die Verfahren der Erstaufnahme müssten zeitgerecht abgewickelt werden, das heißt nicht länger als drei Monate. Und dann müsste der Schulbesuch beginnen. Es gibt viele Familien, die länger da sind. Das ist nicht gut. Ich würde mir auch wünschen, dass im Lager ein hauptamtlicher Psychiater für Erwachsene tätig ist. Bei den Großen gibt es diese Störungen noch häufiger als bei den Kindern.

In jüngster Zeit sind einzelne junge Flüchtlinge durch Gewalt aufgefallen. Wundert Sie das?
Überhaupt nicht. Weibliche Jugendliche reagieren eher mit Depression und Rückzug. Männliche eher mit Aggressivität. Das ist normal. Wenn sie hier isoliert sind, ohne Eltern, wissen sie nicht, was sie machen sollen. Wenn sie Glück haben, stoßen sie auf jemand aus ihrem Heimatland, der die Rolle der Eltern übernimmt. Wenn sie Pech haben, fühlen sie sich völlig verlassen und wissen nicht, wie es weitergeht.

Und dann werden sie aggressiv?
Dann besteht die Möglichkeit, dass dieser Jugendliche austickt. Sexuelle Bedürfnisse sind ja auch vorhanden. Da fasst er mal eine Frau an der Bushaltestelle an. Das ist dann schnell eine Straftat. Aber solche Fälle sind sehr, sehr selten. In den eineinhalb Jahren, in denen ich diese Arbeit mache, gab es höchstens drei Fälle.

Kann ein Psychiater eine solche Krise voraussehen?
Was man mitbekommt ist, ob sich der Mensch in einer ausgeglichenen Stimmung befindet oder nicht. Alle Flüchtlinge haben ihre eigene Welt und Kommunikation mit dem Fremden. Ich bin auch ein Fremder für sie. Wegen der kurzen Zeit bleibt es in der Regel bei einem unvertrauten Verhältnis. Sie wollen ja so schnell wie möglich raus. Dieses Wegwollen ist lähmend für die Kinder und Eltern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen