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Erinnerung Vergessene Leidtragende der Nazis

Hitler steckte sie als „Asoziale“ oder „Berufsverbrecher“ in KZs: Kleinkriminelle wie der Onkel des Frankfurter Politikwissenschaftlers Frank Nonnenmacher.

KZ Flossenbürg
Die Bunker mit dem Krankenrevier im KZ Flossenbürg in Bayern. Foto: akg-images (akg)

Schon als Kind muss sich Ernst Nonnenmacher durchs Leben schlagen. Die Mutter ist bitterarm, verdient als Weißbüglerin nur ein paar Pfennige. Der Junge schwänzt die Schule, treibt sich auf der Straße herum, stibitzt Obst vom Feld, Brot vom Marktstand. „Wir wussten oft am Abend nicht, ob es am nächsten Tag etwas zu essen geben würde“, berichtet Ernst Nonnenmacher viele Jahre später. „Ich habe mehr als einmal klauen müssen, damit Mutter und ich uns über Wasser halten konnten.“ Als junger Mann tingelt er als Tagelöhner durchs Land, bricht auch mal wo ein und stiehlt etwas. „In dieser Situation“, sagt sein Neffe Frank Nonnenmacher, emeritierter Professor für Politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt, „war Klauen etwas Selbstverständliches. Überlebensnotwendig.“

Anfang der 1930er Jahre herrschen Massenarbeitslosigkeit und Elend in Deutschland. Ernst Nonnenmacher fühlt sich als Kommunist, ohne je die Klassiker gelesen zu haben. Mehrmals kommt er ins Gefängnis, wegen Diebstahl, Einbruch, Bettelei, Landstreicherei. 1941 hat er seine Strafe abgesessen, wird aus der Haft entlassen. „Und da passiert ihm, was Zehntausenden passiert ist“, sagt der Wissenschaftler. Der 33-Jährige wird direkt der Gestapo übergeben – und ohne weiteres Verfahren ins Konzentrationslager Flossenbürg gebracht.

Dort bekommt Ernst Nonnenmacher ein schwarzes Stoffdreieck auf die Brust der Häftlingskleidung geheftet, den Schwarzen Winkel. Damit werden KZ-Insassen gekennzeichnet, die von der SS als „asozial“ eingestuft werden: Obdachlose, Bettler, Landstreicher. Bald darauf erhält er einen grünen Winkel, wird damit offiziell als „Berufsverbrecher“ gebrandmarkt. Wie so viele andere auch. Dabei habe es sich überwiegend um Kleinkriminelle gehandelt, erklärt Nonnenmacher. Die Delikte seines Onkels seien dafür typisch.

Für die Nazis hätten Menschen, die mehrfach wegen Straftaten verurteilt wurden, bewiesen, dass sie über „kriminelle Gene“ verfügten. Um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen, sollten sie weggesperrt werden. Mehr noch: „Sie sollten durch Arbeit vernichtet werden“, sagt der Politikwissenschaftler. Etwa im Granitsteinbruch im KZ Flossenbürg. Ernst Nonnenmacher entging knapp dem Tod, weil er Korbflechten konnte – und ins KZ Sachsenhausen verlegt wurde, um Geschosskörbe zu reparieren.

Die Forschung geht davon aus, dass insgesamt 70.000 Menschen mit grünem oder schwarzem Winkel im KZ saßen. Doch nach 1945 wurden diese Häftlinge weitgehend vergessen. Sie wurden nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Bis heute. Auch die Forschung habe versäumt, an diese Menschen heranzutreten und ihre Geschichten aufzuschreiben, sagt Nonnenmacher. „Das ist ein Drama.“ Viel zu lange sei überhaupt nichts passiert. Das soll sich ändern. Deshalb hat der Frankfurter Professor gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern einen Appell an den Bundestag gerichtet, die KZ-Häftlinge als NS-Opfer anzuerkennen: „Jetzt geht es darum, zwei der letzten bislang ignorierten Gruppen ebenfalls als Opfer des Nationalsozialismus offiziell zu würdigen“, heißt es in dem Aufruf. „Darüber hinaus wäre die Anerkennung ein Signal an die Nachkommen und Freundeskreise der Opfer, dass das Schweigen auch für sie nun ein Ende hat.“ Das lange Warten habe dazu geführt, dass kaum Entschädigungszahlungen fällig würden. Die meisten Opfer seien längst tot.

Trotzdem wäre die Anerkennung ein großer Schritt, sagt Historikerin Dagmar Lieske von der Frankfurter Goethe-Universität, die ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben hat. „Doch daraus muss auch etwas folgen.“ Es müsse darum gehen, die Opfer in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Die Erinnerungskultur zu stärken. Deshalb fordern die Initiatoren finanzielle Mittel für Forschungsprojekte, Wanderausstellungen und Bildungsangebote. Mehr als 11 000 Menschen haben den Appell im Internet bereits unterzeichnet, darunter viele Prominente aus Politik und Wissenschaft. Bis nach den Sommerferien soll der Aufruf im Netz bleiben. Parallel dazu laufen Gespräche mit den Fraktionsvorsitzenden über Möglichkeiten der Finanzierungen. „Es tut sich was.“

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass die Opfer so lange ignoriert wurden? Das habe mehrere Gründe, sagt Lieske. Einer davon sei, dass die Betroffenen keine Interessengruppen gründeten, keine Lobby bildeten, keine kollektiven Forderungen stellten. Sie schwiegen. „Aus Scham“, sagt Frank Nonnenmacher. Kaum jemand wollte nach 1945 gerne kundtun, dass er als „Asozialer“ oder „Berufsverbrecher“ im KZ saß. Gemeinhin wurde ihnen eine Mitschuld zugeschrieben. Auch im Lager standen Häftlinge mit grünem und schwarzem Winkel in der Hierarchie ganz unten. Die Betroffenen hätten das Stigma häufig verinnerlicht, so der Professor. Nur ganz wenige von ihnen hätten später Anträge auf Entschädigung gestellt.

Zwei Anträge auf Anerkennung scheiterten

Ernst Nonnenmacher unternahm direkt nach Kriegsende zwei Versuche und stellte einen Antrag auf Anerkennung, sowohl in der West- als auch in der Ostzone. Beide scheiterten. Eine große Demütigung. Damit war das Thema für Ernst Nonnenmacher erledigt. Er ging nach Frankfurt, wurde Asphaltarbeiter und heiratete. Über die Zeit im KZ sprach er mit niemandem, nicht einmal mit seiner Frau. Bis viele Jahre später sein Neffe Frank als junger Mann der 68er Generation danach fragte. Erst zögerte Ernst, aber dann erzählte er, stundenlang, tagelang. „Es war für ihn wie eine Befreiung“, sagt Frank Nonnenmacher. Der Wissenschaftler hat die Gespräche auf Tonband genommen, die Fakten recherchiert – und eine Doppelbiografie über Vater und Onkel geschrieben, Titel: „Du hattest es besser als ich: Zwei Brüder im 20. Jahrhundert“.

In den meisten Familien indes sprechen selbst die Angehörigen nur hinter vorgehaltener Hand darüber, warum der Onkel oder Großvater ins KZ kam. „Sie fürchten eine zweite Stigmatisierung“, sagt Lieske. Bis heute gelte „asozial“ als Schimpfwort, um bestimmte Personengruppen abzuwerten. Die Tabuisierung führe dazu, dass viele Geschichten verschüttet blieben. Bisher seien keine Briefe, Notizen oder Tagebücher aus Nachlässen aufgetaucht. Höchste Zeit, so die Historikerin, endlich der „vergessenen Opfer“ zu gedenken. Ihre Anerkennung sei Voraussetzung dafür.

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