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Ex-OB Petra Roth genießt die neue Freiheit

"Es interessiert mich nicht mehr, ob die sich im Römer streiten", sagt die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Bei unserem Besuch in ihrem "Weißen Haus" lobt Petra Roth ihren Nachfolger Peter Feldmann und erklärt, warum sie kein Buch schreiben wird.

Weiter umtriebig: Petra Roth in ihrem Haus in Nieder-Erlenbach. Foto: Christoph Boeckheler

Im harten Winterlicht schimmert die Villa am äußersten Rand des Ortes. „Das Weiße Haus“ nennen sie es hier in Nieder-Erlenbach in einer Mischung aus Respekt und Ironie. Direkt an die alten Streuobstwiesen grenzt es und an einen Acker, dessen Früchte die Hausherrin begeistert herzeigt: „Ich hab’ doch Kartoffeln gleich hier.“ Das Nummernschild des schweren Sportcoupés vor der Garage verrät, wer hier wohnt: PR. Vor zehn Jahren ist die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth eingezogen.

Das Haus entwarf ihr der Fechenheimer Architekt Ferdinand Heide – beim Einrichtungsgeschäft der Familie hatte sie viele Jahre ihre Möbel gekauft. „Würden Sie ein Haus für mich bauen?“, fragte sie damals ganz direkt den Sohn. Das Modell, das er anfertigte, steht noch auf dem Regal in der Garage. Flachdach, klare Konturen. „Drei Meter hohe Räume, viele Fenster, Reduzierung auf das Wesentliche.“ Hohe Schiebetüren. Das war ihr wichtig. Heide setzte alles um: „Ich hab nicht einen Stein geändert.“

Lichtdurchflutet ist das Erdgeschoss, tatsächlich karg möbliert, ein Sofa, mehrere Sessel wie kleine Inseln im großen Raum. „Das bin ich – ich kann auch alleine ein Haus gestalten“, sagt die 69-jährige stolz. Führt im Eiltempo durch die Zimmer, treppauf, treppab, sportlich-schlanke Gestalt auf hochhackigen Schuhen. Immer noch blonde Haare – das Bild, das man seit Jahrzehnten von ihr kennt.

Aber natürlich ist die Zeit nicht stehengeblieben. Seit 18 Monaten lebt sie als politische Pensionärin hier, nach 17 Jahren an der Spitze der Stadt. Das Haus ist noch immer von Erwin Roth geprägt, dem Mann, den sie so sehr liebte und der vor fast zwei Jahrzehnten seinem Krebsleiden erlag. Überall an den Wänden hängen seine Aquarelle, 150 Bilder hat sie bewahrt von ihm, der in der Freizeit malte, die seine Arbeit als Abteilungsleiter beim HR ihm ließ. Auch ein Panorama ist dabei, auf dem blutrote Flammen in den Himmel züngeln. „Der Golfkrieg 1991“, sagt seine Witwe knapp. Gerade ist sie vom Friedhof, vom Grab ihres Ehemannes, zurückgekehrt.

Roth kocht Tee, schneidet Dresdner Christstollen. An Heiligabend steht das Familientreffen an, ihr Bruder aus Bremen kommt, die Söhne Claudius und André mit ihren Partnerinnen und Kindern. Ihren Freund Robert Raeber, der in der Schweiz lebt, trifft sie dann erst später, beim Helikopter-Skiing zwischen den Jahren.

Endlich plumpst sie auf die Couch. Sport ist ein gutes Stichwort. „Es gibt die Fitness und die Fakten“. Punktum. Fakt ist: Am 9. Mai wird sie ihren 70. Geburtstag feiern, auch wenn sie das nicht fassen kann. Eine Frage treibt sie immer wieder um: „Was wirst du noch gestalten in den nächsten 20 Jahren?“ Der früheren Präsidentin des Deutschen Städtetages ist es wichtig, dass das, was sie tut, „eine gewisse Zeit nachwirkt“.

"Zu viel Hummeln in der Hose"

Ein Buch schreiben? Da muss sie lachen. „Das würde mich nicht reizen“, sagt sie kopfschüttelnd, „dazu habe ich viel zu viel Hummeln in der Hose“. Heute sitzt sie im Vorstand verschiedener Organisationen, Hertie-Stiftung, Commerzbank-Kulturstiftung, Deutsche Nationalstiftung, die von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt gegründet wurde, „ein toller Mann“, die Begegnungen mit ihm geraten regelmäßig zur „Philosophiestunde“.

