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Eschersheim Erinnerung an Wilhelm Altheim

Die Kneipen waren seine Akademien, ganz Eschersheim seine Bühne. Auf dem Rücken eines Esels ritt er als Husar oder Cowboy verkleidet gelegentlich bis direkt an die Bar. Der Maler und Zeichner Wilhelm Altheim war eine exzentrische Persönlichkeit und Frankfurter durch und durch.

Der Künstler mit Pistole in Eschersheim. Foto: Stadtmuseum Groß-Gerau

Geboren wurde der Künstler 1871 in Groß-Gerau. Schon bald zog er nach Eschersheim, wo er seine wohl besten Jahre in feucht-fröhlichem Dauerzustand verbrachte. Erst später siedelte Altheim nach Rödelheim um, wo er sich – verarmt, alkoholabhängig und depressiv – am ersten Weihnachtsfeiertag vor 100 Jahren das Leben genommen haben soll.

„Er war ein Verrückter“, weiß Hans Günter Thorwarth, der sich als ehemaliger Stadtteilhistoriker von Höchst und Nied mit dem Maler beschäftigte. Das ist wohl ein Grund dafür, dass Altheim heute in Vergessenheit geraten ist. Denn handwerklich war der Künstler, der in altmeisterlicher Manier realistisch das Leben der kleinen Leute in Frankfurter Vororten dokumentierte, von großem Talent.

„Er war ein Zeichner erster Garnitur“, bestätigt Jürgen Volkmann, Leiter des Stadtmuseums Groß-Gerau, wo seit Juli Altheims Grafiken, Gemälde und Zeichnungen zu sehen sind. Nur mit der Zuverlässigkeit gegenüber seinen Auftraggebern habe er Probleme gehabt. Und dann wurde der Alkohol im zum Verhängnis.

Doch zunächst lief es gut im Leben Altheims. Nachdem der Groß-Gerauer Fabrikant Julius Wolff das Talent entdeckte, ermöglichte er dem damals 15-Jährigen die Ausbildung an der Städelschule bei dem Kunstprofessor Heinrich Hasselhorst. Mit Fritz Boehle zählte er dort zu den begabtesten Schülern.

Altheim war eigenwillig, fügte sich nicht den Modeströmungen seiner Zeit. Vielmehr sei er ein „Konservator“ der vorindustriellen Zeit, so Volkmann. Altheims Werke zeigen das bürgerliche Leben der kleinen Leute. Er malte Bauern, Vagabunden und Handwerker. Aus dem, was ihn täglich umgab, schuf „der große Zeichner“ seine Bilder zum ländlichen Genre der Frankfurter Vororte.

Als Kind, so berichtet Volkmann, habe Altheim sich in der Natur herumgetrieben. „Die Fabriken waren nicht seine Welt.“ Besonders spannend fand er auch die Ausritte und Übungen der 13. Bockenheimer Husaren, die er häufig begleitete. Kurzum legte sich der Maler selbst eine private Waffensammlung an. Die Schießübungen stießen auf das Missfallen seiner Umgebung.

Auch eine große Faszination für die Tierwelt trieb den Künstler an. Er malte leidenschaftlich gerne Pferde und hielt sich selbst einen kleinen Zoo mit einem Affen und einem Bären. Bei aller Umtriebigkeit blieb er Frankfurt immer treu. So hatte er einmal die fixe Idee nach Paris zu gehen. Schon als die Sachsenhausener Kirchtürme nicht mehr zu sehen waren, soll er zu seinem Begleiter gesagt haben: „Lass uns umkehren. Wir sind weit genug weg.“

Auch Studienaufenthalte in Florenz, Rom und Südfrankreich konnten ihn nur mäßig begeistern. Es zog ihn immer wieder zurück an den Main, wo Altheim mit seiner pittoresken Persönlichkeit ein guter Unterhalter und gern gesehener Gast war. Man nannte ihn den „König von Eschersheim“.

Doch nach einer gescheiterten Ehe ging es für Altheim bergab. Er kam mit den Anforderungen seines Lebens nicht mehr zurecht, verfiel zusehends dem Alkohol und zerbrach schließlich daran. Mit nur 43 Jahren beging er Selbstmord. Die bürgerliche Idylle, die er mit Öl und Bleistift dokumentierte, war nicht seine.

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