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Evangelische Kirche Blaue Briefe sprechen Evangelen heilig

Mit einem Brief will die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) die Leistungsgesellschaft kritisieren. Dafür spricht sie ihre 1,6 Millionen Kirchenmitglieder heilig.

Evangelische Kirche in Hessen
Kirchenpräsident Volker Jung. Foto: Arne Dedert (dpa)

Dieser Brief soll überraschen und durchaus auch irritieren. Mit der zehnten Auflage ihrer Impulspost schickt die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) momentan eine Million himmelblaue Sendungen in die Briefkästen der protestantischen Haushalte. „Wir sind uns bewusst, dass die Botschaft auch Leute bedrängen oder empören kann“, sagt Kirchenpräsident Volker Jung.

Doch die Kirche wolle nicht verletzen oder bewusst provozieren, vielmehr soll der Brief zum Nachdenken und vielleicht auch zum Reden anregen. „Wir wollen die Menschen mit diesem kleinen Brief in Bewegung bringen“, erklärt Jung. Der Glaube solle mit einem Überraschungseffekt an den Küchentisch gebracht werden. Auf der Front der Mitteilung steht „Sie sehen gut aus!“. Innen sind Aussagen wie „Sie sind wertvoll!“ und „Sie werden gebraucht!“ zu lesen. Dann aber mit handschriftlichen Gedanken versehen, die manch ein Betrachter dabei wohl hegt: „Ha ha ha – guter Scherz!“ oder „Glaub ich nicht.“. Ganz am Schluss ist die zentrale Aussage „Sie sind heilig!“ zu sehen. Denn mit dem Brief will die EKHN allen ihren 1,6 Millionen Kirchenmitgliedern die Heiligkeit augenzwinkernd zusprechen.

Gerade in der heutigen Leistungsgesellschaft würde der Wert eines Menschen an dem gemessen, was er jeden Tag schafft. Geht dies durch Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Arbeitslosigkeit nicht mehr, sei der jeweilige Mensch aber nicht weniger wert, so die Botschaft der evangelischen Kirche. Damit folgt sie im Jubiläumsjahr der Reformation den Erkenntnissen von Martin Luther. Schon der Reformator erkannte beim Studium der Bibel, dass die Menschen von sich aus wertvoll und kostbar seien. Ihre Leistung und Erfolge seien keine Maßstäbe.

Ein Gedanke der schwer zu begreifen ist, in einer Zeit, in der die meisten nach Perfektion und nach immer mehr strebten. Gelinge dies nicht, seien ein verringertes Selbstwertgefühl die Folge oder der Drang, dem Leistungsdenken jederzeit zu entsprechen. Die Briefe wollen zeigen, dass es in Ordnung ist, auch mal zu scheitern oder zurückzustecken. „Wenn klar wird, dass der Sonntag dienstfrei ist und keine Mails gecheckt werden, das Handy zur Seite gelegt oder mehr Zeit mit der Familie verbracht wird“, formuliert Jung, was er als Erfolg des Anschreibens sehen würde.

Damit dies gelingt, investiert die EKHN 654 000 Euro in die Aktion. Neben der Post, bekommen über 500 Gemeinden Banner, Plakate und andere Materialien an die Hand. Anregungen für Gottesdienste, Konfirmationsfeiern oder Gemeindebriefe runden das Angebot ab. Ein Antwortteam aus Pfarrern wird Reaktionen auf die himmelblauen Briefe beantworten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Kirche

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