Lade Inhalte...

„Erzählzeit“ Die Tür in eine andere Welt

Das Sprachförderprogramm „Erzählzeit“ bietet Kindern Zugang zu Märchen. Es ist nötig, weil vielen kleinen Zuhörern oftmals die Worte fehlen. Ein Mädchen mit roter Kappe schafft Abhilfe.

Sprachförderprogramm „Erzählzeit“
So spannend können Märchen sein: Gebannt hören die Kinder des Kinderzentrums Alt-Fechenheim dem Erzähler Patrick Erni zu. Foto: Katrin Schander

Aus einer Kiste holt Mirjam Tertilt einen altmodischen schwarzen Schlüssel. Die vor ihr sitzenden Kinder folgen seinem Weg von der kleinen Truhe bis in ihre Hand sehr aufmerksam. Dann sprechen sie gemeinsam die magischen Worte: „Der Schlüssel steckt im Schloss und kracht. Krick, krack, krick, krack, krick, krack.

Die Märchentür, sie öffnet sich. Es war einmal, es wird einmal. Es gibt kein Wenn und kein Vielleicht.“ Manch ein Kind flüstert die Worte nur, andere sprechen laut mit, aber alle gemeinsam sagen sie den Vers, der den Eintritt in eine andere Welt ermöglicht. Es ist Erzählzeit in der Kita Karibuni Bantu.

Die Tagesstätte in Fechenheim bekommt immer montags Besuch von einer Erzählerin des künstlerischen Sprachförderprogramms „Erzählzeit Frankfurt“ des Vereins „Kunst für Kinder!“ in Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus in Frankfurt. Seit etwas mehr als sechs Jahren läuft die Förderung bereits. Die Kita Karibuni Bantu – das ist ist Suaheli und bedeutet übersetzt so viel wie „Willkommen, Mensch“ – ist erst seit November Teil des Projekts. Seitdem kommt Mirjam Tertilt in die Starkenburger Straße und erzählt den Kindern verschiedenste Märchen.

Auf die Kinder reagieren

An jenem Montag sind es „Der süße Brei“ für die kleineren Kinder, die zwischen drei und vier Jahre alt sind, sowie „Rotkäppchen“ für die Fünf- bis Sechsjährigen. Dafür hat Tertilt einen Raum im Gebäude vorbereitet. Auf ihrer Erzählerbank liegt eine blaue Decke, das Fenster dahinter ist mit türkisem Stoff abgedeckt – nichts soll die Kinder ablenken. Die kleinen Zuhörer sitzen auf blauen Matratzen im Halbkreis um die Erzählerin, die eigentlich Schauspielerin ist.

„Nach all den Geschichten der anderen war ich neugierig und wollte ebenfalls mitmachen“, sagt die gebürtige Stuttgarterin. Sie absolvierte die Weiterbildung für die Erzählzeit und ist nun eine von zwölf Märchenerzählern des Theaterhauses. Zwischen 30 und 40 Märchen kann sie bereits „inwendig“, wie es Sara Vajen vom Erzählzeit-Projekt nennt. Die Erzähler müssten die Geschichten verinnerlicht haben und auf die Reaktionen der Kinder reagieren können. Also etwas Schärfe herausnehmen, wenn die Story zu bedrohlich wird, oder die Kinder einbinden, um Sprachanlässe zu schaffen.

Genau um diese Anlässe geht es bei den kleinsten Zuhörern. Die Geschichte vom süßen Brei beginnt mit einem echten Topf voller Hirse. Diesen reicht Tertilt der Reihe nach herum, jedes Kind darf auch einmal hineingreifen und die Hirse fühlen. Sie kommentieren, was sie fühlen, und sie werden daheim davon berichten. Und in der kommenden Woche werden sich die Kinder an diesen Topf erinnern, und das Märchen wird ihnen wieder einfallen, wenn es darum geht, dessen Inhalt noch mal Revue passieren zu lassen.

Sie werden sich wieder an das Mädchen und seine Mutter erinnern, die anfangs Hunger litten, und an die Vögel im Wald, die Mirjam Tertilt mit einer Flöte imitierte. Aber auch an das Unglück, als der Topf nicht mehr aufhören wollte zu kochen, an das Mädchen, das alle rettete und an den Brei, der schließlich im ganzen Dorf verteilt war und durch den sich ein jeder durchessen musste.

„Märchen sind das perfekte Mittel für unser Ziel“, sagt Gordon Vajen, der dem Frankfurter Projekt vorsteht. Ursprünglich wurde die Idee in Berlin erdacht. Ziel ist es, der Sprachlosigkeit von Kindern entgegenzuwirken. Dabei sind Kinder mit Migrationsgeschichte ebenso betroffen wie Kinder aus Familien ohne diesen Hintergrund.

Es sei ein allumfassendes Problem: In vielen Familien werde zu Hause nicht mehr miteinander gesprochen. Die Eltern arbeiteten lange, dann folgten Fernseher oder andere neue Medien. Auch das Märchen oder Geschichten erzählen sei rar geworden. „Sprache ist die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe“, erklärt Vajen. Auch um die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, sei sie unerlässlich. Die blumige Sprache der Märchen klinge nicht nur toll, sie vermittle den Kindern auch Wissen und Moral.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen