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Einzelhandel „Der Einzelhandel ist extrem im Umbruch“

Immobilienexperte Christoph Scharf spricht mit der FR über Läden als Showrooms und die Grenzen des Gastronomie-Booms.

Einkaufen
Einkaufstrubel in der Frankfurter Innenstadt. Foto: Rolf Oeser

Christoph Scharf (46) leitet das Einzelhandelsteam des Maklerhauses BNP Paribas Real Estate Deutschland.    

Herr Scharf, immer mehr Menschen kaufen nicht nur ihre Weihnachtsgeschenke online ein. Wie wirkt sich das auf den Einzelhandel an Einkaufsstraßen wie der Frankfurter Zeil aus?
Die Kundenfrequenzen sinken bisher höchstens leicht. Die Einkaufsstraßen sind immer noch voll. Die Frage ist aber: Wie viele haben Tüten in der Hand, haben also auch etwas eingekauft? Die Leute kommen weiter in die Stadt, ihr Einkaufsverhalten hat sich aber verändert. Teilweise lassen sich Kunden im Laden inspirieren, kaufen dann aber online. Die Umsätze im stationären Handel gehen teilweise zurück.

Obwohl Frankfurt wächst und wächst, stagnieren die Kundenfrequenzen auf der Zeil. Haben die Menschen die Lust am Einkaufsbummel verloren?
Der stationäre Handel ist extrem im Umbruch. Er muss mehr unternehmen als früher, um die Kunden zu inspirieren, zu begeistern, seine Zukunft stärker als Showroom sehen. Geschäfte in den Top-Lagen sind zunehmend Teil einer Werbekampagne für die Marke. Deshalb werden auch Events immer wichtiger, gerade auch für Shopping-Center. Der stationäre Handel muss Emotionen wecken, wenn er den Konsumenten noch vom Sofa zum Laden bewegen will. Wer das nicht macht, hat keinen Erfolg, wird letztlich dem Tod geweiht sein.

Der Vorsitzende der Frankfurter Einzelhändler sagt, die Umsätze hielten kaum noch mit den hohen Mieten und steigenden Kosten mit. Drohen zunehmend Geschäftsaufgaben? Leerstand?
Ja. Das ist teilweise auch schon sichtbar. Sehr große Einzelhandelsflächen sind auch wegen der hohen Mieten immer schwerer zu vermitteln. Gefragt sind vor allem kleinere Einheiten.

Werden die Mieten auch in Top-Lagen sinken müssen?
Sie sind zum Teil bereits gesunken oder stagnieren. Kleinere Mietflächen in den Top-Lagen werden teuer bleiben. Bei den größeren Flächen sieht es anders aus. Dort werden die Preise irgendwann sinken. Teilweise wird auch versucht, eine große Fläche zu teilen, um sie dann an zwei oder drei Händler zu vermieten. Dafür ist aber nicht jede Fläche geeignet.

In einige frühere Geschäfte in der City sind Burger-Ketten gezogen. Das Einkaufszentrum My Zeil baut gerade einen großen neuen Gastrobereich. Wie weit kann dieser Trend noch gehen?
My Zeil setzt bei der Neugestaltung der Fläche stark auf Events. Jeder Betreiber ist verpflichtet, sie einmal im Monat zu bespielen. Etwa 30 Prozent der Einzelhandelsflächen in den Städten wurde 2018 an Unternehmen aus dem Textilbereich vermietet. An zweiter Stelle der Nachfrage ist mit 19 Prozent bereits der Gastronomiebereich. Ich vermute, dass es für Gastronomie noch etwas Wachstumspotenzial gibt. Man hat aber schon ein sehr hohes Niveau erreicht.

Teils werden Ladenflächen auch in Büros umgewandelt, zum Beispiel für Co-Working. Wie erklären Sie diesen Trend?
Derzeit sind besonders in Frankfurt Anbieter von Co-Working dabei, sich große Flächen zu sichern, und bereit, hohe Mieten zu zahlen. Diese flexibel mietbaren Büroflächen können so gestaltet werden, dass sie auch bisher vom Einzelhandel genutzte Räume in den oberen Geschossen von Geschäftshäusern nutzen können.

Gerade vor Weihnachten haben die Versandhändler es zunehmend schwer, die Pakete rechtzeitig zuzustellen. Könnte sich das Wachstum des Online-Handels abschwächen oder gar ein Gegentrend zum Kaufen im Geschäft eintreten?
Wir gehen von einem moderaten Wachstum aus. Auch beim Online-Handel wird es aber irgendwann eine Sättigung geben. Es wird nie so weit kommen, dass die Kunden alles online kaufen, es keinen stationären Handel mehr gibt. Die Kunden wollen nach wie vor in die Stadt kommen, das Produkt anfassen und fühlen. Der Online-Handel dürfte eher in anderen Bereichen des Einzelhandels noch Wachstumspotenzial haben, etwa im Lebensmittelverkauf.

Interview: Christoph Manus

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