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Eintracht Frankfurt Ultras feiern Geburtstag

Die größte und extremste Fangruppe von Eintracht Frankfurt wird 20 Jahre alt. Sie polarisiert wie am ersten Tag.

Eintracht Frankfurt
Für ihre Choreographien werden die Ultras gefeiert. Foto: Imago

Die Geburtstagsgesellschaft war vor allem eines: laut. Einige Hundert Ultras zogen am vorigen Wochenende abends durch die Innenstadt, sie sangen Lieder, in denen die Eintracht glorifiziert wird, zündeten Pyrotechnik und stellten sich auf die Tribünen am Römer, die für den Triathlon aufgestellt waren. Dann wurden Fotos gemacht. Die Ultras im Vordergrund (mit Bengalos, versteht sich), das Rathaus im Hintergrund.

Die größte und in vieler Hinsicht auch extremste Fangruppe der Eintracht feiert in diesen Tagen ihren 20. Geburtstag. Nach dem Gruppenfoto steht heute Abend die große Party an. Erwartet wird eine vierstellige Zahl an Gästen. Gefeiert wird am Waldstadion, das eigentlich anders heißt, aber der Name Commerzbank Arena kommt keinem Ultra über die Lippen.

Rückblende. Frankfurt, 1997: Die Stimmung rund um die Eintracht ist trist. Ein Jahr zuvor ist die Mannschaft erstmal in die zweite Liga abgestiegen, der sofortige Wiederaufstieg misslingt. Und sonderlich begeisterungsfähig ist die Fanszene der 90er Jahre ohnehin nicht.

In diese Zeit also, in der die Gegner der Eintracht Zwickau und Meppen heißen, fällt die Gründung der Ultras. Die Fans sind überwiegend jung und männlich, und sie haben alle keine Lust, auf die klassischen Anfeuerungsrituale im Stadion. Die Fanartikel, die es zu dieser Zeit zu kaufen gibt, sind ihnen zu teuer oder zu schäbig und dass nach einer 2:0-Führung im halbleeren Stadion die Welle gestartet wird, sehen sie zumindest skeptisch.

Das Konzept der Ultras: Die Mannschaft wird angefeuert, das ganze Spiel über. Mit Rufen und Gesängen, die sich oft nicht auf die jeweilige Partie beziehen. Das schaffe eine herausragende Stimmung nach italienischem Vorbild, sagen die einen. Die anderen entgegnen, das sei monoton und völlig beliebig, da die immer gleichen Lieder gesungen würden – ob die Eintracht nun 3:0 führt oder 0:3 hinten liegt. Die Ultras, die im Stadion schnell den Ton angeben, polarisieren stets. Zumindest auf eines können sich die Stadionbesucher aber einigen. Die Choreographien, die die Gruppe in der Kurve zeigt, sind herausragend.

Vor allem aber geht es den Ultras nicht nur um Gesänge und Fahnen im Stadion, das sagen sie bis heute. Die Fankultur wird gelebt. Nicht nur an Spieltagen, sondern immer. Man trifft sich ständig, man plant Aktionen, man ist füreinander da. Werte wie Freundschaft und Solidarität untereinander spielen eine herausragende Rolle. Staatliche Autorität stellt man zumindest in Frage, die Polizei wird mal sehr kritisch gesehen, mal gilt sie als natürlicher Feind der Ultras – bis hin zu dem kürzlich gezeigten Transparent „Für jedes Stadionverbot Bulle tot“.

Die Kommerzialisierung des Fußballs wird abgelehnt. Schon 1997 war das ein Thema, weil die zweite Liga plötzlich montags spielte, damit das Fernsehen live übertragen konnte. Heute indes geht es in Reihen der Ultras noch viel mehr um die Frage, wie viel Show, wie viel Geld der Fußball noch erträgt. Als in der Halbzeitpause des Pokalfinales im Mai Helene Fischer sang, stimmten die Ultras ein massives Pfeifkonzert an. Eine Schlagersängerin missbraucht den Sport, den sie lieben, als Bühne. So sehen das die Ultras. Ihre Reaktion fällt dementsprechend heftig aus.

