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Ex-Polizeipräsident Knut Müller Zum Tode von Knut Müller

Knut Müller war zehn Jahre lang Polizeipräsident in Frankfurt. Er ging rigoros gegen die 68er vor. Am vergangenen Wochenende ist der 86-Jährige an seinem Wohnort im Taunus gestorben.

Anfang der 70er Jahre: Polizeipräsident Knut Müller (rechts) informiert die Frankfurter Journalisten. Foto: Kurt Weiner

Er war zehn Jahre lang Polizeipräsident in Frankfurt – in Knut Müllers Amtszeit wurde die Baader-Meinhof-Bande aufgespürt und festgenommen. Später baute er das Regierungspräsidium Gießen auf, und er vertrat als Rechtsanwalt die Oberbürgermeisterin vor Gericht. Weithin bekannt machte den Sozialdemokraten aber vor allem sein hartes Auftreten gegenüber Demonstranten in der Zeit der Studentenbewegung. Am vergangenen Wochenende ist Müller an seinem Wohnort im Taunus im Alter von 86 Jahren gestorben.

Als einen Mann, der „in seiner Amtsführung konsequent und untadelig und vor allem eine standhafte Persönlichkeit war, die nur nach Recht und Gesetz handelte und sich nur den Bürgern der Stadt verpflichtet fühlte“, beschreibt das Frankfurter Kriminalmuseum den Polizeipräsidenten der Jahre 1970 bis 1980. Bei den damaligen Linken hörte sich das freilich anders an. „Gewalt hat einen Namen“, stand auf Plakaten der Demonstranten, die in Müller den „Inbegriff der prügelnden Staatsmacht“ sahen, wie die FR berichtete.

Johnny Klinke, damals Sponti, heute Varietéchef, erinnerte sich 2001 in einem Interview: „Ich habe die Sokos aus dem Bahnhofsviertel erlebt, die von Polizeipräsident Knut Müller eingesetzt worden sind, um offensiv in alles reinzuhauen, was sich bewegte. An das Stichwort heutiger Demonstrationen – Deeskalation – dachte man damals gar nicht.“

Müller, Sohn aus sozialdemokratischem Hause, war nach Verwaltungslehre und Jura-Studium zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe gegangen, arbeitete dann als Regierungsdirektor im hessischen Innenministerium, ehe er Polizeipräsident unter dem Frankfurter SPD-Oberbürgermeister Rudi Arndt wurde – für monatlich „3770,30 Mark zuzüglich 150 Mark Aufwandsentschädigung und 401 Mark Ortszuschlag“, wie das Magazin „Spiegel“ im September 1970 haarklein auflistete. Bereits sein Vorgänger Gerhard Littmann war an der angespannten Lage in der Frankfurter Keimzelle der 68-Revolte gescheitert. Müller sollte bald vor denselben Problemen stehen.

„Er war ein emotionaler, geschichtsbewusster, auch melancholischer Mann“, beschreibt ihn seine Tochter Karen Husemann heute im Gespräch mit der FR. „Um zurechtzukommen, musste er aus seiner Sicht ein starker Diener des Staates werden.“ Husemann steht nicht im Verdacht, das Bild ihres Vaters im Rückblick verklären zu wollen. „Dass die FR ihn damals kritisch begleitet hat, konnte ich gut verstehen.“ Selbst im Loslösungsprozess vom Elternhaus begriffen, stand die Tochter seinerzeit auf der Seite der Spontis. „Ich war oft anderer Meinung als er“, sagt sie; „ich konnte mich gut abgrenzen.“

Vater war im Konzentrationslager

Knut Müller ließ damals nach dem Geschmack einer wachsenden Mehrheit allzu sehr die Schlagstöcke und Tränengaspatronen sprechen. Sogar die Junge Union kritisierte den Polizeichef für seinen knüppelharten Stil. Müller verteidigte sich ebenso rigoros: Die Protestierer gegen Staatswillkür und leerstehende Villen seien „irrsinnige Spießer, die Bürgerkrieg spielen“. Später, viel später, gab er zu: „Ich habe nach außen eine offizielle Rolle gespielt und mich vorbehaltlos hinter die Polizei gestellt. Mein innerer Zustand blieb verborgen.“

Müllers Großvater war der Gewerkschafter Fritz Husemann, SPD-Reichstagsmitglied, 1935 von den Nazis wegen seiner Unbeugsamkeit ins Konzentrationslager Esterwegen gesperrt, wo er am Tag nach seiner Inhaftierung bei einem Fluchtversuch eine tödliche Schussverletzung erlitt.

„Es hat meinen Vater sehr geprägt, anhand der eigenen Familiengeschichte zu erfahren, dass wir eine wehrhafte Demokratie brauchen“, sagt die Tochter, die den Namen Husemann bei ihrer Hochzeit annahm, ihrem Urgroßvater zu Ehren. Knut Müller, „das Gedächtnis unserer Familie“, hätte wohl am liebsten Philosophie oder Geschichte studiert, entschied sich aber aus Pflichtbewusstsein für Jura. „Er hat immer ganz groß gedacht, sich mit der Antike beschäftigt, aber das gegenwärtige Leben nicht mit Leichtigkeit gemeistert. Man konnte ihn nicht als Optimisten bezeichnen“, schildert Karen Husemann. „Er sagte immer: Die Menschen sind aus einem krummen Holz geschnitzt.“

Für die Zeitgenossen zählten solcherlei Hintergründe nicht. Sie sahen Polizeigewalt bei den Demonstrationen. Irgendwann hatten selbst die eigenen Parteigenossen, die SPD im Römer, genug von Müller, und auch mit der Gewerkschaft überwarf er sich. „Es gab da Situationen, wo alles, was Müller anordnete, falsch war“, urteilte die Wochenzeitung „Die Zeit“ zum Ausscheiden des Polizeichefs 1980. Und zitierte den Hardliner: „Nur ein bisschen einsam fühle ich mich manchmal.“

Müller erwarb sich anschließend Anerkennung als sachorientierter Manager; er konstituierte und führte das Regierungspräsidium Gießen, war Mitglied des Kuratoriums Hessischer Friedenspreis und noch bis weit über die Pensionsgrenze als Anwalt tätig. „Die Zeit nach dem Polizeidienst war eine große Erleichterung für die Familie“, beschreibt Karen Husemann. „Da konnte er etwas aufbauen.“ Ein kundiger Macher und ein hellwacher Mensch sei er gewesen. Als die alten Kämpfe erledigt waren, habe er etwa Joschka Fischer gegen überzogene Gewaltvorwürfe aus der Zeit des Straßenkampfs in Schutz genommen und sich mit Tom Koenigs, den er sehr schätzte, im Club Voltaire an einen Tisch gesetzt, um über die bewegten Zeiten zu reden. „Innerlich war da eine große Bandbreite“, sagt die Tochter: „Er hatte breite Flügel.“

Ende April soll Knut Müller in Königstein beigesetzt werden.

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