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Evakuierung in Frankfurt wegen Bombe Evakuierung ist Mammutaufgabe für die Helfer

Nach dem Fund einer Bombe beginnt in Frankfurt in Krankenhäusern und Altenheimen im Sperrgebiet die Evakuierung.

Evakuierung von Senioren
Immer schön der Reihe nach: Ruhig und geordnet verlassen die Kursana-Bewohner mit ihren Betreuern das Seniorenheim nahe des Bombenfundortes. Foto: Peter Jülich

Vor dem Bürgerhospital reihen sich am Freitag Rettungswagen aneinander. Säuglinge werden in Brutkästen über den Hof gerollt. Die größte Evakuierungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik ist angelaufen. Damit der Kampfmittelräumdienst die Fliegerbombe am Unicampus Westend entschärfen kann, müssen bis Sonntagmorgen um 8 Uhr nicht nur die 320 Betten des Hospitals an der Nibelungenallee geräumt sein, sondern auch die 140 Betten im gegenüberliegenden Marien-Krankenhaus.

Es ist das erste Mal in der Nachkriegszeit, dass das Bürgerhospital komplett geräumt und verschlossen wird. Um die Mammutaufgabe zu stemmen, hat das Krankenhaus einen Krisenstab gebildet, der mehrmals am Tag zusammenkommt. „Die größte Herausforderung ist, dass die medizinischen Standards nicht leiden“, sagt der Ärztliche Direktor Oliver Schwenn. Er ist zuversichtlich, „dass es mit wenigen Komplikationen über die Bühne gehen wird“. Alle Transporte seien medizinisch sicher.

Seit Mittwoch sei der Betrieb bereits gedrosselt worden, so Schwenn, und die Belegung des Bürgerhospitals seit Freitag zurückgefahren. Viele Patienten, bei denen es medizinisch keine Bedenken gegeben habe, seien bereits entlassen worden. Insgesamt müssten deshalb nur weniger als 100 Menschen umgesiedelt werden. „Die Flure erscheinen schon leer“, sagt Schwenn.

Am heutigen Samstag beginnt das Bürgerhospital voraussichtlich zwischen 8 und 8.30 Uhr damit, Patienten zu verlegen. Die Neugeborenen werden im Clementine-Kinderhospital weiterbehandelt. Alle Patienten und deren Angehörige werden von Mitarbeitern des Bürgerhospitals individuell betreut. Viele Betroffene kommen in der Unfallklinik in Seckbach und in Kliniken in Höchst, Offenbach und in Friedrichsdorf-Köppern im Hochtaunuskreis unter. „Es freut mich sehr, dass sich die nicht betroffenen Krankenhäuser umgehend bei uns gemeldet haben und ihre Unterstützung angeboten haben“, sagt Schwenn. Das Uniklinikum Frankfurt rechnet für Sonntag mit mehr Patienten als sonst und wappnet sich dafür mit zusätzlichen Mitarbeitern, wie es in einer Mitteilung heißt.

Wenn bei der Bombenentschärfung alles glatt läuft, sollen das Bürgerhospital und das Marien-Krankenhaus am Sonntagabend ihren Betrieb wieder aufnehmen. Viele Patienten sollen dann direkt zurückverlegt werden. „Die Mitarbeiter bleiben so lange bei ihren Patienten, wie sie ausgelagert sind“, sagt der Geschäftsführer des Bürgerhospitals, Wolfgang Heyl.

Zwei Rettungswagen mit Blaulicht parken vor dem Kursana-Seniorenheim. Sie gehören allerdings nicht zum Evakuierungsprogramm. Und sorgen im Moment vielmehr für einen kleinen Stau, denn eigentlich sind die Kursana-Bewohner abfahrbereit. In der Eingangshalle sitzen die Senioren entspannt, während das Personal noch letzte Vorbereitungen trifft. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, sagt eine Bewohnerin. „Aber meine Familie und ich sind rechtzeitig informiert worden und alles ist gut organisiert.“

Nur 37 Bewohner müssen noch verlegt werden, nach Wiesbaden, Oberursel und Bonn. Alle anderen wurden bereits in anderen Kursana-Einrichtungen oder bei Angehörigen untergebracht. Direktor Michael Reeder sagte, es habe alles reibungslos funktioniert: „Ich bin all unseren Mitarbeitern sehr dankbar, und auch die Angehörigen haben viel Verständnis und Hilfsbereitschaft gezeigt.“ Natürlich ist die kurzfristige Umsiedelung auch ein großer Aufwand. Besonders kleinere logistische Probleme machten dem Kursana-Personal zu schaffen - zum Beispiel das Besteck, das ebenfalls umsiedeln muss, weil in den anderen Einrichtungen alles auf die sonstige Anzahl der Bewohner ausgerichtet ist. Die Patienten hätten viele Fragen gestellt, so Reeder, seien aber nicht verängstigt.

Katharina Leippert, die als soziale Betreuerin übers Wochenende mit verreist, fühlt mit den Bewohnern. „Viele erinnert die Bombe an die Kriegszeiten“, sagt sie. „Aber der Zusammenhalt hier ist gut, wir sind wie eine Familie.“

Sobald die Auffahrt frei ist, kann es losgehen. „Schieben Sie mich jetzt bis Oberursel?“, grinst eine Rollstuhlfahrerin, die mit ihrer Pflegekraft auf dem Weg nach draußen ist. „Aber sicher doch“, scherzt die, „und ich packe Sie heute Abend auch ins Bett, darauf können Sie sich verlassen!“

Besonders bei Demenzkranken sei es wichtig, die vertrauten Gesichter dabeizuhaben, sagt Michael Reeder. „Die Umgebung kann sich ändern, aber der Alltag muss gleich bleiben.“ Am Montag um elf Uhr ist die Rückreise nach Frankfurt geplant, bis dahin hoffen alle aus der Kursana- Villa auf eine unproblematische Bombenentschärfung.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Bombe - Evakuierung in Frankfurt

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