Von Anfang an stellt sich die Frage nach der Gewalt. Sie beschäftigt die Ultras bis heute ständig. Nicht wenige Beobachter bezeichnen die Fans schlichtweg als gewalttätig und kriminell, die Moderatorin Sandra Maischberger sprach vor einigen Jahre gar von „Taliban der Fans“.

Fakt ist: Auch in der Frankfurter Gruppe, deren harter Kern aus 200 bis 300 Leuten besteht, lehnen die wenigsten Fans Gewalt rundherum ab. Gewaltbereit, nicht gewaltsuchend, so hat die Polizei die Ultras einst definiert. Wobei manche Auseinandersetzungen durchaus gesucht werden. Rund um die Derbys mit Darmstadt 98 etwa gab es in den vergangenen Jahren Ausschreitungen, die genauso gewollt waren.

Dürfen Unbeteiligte bei Randale zu Schaden kommen? Die Frage wird in der Gruppe immer wieder diskutiert. Es sei nicht Ziel, Familienväter zu verletzen – auch nicht Darmstädter Familienväter, heißt es. Der Konflikt werde mit den Ultras der Gegner gesucht. Bei vielen Krawallen aber gerieten Menschen in Gefahr, die einfach nur Fußball schauen wollten. Waren die Aktionen deshalb falsch? Eine einheitliche Meinung dazu hat die Gruppe nicht.

In den vergangenen 20 Jahren haben die Ultras der Eintracht Hunderttausende gekostet. Immer wieder verurteilte der DFB den Verein zu Strafen, weil die Fans Pyrotechnik abgebrannt hatten. Zu einem Umdenken führten diese empfindlichen Geldbußen nicht. Pyrotechnik gehört zum Fußball, darüber diskutieren die Ultras nicht. Wer Bengalos verhindern will, muss die Gruppe aus dem Stadion verbannen.

Viele Kommentatoren in den Medien fordern genau das. Die Frankfurter Ultras reagieren darauf, indem sie nicht mehr mit der Presse sprechen. Mit keinem einzigen Reporter. Die Differenzierung, die die Gruppe in der Berichterstattung über Fans von den Medien fordert, findet umgekehrt nicht ansatzweise statt.

Die Ultras sorgen für Stimmung

Letztlich aber kann es den Ultras aber egal sein, was Journalisten fordern. Die Eintracht macht keine Anstalten, gegen sie vorzugehen. Im Gegenteil: Als Tickets für Auswärtsspiele auf Geheiß des DFB personalisiert werden sollten, setzte die Eintracht alle Hebel in Bewegung, um die Auflage zu kippen. Mit Erfolg.

Der Grund dafür ist einfach: Es sind die Ultras, die im Stadion für Stimmung sorgen. Eine Stimmung, von der die Eintracht lebt. Nicht nur sportlich, sondern vor allem finanziell. In diesen Tagen sucht der Vorstand des Bundesligisten nach neuen Geschäftspartnern. Weltweit. Doch es sind nicht nur die Leistungen der Mannschaft, mit denen die Eintracht wirbt. Ein entscheidendes Argument ist die Stimmung im Stadion. Hüpfende Fans. Choreographien. Gesänge. Das alles zieht in Übersee. Und das alles ist vor allem ein Werk der Ultras.

Einmal im Jahr sammelt die Gruppe Geld für soziale Zwecke. Dann stehen Jungs in T-Shirts mit der Aufschrift „Korrupte Bastarde“ (gemeint ist der DFB) am Stadioneingang und verkaufen Schlüsselanhänger oder T-Shirts. Das Geld geht etwa an ein Kinderhospiz oder eine Einrichtung für Obdachlose. Mehr als 50 000 Euro kamen schon zusammen. „Wir repräsentieren die Stadt Frankfurt und wollen ihr etwas zurückgeben“, heißt es dazu auf der Internetseite der Ultras.

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