Lade Inhalte...

Euthanasieverbrechen der Nazis Mordprogramm für Kranke

Eine Ausstellung in der Zentralbibliothek über die Euthanasieverbrechen der Nazis beleuchtet sowohl Opfer als auch Täter.

Ausstellung
Die Ausstellung im Untergeschoss der Bibliothek ist bis Ende März zu sehen. Foto: Christoph Boeckheler

Es gab Tage, an denen war Anna Lehnkering eine ganz normale fröhliche junge Frau. Das wird einem auf Bildern klar, auf denen sie lachend auf einer Bank sitzt oder mit ihrem Bruder auf einer Decke im Gras entspannt. Doch dann gab es auch andere Tage, an denen sie weinte, besonders still war oder rebellierte – kaum verwunderlich, denn sie wurde gegen ihren Willen in eine Psychiatrie eingewiesen. Anna wurde es zum Verhängnis, dass sie in einer Zeit lebte, in der Anderssein bestraft wurde. Die junge Frau starb mit 24 Jahren durch die Hand von Nationalsozialisten.

Seit gestern ist in der Zentralbibliothek in der Hasengasse 4 eine neue Ausstellung zu sehen: „Tiergartenstraße 4 – Geschichte eines schwierigen Ortes“. Die Wanderausstellung zieht seit September 2015 durch Deutschland und macht nun Station in Frankfurt. Die Präsentation umfasst 20 Schautafeln, von denen 14 mit recht langen Texten aufwarten. Wer die Ausstellung besucht, sollte sich davon nicht abschrecken lassen.

Die Schau beleuchtet zunächst die Geschichte des Gebäudes in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. 1888 erbaut, ist es als prunkvolle Stadtvilla Veranstaltungsort vieler rauschender Feste. 1940 reißen sich die Nazis das Haus unter den Nagel und installieren im Geheimen eine Zentraldienststelle, die die Aktion T4 koordinieren soll: ein großangelegtes Mordprogramm für kranke und geistig behinderte Menschen.

300.000 Menschen starben

1944 wird das Gebäude bei Luftangriffen stark beschädigt, so dass die Ruine 1950 schließlich gesprengt wird. An ihrer Stelle entsteht die neue Philharmonie, die 1963 eingeweiht wird. Die dunkle Vorgeschichte ist in Vergessenheit geraten; erst Mitte der 80er Jahre wird darauf aufmerksam gemacht.

Den Gräueln der Aktion T4 fielen mehr als 70.000 Menschen zum Opfer. Insgesamt gehen Forscher davon aus, dass 300.000 Menschen durch die Euthanasieverbrechen der Nazis starben, die den Tötungskreis später immer größer fassten: Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende oder auch traumatisierte Wehrmachtssoldaten.

Mit einem der Opfer, Anna Lehnkering, beschäftigt sich die Ausstellung. Die junge Frau steht beispielhaft für die zahlreichen Opfer des Massenmordes. Anna wurde 1915 in Nordrhein-Westfalen geboren und besuchte eine Hilfsschule, da es ihr manchmal schwerfiel, sich zu konzentrieren und sie sich unruhig verhielt. Als Erwachsene diagnostizierten die Nazis ihr „angeborenen Schwachsinn“, sterilisierten sie, um die „Erbgesundheit“ zu erhalten und deportierten sie schlussendlich nach Grafeneck, wo Anna vergast wurde.

Grafeneck war eine von sechs Tötungsanstalten der Aktion T4. Auch Hadamar in der Nähe von Limburg gehörte dazu. Anna Lehnkerings Schicksal wurde erst 2003 bekannt, als ihre Nichte den Namen auf einer Opferliste im Internet las und mit Nachforschungen begann; die Nazis hatten 1940 eine Bauchfellentzündung als Todesursache angegeben. Viele der damaligen Täter wurden erst spät oder gar nicht zur Rechenschaft gezogen. Bis heute sind die Opfer den NS-Verfolgten nicht gleichgestellt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen