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Faisal Kawusi Mister Anti-Sixpack

Comedian Faisal Kawusi macht Gags über Burkas, das Dick-Sein und sein Leben als Single. Nach Auftritten bei Stefan Raab und Carolin Kebekus ist er nun auf Tour.

Der Comedian mit der sympathischen Lache. Foto: peter-juelich.com

Ich habe nachrecherchiert: Ich bin der erste afghanische Turmspringer in der Geschichte des Landes, also der zumindest auch für Afghanistan angetreten ist“, erzählt Faisal Kawusi und grinst. Der 24-Jährige ist 1,92 Meter groß und hat einen Anti-Sixpack. „Ich meide Waagen, aber wenn ich schätzen müsste, wären das so 130 Kilogramm. Aber eigentlich ist es ein streng gehütetes Geheimnis.“ Er lacht laut. Der Comedian aus Mörfelden-Walldorf hat ein sympathisches Lachen.

Vor wenigen Wochen ist er bei Stefan Raabs legendärem und letztem Turmspringen gegen andere Promis angetreten. „Keine Sorge, das ist nur mein Bauch. Kein Bombengürtel.“ Mit diesem Gag ist Kawusi, der afghanische Wurzeln hat, bundesweit bekannt geworden. Der Kommentator beim „TV-Total- Turmspringen“ bekam fast Schnappatmung, als Kawusi einen Rückwärtssalto vom Fünf-Meter-Brett ziemlich lässig hinlegte. „Ich bin sportlicher, als die meisten Leute glauben. Aber der Kommentator hat so getan, als hätte ich in der 93. Minute für die Eintracht das 1:0 in der Champions League gemacht.“ Er lacht. Er sitzt einige Tage später im Frankfurter Café Bar Celona. Auf seiner Baseballcap steht #Framkfurt. „Ein Label von ein paar Kumpels.“ AMK ist eine Abkürzung aus dem Türkischen und beinhaltet das F-Wort.

Peinlich, sich in Badehose zu zeigen, war es ihm nicht: Das Wichtigste war es, eine „gute Leistung abzuliefern“. Kawusi ist der ehrgeizige Typ, wie er selbst sagt. Er hat schon zahlreiche Comedy-Preise abgeräumt und über 16 000 Fans auf Facebook: Im Jahr 2015 war er im TV sehr präsent: Deutschlands Comedy-Königin Carolin Kebekus lud ihn in ihre Show Pussy Terror TV ein, bei Dieter Nuhr war er auch, und „erst neulich bin ich mit Kaya Yanar aufgetreten“.

Gerade ist er mit seinem Soloprogramm „Glaub nicht alles, was du denkst“ in Deutschland unterwegs und pendelt zwischen seiner elterlichen Wohnung in Mörfelden-Walldorf und einer Wohnung in Köln.

Burka-Gags gehören dazu: „Bei einer Burka weiß man nie, was drunter steckt. Ich bin schon oft mit meiner Tante einkaufen gegangen und mit der falschen wieder nach Hause gekommen. Und das haben wir erst nach ein paar Wochen bemerkt.“ In seiner Familie trägt aber keine Frau Burka, betont Kawusi.

Seine Eltern flohen vor 25 Jahren mit gefälschten italienischen Pässen über Pakistan und Indien aus ihrem Heimatland Afghanistan nach Deutschland. „Mein Vater war Beamter und politisch verfolgt, weil er sich gegen die prosowjetische Regierung geäußert hatte.“ Kawusis Geschwister erlebten die Flucht am eigenen Leib: „Mein Bruder war damals vier, meine Schwester acht Jahre alt.“ Ein Jahr später, 1991, wird Faisal in Groß-Gerau geboren. Ein echter Wonneproppen: 4800 Gramm wog er bei der Geburt. „Mehr als ein Truthahn“, sagt er und grinst.

Er wuchs zweisprachig in Mörfelden-Walldorf auf. So spricht er auch Dari, einen Dialekt des Persischen. Sein Vater sei ein extrem witziger Typ, aber kein Bühnenmensch. Ganz anders sein Onkel väterlicherseits. „Er war Musiker, aber mittlerweile ist er stellvertretender Gesundheitsminister in Afghanistan und der witzigste Typ der Welt für mich.“

In den ersten drei Grundschuljahren war Faisal noch sehr zurückhaltend und musste sich fiese Sprüche von Mitschülern anhören. „Sie haben einem pakistanischen Freund und mir gesagt, wir würden stinken. Ich habe dann meiner Mutter immer gesagt, als sie mich gewaschen hat, dass sie mich fester schrubben soll, damit ich nicht mehr stinke.“ Warum sie da aus dem Badezimmer rausrannte, verstand er erst Jahre später. Den Kindern von damals hat er längst verziehen. „Kinder sind manchmal grausam, die wissen nicht, was sie tun. Im Hier und Jetzt hat es mir nicht geschadet. Ich habe die Jungs verprügelt und die Macht übernommen. Ich war dann deren Boss.“ Er lacht.

