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Ernährung Global denken, lokal essen

Frankfurt hat einen Ernährungsrat. Er möchte helfen, die Souveränität über den eigenen Teller zurückzuerobern.

Erzeugermarkt Konstablerwache
Mehr davon will der Ernährungsrat: Erzeugermärkte mit frischen Lebensmitteln aus der Region, hier auf der Konstablerwache. Foto: Monika Müller

Es gibt Dinge, die Joerg Weber stören. „Wenn es heißt: Aber man findet doch überall regionale Produkte!“ Und bei näherem Hinsehen stellt sich dann heraus: „Das Lebensmittel kommt aus Oberbayern oder von noch weiter her.“ Regional geht anders, sagt Weber dann. Damit sich diese Erkenntnis durchsetzt, aber auch aus manch anderem Grund, gibt es seit Mittwochabend einen Ernährungsrat in Frankfurt.

Zur feierlichen Gründung kamen viele ernährungsbewusste Leute, darunter Vertreter größerer Organisationen und Netzwerke, etwa Transition Town Frankfurt, Slow Food, Echt Hessisch und Solawi (Solidarische Landwirtschaft). 115 Anmeldungen registrierte der Veranstalter, der Verein Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung. „Dahinter stehen tausende Menschen“, betont Weber. Zu ihnen zählt die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), die an der Gründung teilnahm und die Idee als Schirmherrin unterstützt.

Die Forderung nach einer fairen, gesunden, nachhaltigen Ernährung sei „mehr als gerechtfertigt“, so Heiligs Standpunkt – in Zeiten der Massentierhaltung, der Lebensmittelskandale, des Klimawandels. Und in Zeiten, in denen Umweltzerstörung für billige Nahrungsmittel in Kauf genommen werde, etwa das Abholzen des Regenwalds zur Palmölgewinnung. „Global denken, lokal handeln“, der Slogan gelte auch hier, so Heilig. Ein Ernährungsrat bündele und vernetze Interessen und Fachwissen, er schaffe auch einen wichtigen Fundus, auf den die Politik zurückgreifen könne – und sollte: „Es braucht meiner Ansicht nach eine lokale Ernährungspolitik.“

Mal konkret: Was soll ein lokaler Ernährungsrat? Der Autor und Blogger Philipp Stierand, Gast am Gründungsabend, hat vier Kriterien aufgestellt. Erstens: Die Lebensmittelversorgung unserer Städte müsse sich dringend ändern, weil sie derzeit Klima und soziales Zusammenleben zerstöre. Zweitens: Vor Ort kann man damit am besten beginnen, als Baustein zur Lösung. Drittens – da deckt sich Stierands Plädoyer mit der Meinung der Stadträtin: Eine lokale Ernährungspolitik muss her. Und viertens: „Wir brauchen das Wissen aller von Landwirt bis Verbraucher.“

Oder in Joerg Webers Worten: „Wir wollen die Ernährungssouveränität zurückerobern.“ Das schwebte auch den Menschen in Südamerika vor, als sie die ersten Ernährungsräte gründeten, weil sich die Lage dramatisch veränderte. Spekulanten trieben die Weizenpreise an der Börse in die Höhe. Die Leute beschlossen: Wir müssen vor Ort etwas tun. Bald, beschreibt Weber, zogen Gleichgesinnte in Nordamerika nach. „Sie sagten: Wir wollen uns frisch und gesund ernähren.“ Nachahmer fanden sich in Europa, im vorigen Jahr auch in Köln und Berlin. Frankfurt ist die dritte große deutsche Stadt in diesem Kreis – was Stierand angenehm überraschte: Wie so viele vor ihm war er auf den Irrtum mit der „Stadt der Banken“ hereingefallen, in der nichts Grünes sprießt.

Weit gefehlt, sagt Weber, Frankfurt habe durchaus seine Anbauflächen und die Wetterau vor der Tür, „die besten Böden weit und breit – das muss man fördern und ausbauen und schützen“. Die Städte, fordert der Netzwerker, „müssen dafür sorgen, dass es möglich ist, regional anzubauen“. Dem Raubbau an den Böden und der Versiegelung sagt der Ernährungsrat den Kampf an.

Und es geht um noch mehr. „Es geht um nachhaltiges Leben, um Klimaschutz“, schildert Weber, „und es geht uns nicht darum, den Finger in irgendwelche Wunden zu stecken – es geht uns um Lösungen, wir sind durch und durch positiv.“ Und demokratisch. Wer sich dem Ernährungsrat anschließe, könne stetig an Zweck und Zielen der Vereinigung mitarbeiten.

Fragt sich, ob das Streben nach regionaler Landwirtschaft überhaupt umsetzbar ist. Gibt es denn genug Flächen? Kommen wir angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums um die industrielle Massenproduktion von Lebensmitteln herum? „Es gibt schon heute mehr Lebensmittel auf der Welt, als wir brauchen“, sagt Weber, der bei den verschiedensten Projekten erfolgreich als Starthelfer fungierte, von Kultureinrichtungen bis zur Ökobank. Bei uns, aber auch anderswo auf der Welt, landeten bis zu 40 Prozent der Lebensmittel auf dem Müll; Großkonzerne hielten Bauern davon ab, Landwirtschaft in Afrika zu betreiben. „Diese Menschen kommen dann zu uns als Flüchtlinge.“ Es gebe viel zu tun, sagt Weber. Ein Anfang sei nun auch in Frankfurt gemacht.

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