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Ernährungsrat Frankfurt „Wir müssen zurückrudern und weniger konsumieren“

Am Wochenende tagt der Kongress der Ernährungsräte in Frankfurt. Die Fachleute fordern eine Wende zur Nachhaltigkeit.

Schüler der Offenbacher Wilhelmschule
Ernährungsbildung – so wichtig. Hier an der Offenbacher Wilhelmschule 2016. Foto: Monika Müller

Frau Wißmann, Herr Weber, kennen Sie den Loriot-Sketch mit der Kalbshaxe „Florida“?
Anna Wißmann: Hab ich verdrängt. (lacht)

Joerg Weber: Muss ich überlegen.

Da isst ein Herr im Restaurant die Kalbshaxe, dauernd fragt ihn jemand: „Schmeckt’s?“, der Ober bietet andere Beilagen an, es bildet sich eine Menschenmenge um den Tisch, bis der Gast klagt, man habe ihm „ins Essen gequatscht“. Können Sie sich vorstellen, dass der Normalbürger sich von den Ernährungsräten auch ins Essen gequatscht fühlt?
Weber: Durchaus. Bisher wollen 15 bis 20 Prozent der Menschen bewusst und ökologisch essen und sich auch aus der Region ernähren, und dann gibt es einen großen Prozentsatz von Leuten, denen eigentlich egal ist, was sie sich in den Magen schlagen – da, glaube ich, kann dieses Problem entstehen, dass wir als Oberlehrer hingestellt werden. Aber wir wollen niemandem etwas wegnehmen. Wer sich absolut schlecht ernähren will, kann das tun.

Wißmann: Es geht ja auch gar nicht um Vorschriften. Es ist eben viel leichter, an Lebensmittel zu kommen, die unserem Ideal nicht entsprechen. Wer sich frisch und regional ernähren will, muss viel Aufwand betreiben. Unser Ziel, besseren Zugang zu schaffen, dafür zu sorgen, dass es gute Lebensmittel gibt: Das ist ja was anderes, als den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen.

Für viele steht aber das Geld im Vordergrund. Die sagen, sie können ohne Ein-Euro-Schnitzel aus dem Discounter ihren Lebensunterhalt gar nicht bestreiten. 
Wißmann: Da werden zwei Gruppen gegeneinander ausgespielt: Leute, die am Existenzminimum leben, und bäuerliche Betriebe, die seit Jahrzehnten reihenweise schließen müssen, weil von ihnen verlangt wird, sie hätten billige Lebensmittel zu liefern. Es gibt aber auch genug Leute, die deutlich mehr als einen Euro für ein Schnitzel ausgeben könnten. Um die geht es – dass sie etwas weniger für ihr neues Auto, ihre Unterhaltungselektronik ausgeben und stattdessen einen fairen Preis für gute Lebensmittel zahlen.

Weber: Ernährungsräte sind Teil der Gesellschaft, die sich auf den Weg macht, und der Weg heißt: Es kann nicht so weiterproduziert werden, wenn wir mit der Klimaproblematik umgehen wollen. Man kann nicht drumherum reden und so tun, als wäre alles in Ordnung – wir müssen zurückrudern, weniger konsumieren, weniger in den Urlaub fliegen. Es muss nicht weniger Lebensqualität sein. Im Gegenteil. Auch wer wenig Geld hat, kann einen besseren Fleischkonsum haben: mit weniger Fleischkonsum.

Seit knapp eineinhalb Jahren hat Frankfurt einen Ernährungsrat – wie geht’s ihm, Herr Weber?
Weber: Ganz fantastisch! Wir haben hier die Ärmel hochgekrempelt und angefangen zu arbeiten, während andere Städte mehr Theoriearbeit leisten – was sich sehr gut ergänzt. Wir profitieren von der bundesweiten Vernetzung. Hier in Frankfurt haben wir sechs Arbeitskreise, etwa „Main Mittagessen“, der sich auch am Runden Tisch zum Schul-Catering beteiligt hat.

Kooperiert die Stadt Frankfurt mit dem Ernährungsrat?
Weber: Ja, sehr. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig ist Schirmherrin, die Schuldezernentin Sylvia Weber arbeitet mit uns zusammen. Es gab nie eine Situation, in der wir gesagt haben: Wir kommen nicht weiter. Auch die Industrie- und Handelskammer hilft uns, indem sie etwa Räume zur Verfügung stellt. Wir erleben große Kooperationsbereitschaft.

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