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Erziehermangel Pokern um Erzieher

Für den Ausbau der Kinderbetreuung fehlt Personal. Um Erzieher ist ein regelrechter Konkurrenzkampf entbrannt. Träger und Kommunen überbieten sich dabei gegenseitig.

Männer im Kindergarten – hier Till Geiger im württembergischen Bretten – in Deutschland ist das noch immer die große Ausnahme. Foto: dpa

Wie wäre es mit Hilfe bei der Wohnungssuche? Oder einem kostenlosen Betreuungsplatz für das eigene Kind? Der städtische Eigenbetrieb Kita Frankfurt lässt sich etwas einfallen, um Erzieher aus anderen Kommunen anzulocken. Knapp hundert freie Stellen sind derzeit in den 140 Kindertagesstätten zu besetzen, die Kita Frankfurt zum größten Träger der Stadt machen. Rund 12.000 Kinder werden hier von mehr als 2000 pädagogischen Fachkräften betreut.

Doch der Bedarf ist weit höher, wie Leiterin Monika Berkenfeld sagt. Grund ist der Ausbau der Betreuungsplätze wegen des Rechtsanspruchs für Kinder unter drei Jahren, der ab August 2013 greift. Zwar fehlt es auch an geeigneten Räumen. Vor allem aber mangelt es an Fachkräften.

Unterkünfte für Erzieher

Fachkräfte, die auch von anderen Trägern heiß begehrt werden. „Wir konkurrieren“, gibt Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks Frankfurt, unumwunden zu. „Jeder versucht, seine eigenen Einrichtungen zu versorgen.“ Um Fachkräften von außerhalb eine Unterkunft bieten zu können, betreibt die Diakonie zwei Wohngemeinschaften für jeweils maximal vier Erzieherinnen. Im Rahmen einer EU-Kampagne bemüht sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau verstärkt um Männer. Das habe aber „noch keine großen Resultate gebracht“, sagt Frase.

Anders beim Beratungs- und Verwaltungszentrum (BVZ), ein Zusammenschluss freier Träger, die zusammen 154 Einrichtungen mit 1490 Fachkräften und 5500 Plätzen betreiben. Durch gezielte Werbung hat es das BVZ auf einen Männeranteil von 18 Prozent gebracht, wie Michael Burbach von der Geschäftsführung vorrechnet. „Wir können nur mit unserem guten Ruf und dem Arbeitsklima werben“, sagt Burbach und verhehlt nicht, dass er das Vorgehen der Kita Frankfurt „ein bisschen schade“ findet. „Solche Mittel, wie die Stadt sie hat, haben wir nicht zur Verfügung.“ Die Werbung um Fachkräfte sei ursprünglich als trägerübergreifende Initiative gedacht gewesen.

Ähnliche Töne der Enttäuschung kommen auch vom katholischen Caritasverband. Eigentlich habe es das gemeinsame Verständnis gegeben, „dass wir alle miteinander suchen, wenn der Markt leer gefegt ist“, sagt Renate Ebert vom Referat Kindertagesstätten. „Nun gerät man in Konkurrenz.“ Was dem Träger als Hilfsmittel für die Akquise von Arbeitskräften bleibt, ist auch hier eine WG, ähnlich wie sie die Diakonie betreibt, und die Präsenz bei Jobbörse, Berufsbildungsmessen und den Fachschulen. „Aber das machen natürlich alle.“

Angemessene Bezahlung gefordert

Gerade der gute Kontakt zu den Fachschulen wird als sehr wichtig eingeschätzt. An der Frankfurter Berta-Jourdan-Schule beträgt die Zahl der Quereinsteiger mittlerweile 60 Prozent. Die Arbeitsagentur ist gehalten, verstärkt auf gesuchte Berufe wie Erzieher umzuschulen. Träger bieten hier auch eine berufsbegleitende Ausbildung an, bei der die künftigen Erzieher für ein geringeres Gehalt bereits in Teilzeit arbeiten können, während sie innerhalb von zwei Jahren umgeschult werden.

Dass die Umschulung immer ganz freiwillig vor sich geht, bezweifelt Jochen Nagel, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen. „In Einzelfällen wird möglicherweise subtil Druck ausgeübt“, sagt er und nennt es „absurd, wenn Erwerbslose in einen solchen Beruf gedrängt werden“.

Das weist die Arbeitsagentur von sich. „Es ist nicht so, dass den Leuten auf Gedeih und Verderb dieser Berufszweig vorgeschlagen wird – das funktioniert ja nicht“, sagt Pressesprecherin Christina Funedda. Jeder Umschüler werde einem Eignungstest unterzogen und nur in Absprache mit der Fachschule aufgenommen.

Doch die Ausbildung braucht ihre Zeit. Derweil setzt Kita Frankfurt auf die Reize der Großstadt und verbreitet seine Angebote in Fachmagazinen beigelegten Flyern. „Wir machen unsere Arbeit für Mitarbeiter so attraktiv, dass die Erzieher zu uns kommen“, sagt Leiterin Berkenfeld. Der Standort ermögliche eine Kooperation etwa mit den vielen Museen der Stadt. „Man kommt mit den Kindern auch mal raus.“ Der gestiegene Anspruch des Berufs müsse verdeutlicht werden, „Kitas sind Bildungseinrichtungen“.

Für Nagel von der GEW jedoch ist das Problem nur grundsätzlich zu beheben: Damit nicht länger Arbeitgeber gegeneinander antreten, müsse der Beruf insgesamt sozial aufgewertet werden, fordert er. „Man soll diesen Beruf endlich angemessen bezahlen.“

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