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Ehrmantrauts Gartenstuhl Der Plastik-Kult

Im Eintracht-Museum gibt es einen Plastikstuhl hinter Panzerglas. Denn die einfache Sitzgelegenheit ist berühmt.

Eintracht-Museum
Gemütlich geht anders. Foto: Fabian Böker

Das Eintracht-Museum ist das einzige Ausstellungshaus der Welt, das sich einen Plastikstuhl als Leihgabe leistet. Kein teures Gemälde, keine seltene Installation und auch kein zeitgenössisches Kunstwerk, sondern einfach einen weißen Plastikstuhl, wie es ihn in jedem Baumarkt zu kaufen gibt. Um die Besonderheit der billigen Sitzgelegenheit zu betonen, hat das Museum das Plastikstück hinter Panzerglas gebannt, damit sich kein Banause unter den Besuchern dort ausruht oder gar seinen Schuh darauf bindet.

Zur Berühmtheit gelangte das Ausstellungsstück, seit ein gewisser Horst Ehrmantraut darauf zwischen 1996 und 1998 regelmäßig an Wochenenden im Waldstadion Platz nahm. Ehrmantraut war nicht nur früher Spieler bei der Eintracht und holte den Uefa-Pokal, sondern war in besagtem Zeitraum auch Trainer. Ihm gelang 1998 das Kunststück, mit einer spielerisch limitierten Mannschaft in die Bundesliga aufzusteigen. Die Methodik des Erfolgstrainers trug teilweise etwas skurrile Züge. Dazu gehörte, während des Spiels nicht in den bequemen Sesseln der Trainerbank zu versinken, sondern ein paar Meter weiter vorne im Plastikstuhl zu thronen.

Zur Aufstiegsfeier auf dem Römer 1998 kauften zwei Fans vom Fanclub Weinhold auf der Flucht zwei weiße Plastikstühle, klebten einen Stock daran und hielten die Stühle in der jubelnden Menge hoch. Damit schafften sie es anderntags in die Zeitung. Der Trainer schaffte danach nicht mehr viel und wurde noch im gleichen Jahr entlassen. Der Stuhl aber hat überdauert. Zunächst sicherte ihn Dieter Hochgesand von der Stadion-Gesellschaft für die Nachwelt und dann Heinz Ulzheimer für das Frankfurter Sportmuseum. Als das mit dem Abriss der Radrennbahn verschwand, schlug das Eintracht-Museum zu. Dort steht der Stuhl jetzt als Leihgabe und als Mahnmal für Bodenständigkeit, die in Frankfurt so schnell verloren geht.

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