Schön und gut. Aber Roth kommt stets aufs Neue auf ihr Kern-Thema zurück. Die Stadt. Oder besser: Die Stadt Frankfurt. Sie erinnert daran, dass „ich vor 15 Jahren bei der CDU den Begriff Heimat eingeführt habe“. Heute sei der wichtiger denn je. „In dieser globalisierten Welt müssen wir die Heimat pflegen.“ Mit anderen Worten: Die Menschen sollen „die Stadt als Heimat empfinden“.

Die CDU-Politikerin lässt Tee und Christstollen unberührt, spricht immer intensiver über ihr Frankfurt. Noch heute ist sie stolz darauf, dass sie intervenierte gegen den ursprünglichen architektonischen Entwurf für das Haus am Dom: „Das scheppe Ding!“ Architekt Jochem Jourdan plante um. Mit „Verwunderung“ registriert sie, dass das Doppelhochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) dem Entwurf gar nicht mehr ähnele, wesentlich „angepasster“ wirke: „Das hatte doch eine Taille!“

Schwarz-Grün auf Landesebene gefällt ihr

Im rasanten Wachstum „ihrer“ Stadt Frankfurt sieht die frühere Oberbürgermeisterin überhaupt kein Problem. „Was wollen Sie denn tun dagegen – etwa Mauthäuschen aufstellen?“, fragt sie geradezu trotzig. Mit Wohlgefallen registriert sie, dass sich CDU und Grüne nun auch auf Landesebene in Hessen zum Regieren zusammenfinden. „Wir haben uns als Parteien gegenseitig befruchtet – aber wir verschmelzen nicht“, sagt die Christdemokratin zufrieden. Hier bei ihr im Wohnzimmer, auf dieser Couch, hatte sie 2011 eingefädelt, dass der hessische Innenminister Boris Rhein als OB-Kandidat in Frankfurt antrat – es endete 2012 mit einer krachenden Niederlage.

Und nun? In der CDU laufen sich Kämmerer Uwe Becker und die Stadtverordnetenvorsteherin Bernadette Weyland für die OB-Kandidatur 2018 warm. Roth lehnt sich zurück und lächelt. „Ich halte auch Michael Boddenberg für einen guten OB-Kandidaten“, den scheidenden hessischen Minister für Bundesangelegenheiten, der sich im Frankfurter Süden gut gegen die Fluglärmgegner schlug.

Wir gehen in die kleine Küche. Es gilt, verschiedene Riesling-Jahrgänge zu vergleichen. Vor den Panorama-Fenstern flammt der Himmel in einem unglaublichen Sonnenuntergang rot auf. Wie schwarze Zähne stehen die Hochhaus-Türme vor diesem Hintergrund. Roth redet über ihre neue Freiheit. „Es interessiert mich nicht mehr, ob die sich im Römer streiten!“ So kommentiert sie den Dauerkonflikt zwischen Schwarz-Grün und ihrem Amtsnachfolger Peter Feldmann.

Und dann folgt ein dickes Lob für den Sozialdemokraten: „Er zeigt Engagement für die Stadt – dass ein neuer Oberbürgermeister andere politische Ziele verfolgt, ist im übrigen selbstverständlich.“ Sie verstehe sich mit Feldmann jedenfalls „sehr gut“.

Die neue Freiheit. Heute geht sie nur noch dahin, „wo ich zuhause bin“. In die Oper natürlich, wie gerade zur Premiere von „Ödipus“ in der Regie von Hans Neuenfels: „Je älter ich werde, desto mehr interessiert mich diese Frage, ob der Mensch schuldlos schuldig wird.“ Oder sie trifft sich mit Freunden vom Sportclub 1880: „Da bin ich seit 1964 Mitglied.“

Sie empfand es als „sehr gut“, wie sich der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im ZDF-Interview gegen Marietta Slomka gewehrt habe: „Werden wir denn nur noch missbraucht als Politiker?“ Bis heute findet sie es „schrecklich“, fotografiert zu werden – heute hat sie die Freiheit, nein zu sagen.

Im „Weißen Haus“ von Nieder-Erlenbach ist Petra Roth nicht selten allein. Einsam, sagt sie, sei sie nicht. Sie hat mehr Zeit zu lesen. Auf dem Couch-Tisch liegt aufgeschlagen die neue Hitler-Biographie von Volker Ullrich. Sie könne, sagt sie, das Buch kaum aus der Hand legen.

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