Lade Inhalte...

EZB Geschichte ohne NS-Zeit

Der Zeitstrahl an der EZB-Baustelle spart die Jahre von 1933 bis 1945 weitgehend aus. Dabei spielte der Keller des Gebäudes eine entscheidende Rolle bei der Deportation der Frankfurter Juden.

09.09.2014 10:08
Martín Steinhagen
Ein Aufkleber prangt auf dem Zeitstrahl, bei dem die NS-Zeit einfach "vergessen" wurde. Foto: peter-juelich.com

Vergessen? Diese Frage prangt in schwarzen Lettern auf einem neongelben Plakat am Bauzaun der Baustelle des neuen Sitzes der Europäischen Zentralbank im Ostend. Es verdeckt einen Teil des Zeitstrahls, der dort Passanten über die Geschichte des Areals informiert. Allerdings unvollständig, wie die Antifa-Gruppe findet, die das Poster nach eigenen Angaben dort angebracht hat.

Genau zwischen den Jahreszahlen 1928 und 1947 haben die Aktivisten es geklebt, wo sich ihrer Ansicht nach die „Leerstelle“ auftut: 1941 mietete die Gestapo den Keller der Großmarkthalle, um dort Frankfurter Jüdinnen und Juden vor ihrer Deportation zusammenzutreiben. Auf dem Zeitstrahl findet das keine Erwähnung, lediglich die Bombardierung des Areals 1944 wird erwähnt. Ein Mahnmal soll ab dem kommenden Jahr an dem Ort an die Deportierten erinnern. Am Donnerstag wird ein erster Bauabschnitt vorgestellt.

Auf dem großen Plakat, das an dem Zaunabschnitt am Mainufer hängt, wird aus dem Buch „Und keiner hat für uns Kaddisch gesagt ...“ des Frankfurter Jüdischen Museums zitiert – fein säuberlich mit Fußnoten versehen. In dem Zitat werden die Zustände im Keller der Markthalle geschildert: Für rund 9000 jüdische Einwohner Frankfurts, heißt es in dem Auszug, sei das Gebäude das Letzte gewesen, was sie von ihrer Stadt sahen. Die Gestapo kontrollierte im Keller des Ostflügels zunächst die Personalien, durchsuchte das Gepäck, führte auch Leibesvisitationen durch.

Wie in einer ordentlichen Amtsstube mussten die Verfolgten verschiedene Stationen in dem Keller durchlaufen: Sie wurden gezwungen, ihre Wohnungsschlüssel mit Adressschildern versehen an Finanzbeamte auszuhändigen, eine Vermögenserklärung abzugeben und für ihre eigene Verschleppung 50 Reichsmark zu bezahlen. In einem mit Matratzen ausgelegten Raum mussten sie auf die Züge warten, die sich nach Lodz, Theresienstadt oder Auschwitz brachten.

Durch Misshandlungen kam es auch zu Todesfällen, heißt es in dem Zitat aus dem Buch über Deportationen aus Frankfurt in den Jahren 1941 bis 1945.

In einer kurzen Pressemitteilung erklärt die Gruppe, die sich Antifa Ostend nennt, das Poster solle „die Geschichte des Ortes“ und jene „Leerstelle“ wieder ins öffentliche Bewusstsein bringen.

Bank lässt Plakat entfernen

„Wir lassen das Plakat entfernen – so wie alle anderen, unabhängig vom Inhalt“, sagt EZB-Sprecherin Andrea Jürges. Die Kritik am Zeitstrahl, der seit 2010 am Zaun der Baustelle hängt, kann sie nicht nachvollziehen, da dort inhaltlich lediglich „die Architektur und die Entwicklung der Kubatur des Gebäudes dargestellt wird“.

Auf den Architekten Martin Elsaesser und die Bauzeit, sowie dass das Gebäude seit 1972 als Kulturdenkmal gilt, wird auf den Informationstafeln verwiesen. Zur Nutzung des Gebäudes heißt es lediglich: „Von 1928 bis 2004 wurde die Großmarkthalle von den Städtischen Marktbetrieben genutzt.“

Am kommenden Donnerstag stellt die Stadt gemeinsam mit der EZB und dem Jüdischen Museum der Presse die bereits fertiggestellten Teilbereiche der Stätte vor, die ab 2015 an die Deportierten erinnern soll. Einer jener Kellerräume und die Zugangsrampe sollen in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleiben und bei Führungen zugänglich sein.

Der Rest des Mahnmals befindet sich, auch wegen der Sicherheitsbestimmungen der EZB, außerhalb des Geländes der Bank: Der öffentliche Weg von der Sonnemannstraße bis zum ehemaligen Stellwerk am Mainufer, das Stellwerk selbst und das Gleisfeld werden Teil davon sein. Das Konzept des Kölner Architekturbüros Katz Kaiser wurde im März 2011 gemeinsam von Magistrat, EZB und der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ausgewählt. Den Kostenrahmen haben die Stadtverordneten auf 8,4 Millionen Euro festgelegt. Die EZB beteiligt sich mit einer Million Euro.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum