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Ein unbequemer Redner Haltung zu Israel

Der Zentralrat der Juden will den von der Stadt Frankfurt eingeladenen Alfred Grosser nicht am Pult in der Paulskirche sehen, wenn der "Reichspogromnacht" gedacht wird. Die Haltung Grossers zu Israel ist dem Rat zu kritisch.

29.10.2010 21:25
Von Jürgen Schultheis
Grosser ist bei der jüdischen Gemeinde nicht willkommen. Foto: dpa-zentralbild

Nur mein Geburtsort, nicht meine Heimat, hat Alfred Grosser Anfang des Jahres über Frankfurt gesagt, die Stadt, in der er 1925 geboren worden ist. Die Stadt hat den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1975 in diesem Jahr eingeladen, aus Anlass der sogenannten Reichspogromnacht am 9. November in der Paulskirche zu sprechen.

Anlass für die Einladung war vermutlich auch die Veröffentlichung seines jüngsten Buches „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel“, das im Sommer im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Grosser sagt, er wolle beitragen zu einer Versöhnung von Israelis und Palästinensern. „Wissen Sie, ich bin in Frankfurt als kleiner Junge verachtet worden, weil ich Jude war. Ich weiß also, wie sich das anfühlt. Und ich will deshalb nicht akzeptieren, dass Juden andere Menschen mit Verachtung behandeln“, hatte Grosser dem Magazin Stern im Oktober 2007 gesagt.

Nun hat der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, auf Grosser und die Einladung der Stadt reagiert. Grossser, sagte Kramer am Freitag, vergleiche seit Jahren den Holocaust mit der heutigen Situation der palästinensischen Bevölkerung. Dies disqualifiziere ihn als Gastredner. Darüber hinaus habe sich Grosser ausdrücklich hinter die Kritik des Schriftstellers Martin Walser an der „steten Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus“ gestellt.

"Pietätlos"

Dem Focus sagte Kramer, er halte es „von einer Stadt, die Bubis angeblich in ihr Herz geschlossen hat, für pietätlos, Alfred Grosser an diesem Datum und an diesem Ort sprechen zu lassen“.

Grosser war 1933 zusammen mit seinen Eltern vor den Nazis nach Frankreich geflohen. „Zweimal vertrieben, den Vater und die Schwester verloren, wegen seiner ,Rasse’ verfolgt, die Verwandtschaft gemordet“. So hat Paul Frank, Laudator bei der Verleihung des Friedenspreises 1975, die Lebensgeschichte Grossers beschrieben. Der Publizist, der zusammen mit seiner Mutter Lily 1937 die französische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hat, hat sich bald nach dem Krieg für die deutsch-französische Verständigung engagiert.

Zeit seines Leben hat Grosser nie klare Worte gescheut. 2007 kritisierte er die Vergabe des Börne-Preises an Focus-Herausgeber Helmut Markwort und den Spiegel-Autor Henryk M. Broder: Beide seien des Preises unwürdig. Dem Stern hatte Grosser vor drei Jahren gesagt: „Wenn Grundrechte verletzt und Menschen entwürdigt werden, dann ist es ein Grundelement unserer aller Ethik, dies anzuprangern. Solange Palästinenser an der Mauer (die Trennmauern zwischen israelischen und palästinensischen Siedlungen, d. Red.) gedemütigt werden, solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist, weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind, solange eine territoriale Kontinuität unmöglich ist, wird Israel nicht in Frieden leben. Auf Dauer kann man mit Gewalt allein nicht regieren.“

Grosser sieht derzeit eine Situation, in der sich Deutsche nicht zu Menschenrechtsverletzungen in Israel äußern dürften. „Ich finde das zutiefst schockierend.“ Er sei sich nicht sicher, dass junge Deutsche überall dafür eintreten könnten, wenn Grundrechte verletzt würden. „In diesem Punkt stehe ich hinter Martin Walsers Kritik an der Auschwitz-Keule. Ja, ich sehe diese Keule, die ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen Israel sagen. Tun sie es trotzdem, sagt die Keule sofort: Ich schlage Dich mit Auschwitz.“

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