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Exilarchiv in Frankfurt Die Vertreibung endet nie

Die Direktorin des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt arbeitet an einer Dauerausstellung in der Nationalbibliothek.

Sylvia Asmus
Sylvia Asmus vor dem Schaukasten an der Deutschen Nationalbibliothek, der an das Schicksal von Frauen und Männern in der Emigration erinnert. Foto: Michael Schick

Asmus ist nach all den Gesprächen, die sie mit Exilanten führte, nach all den Dokumenten, die sie las, überzeugt: Das Exil endet nie. Immer, bis zum Lebensende, ist diese Erfahrung in den Menschen präsent. Die Wissenschaftlerin hält Kontakt zu den letzten lebenden Zeitzeugen des deutschsprachigen Exils. Nach unserem Treffen wird sie zu Dora Schindel fahren, die ihren 102. Geburtstag feiert. Die gebürtige Münchnerin, gelernte chemisch-technische Assistentin, aber auch Absolventin der Tanzschule von Mary Wigman, half nach ihrem Umzug in die Schweiz 1937 vielen Emigrierten. Sie ebnete Fluchtwege, etwa nach Südamerika, und floh am Ende selbst nach Brasilien.

Doch die letzten lebenden Zeitzeugen werden bald nicht mehr sein. Die Erinnerungsarbeit ändert sich. Die Dokumente, die Bücher, die Objekte werden noch wichtiger. Und das Deutsche Exilarchiv wird sie öffentlich zeigen ab März 2018.

Zum Beispiel die alten Reisekoffer. Wir fahren hinunter in die Katakomben. Ein Labyrinth von Betongängen, Seitentüren, Zwischenräumen, aus denen ein Unwissender nur schwerlich herausfände.

Und da stehen sie, ramponiert, verbeult, zerkratzt: Die einfachen Pappkoffer, in denen die Menschen ihre letzte Habe mitschleppten auf der Flucht. Mit nicht mehr als diesen Habseligkeiten kamen sie im Exil an.

Dass die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), in eine Dauerausstellung des Exilarchivs investiert, ist für Sylvia Asmus „ein absolutes Glück“. Dass ihre berufliche Arbeit einmal dem Kampf gegen das Vergessen gelten würde, war nicht vorgezeichnet.

Zwar hatte sie sich früh für Literatur interessiert, hatte insbesondere intensiv die Texte von Franz Kafka gelesen. Doch als junge Frau zog sie eine ganz andere Welt magisch an: das Puppentheater. Asmus wollte Puppenspielerin werden, also Marionetten an Fäden lenken. An der traditionsreichen Marionettenbühne im fränkischen Schwabach arbeitete sie ein halbes Jahr lang.

Bibliothekswissenschaften studiert

Sie spielte Märchen, klassische Stoffe, aber auch ein modernes, kritisches Stück, in dem es um Umweltverschmutzung ging. „Marionetten bieten unheimliche Möglichkeiten, es hat sehr viel Spaß gemacht.“ Doch „über Puppen Inhalte zu transportieren“ – das war es am Ende doch nicht. Sie stürzte sich ins Studium der Bibliothekswissenschaften.

Wir verlassen das warme Halbdunkel der Bibliothek und treten hinaus in den nasskalten Herbst, Sylvia Asmus zieht ihren Mantel enger. Hier draußen vor der Tür macht das Deutsche Exilarchiv bisher auf seine Existenz aufmerksam – mit einem großen gläsernen Schaukasten. Hier wird mit Fotografien und Zitaten an das Schicksal von Schriftstellern und Künstlern erinnert, die vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fliehen mussten: Otto Klemperer, Thomas Mann, Joseph Roth, Stefan Zweig, Marte Brill, Soma Morgenstern, Ellen Auerbach und viele mehr.

Es waren Emigranten wie die Schriftstellerin Jo Mihaly, die 1949 die Idee entwickelt hatten, systematisch die Geschichte des Exils aufzuarbeiten. Walter Fabian, den Präsidenten des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in der Schweiz, beschlich damals schon eine Ahnung. Er nannte das Exilarchiv 1949 „ein Kampfmittel gegen das von neuem erfrechende Nazitum“.

Heute, bald 70 Jahre danach, versuchen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten wieder, die Geschichte der nationalsozialistischen Terrorherrschaft umzuschreiben, singen ein Loblied etwa der Taten der Deutschen Wehrmacht.

Die neuen Räume des Exilarchivs in Frankfurt werden deshalb vom Frühjahr 2018 an einen Saal umfassen, der ausdrücklich der „Vermittlung“ gewidmet ist. Schüler und Studenten, aber auch andere Besucherinnen und Besucher sollen hier mit der Geschichte des Exils und seinen Ursachen vertraut gemacht werden.

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