Die Schubladen-Bezeichnung „Ethno-Comedian“ mag er nicht. „Auch wenn der afghanische Anteil meiner Show fundamental ist, mache ich genauso Gags über mein Single-Dasein und das Dick-Sein. Das hat ja nichts mit meinen Wurzeln zu tun. “

Er mag keine Frauen, die sich so aufführen wie Männer, also Sprüche sagen wie „Hau rein“ oder „Ey Bruder“. „Durch die Emanzipation haben Frauen das Gefühl, der bessere Mann zu sein, das ist Müll.“ Eine Frau sollte weiblich sein und nicht besser handwerkeln können als er. Er sei ein guter Handwerker. Sagt er.

Besonders stolz ist Faisal Kawusi auf seine babyzarten Handinnenseiten: „Fühlen Sie mal, ganz weich!“ Er betont aber gleichzeitig, dass ihm körperliche Arbeit nicht fremd ist: So verdiente er sich etwas Geld mit Jobs wie Klos in einer Zahnarztpraxis zu putzen und Pizza auszuliefern. Das war nach dem Abi und vor seiner Bankkaufmann-Lehre in der Kreissparkasse Groß-Gerau.

Mit 19 gab der Eintracht-Fan Führungen in der Commerzbank-Arena. „Ich begrüßte die Gruppen immer mit dem Satz: Leute, ich bin euer Führer. Die meisten fanden meine Comedy-Führungen lustig.“ Seinen allerersten Auftritt hatte er, das weiß er noch genau, am 19. September 2011. In einer SM-Bar in Frankfurt. „Ich war echt noch grün hinter den Ohren und habe „Offene Bühne Frankfurt“ gegoogelt. Ich dachte: ‚Hauptsache auftreten.‘“ Sieben Leute schauten zu. „Irgendwo gibt es im Netz davon bestimmt ein Video. Mein Bruder dokumentiert alles von mir. Der Veranstalter fand meinen Auftritt so gut, dass er mich gleich als Vorprogramm zu einer erotischen Lesung gebucht hatte.“

Trotz vieler Höhepunkte hatte Kawusi 2015 auch den „größten Tiefpunkt meines Lebens“: der „Gag-Klau“ im Mai. Er hatte ein paar Nummern von einem kanadischen Kollegen benutzt, ohne das anzugeben und ohne den Autor, um Erlaubnis zu fragen. „Es gab eine riesige Hasstirade innerhalb der Szene. Schlimmer als das Gefühl, ertappt worden zu sein, war die Angst: „Da will dich einer fertig machen. Jemand will dich am Boden sehen.“ In dem Moment der Verzweiflung sei er auf die Website der Frankfurter Goethe-Uni gegangen: „Ich überlegte, was studierst du jetzt? Ich dachte, meine Karriere wäre vorbei.“ Fünf Tage aß und schlief er nicht.

Aber dann entschloss er sich weiterzukämpfen: Er gestand auf Facebook: „Wenn man Scheiße baut, muss man dazu stehen. Ich habe mich entschuldigt, und dann dachte ich: Ich beweise allen, dass ich es auch ganz alleine kann.“ Um ein Zeichen zu setzten, habe er seines Hamburger Comedy-Preis, zweiter Platz, zurückgegeben.

Die meisten seiner Fans hätten ihm sofort verziehen. Und auch der Frieden unter seinen Comedian-Kollegen sei mittlerweile wieder hergestellt.

Seinen ersten Auftritt nach dem Gag-Klau hatte er in Mannheim: „Einer der Comedy-Kollegen kommentierte meine etwas unsicheren Schritte zurück auf die Bühne mit: ‚Dead Man Walking‘. Das fand ich sehr lustig.“ Seitdem habe er wieder Leistung abgeliefert. Ende Oktober durfte er neben anderen Kollegen bei der „1Live Comedy-Nacht XXL“ vor über 14 000 Leuten in der Kölner Lanxess-Arena auftreten. „Ich habe meinen Hatern bewiesen: Ich bin nicht unterzukriegen.“ (engl., von hate = hassen).

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