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Edelverstärker vom Tüftler Ton-Technik für die Großen

Thomas Reußenzehn baut Gitarrenverstärker: Er entwickelt seine High-End-Geräte selbst und lötet sie in seiner Manufaktur auch selbst zusammen. Gefragt werden sie von Gitarristen bekannter Bands: Scorpions, ZZ Top, BAP und den Monotones.

09.07.2011 12:34
Jürgen Schultheis
Verstärkt sonnenverliebt: Thomas Reußenzehn Foto: Jan-Christoph Hartung

Mitte Juni erhält Thomas Reußenzehn elektronische Post: „Stellt ihr eure Talkbox noch her? Wenn ja, wie viel Watt und wie teuer?“ Ingo Powitzer macht nicht viele Worte in seiner Mail. Es pressiert. Der Techniker von Scorpions-Gitarrist Matthias Jabs braucht die Box, mit der ein Gitarrist den Sound seines elektrisch verstärkten Instruments moduliert, indem er über einen Schlauch in eine Box bläst. Reußenzehn baut solche Talk-Boxen, wenngleich die kleinen Dinger eher Nebensache in seinem bemerkenswerten Angebot sind. Seit 40 Jahren tüftelt der Diplom-Ingenieur an röhrenbetriebenen Edelverstärkern, sei es für den guten Klang von Hifi-Anlagen im heimischen Wohnzimmer oder für den fetten Gitarren- oder Bass-Sound auf der Bühne.

Jetzt hat der 56-Jährige den weltweit ersten solarbetriebenen Gitarren-Röhrenverstärker entwickelt, der ordentlich Dampf macht und der gespeist wird mit der Kraft der Sonne. Zwei Akkus, einer im Ladebetrieb an einem Solarpanel, der andere als Stromlieferant mit vier Stunden Laufzeit für den kompakten Röhrenverstärker, liefern dem kleinen Kraftpaket mit der Modellbezeichnung EL34 EcoPlus den Saft.

Was man als Gag missverstehen kann, hat einen ernsten Hintergrund: Zum einen den Gedanken, dass wir allzu sorglos mit Energie umgehen, weil sie eben immer verfügbar ist, sagt Reußenzehn. Was sich ändern muss und wird. Der andere Gedanke: Wie kann ein qualitativ hochwertiger, kompakter Röhren-Verstärker so gebaut werden, dass er einerseits klar und lichterhell klingt und einem die Sinne verzaubert oder abgrundtief böse brüllt, dass einem angst und bange werden kann? Die Antwort, die Reußenzehn nach Jahrzehnten auf diese Frage gibt, kann sich hören lassen. Dem 56-Jährigen ist es gelungen, einen brummfreien, erstaunlich rauscharmen Verstärker zu bauen, der mit 12 Volt Spannung auskommt und jeden Gitarristen für nahezu jede Situation optimal ausrüstet.

Bass-Power für die Monotones

Der Schöpfer des EL34 ist ein Frankfurter Bub, er wächst in der Klappergasse 11 auf. Der junge Reußenzehn bastelt gerne, interessiert sich für Seifenkisten und findet alles interessant, was unter Spannung steht und Strom fließen lässt. Als Reußenzehn acht Jahre alt ist, ziehen die Eltern nach Offenbach. Ein paar Jahre später baut er die ersten Stereoanlagen um und repariert das Tonbandgerät der Nachbarin. Und weil Gitarrenverstärker zu dieser Zeit nicht nur für einen Jungen dieses Alters nahezu unbezahlbar sind, fängt Reußenzehn an, Stereoverstärker so zu modifizieren, dass sie auch als Gitarrenverstärker gespielt werden können. Dass der Jugendliche bei TNN eine Fernmeldetechniker-Lehre macht, die Fachhochschule besucht, um mit 23 Jahren als frischgebackener Ingenieur ein Musikgeschäft in der Mathildenstraße 25 in Offenbach zu eröffnen, das ist eine Geschichte, die sich angesichts des Vorspiels womöglich gar nicht anders hat ereignen können. Reußenzahn bringt schon zu dieser Zeit Erfahrung mit ins eigene Geschäft: Lange Jahre hatte der Technikbegeisterte im Offenbacher Musikhaus Renz Gitarrenverstärker repariert oder modifiziert. Reußenzehn kennt die Schwächen der gängigen Modelle. Für Ali Neander, dem Monotones-Gitarristen, baut er einen Master-Volume in dessen Verstärker ein. Aber die „Elementarzündung“, von der Reußenzehn spricht, geht von seinem Angestellten Joky Becker aus, dem Monotones-Bassisten.

Die Qualität halten

Becker bittet Reußenzehn, einen maßgeschneiderten Bass-Verstärker für ihn zu bauen. Mit der Entwicklung dieses Röhrenvorverstärkers für Becker legt der Diplom-Ingenieur die Grundlage für seinen Status, den er seit vielen Jahren genießt: Was beispielsweise Sinn als Frankfurter Marke für Uhren bedeutet, das markiert Reußenzehn als Frankfurter Marke für Hifi- und Instrumentenverstärker. Reußenzehn entwickelt seine High-End-Geräte selbst und lötet sie in seiner Manufaktur auch selbst zusammen – seit zwei Jahren übrigens an der Offenbacher Landstraße 308 in Oberrad. Heute spielen bekannte Künstler wie Dusty Hill und Billy Gibbons (beide ZZ Top), Jack Bruce und Musiker der Kölsch-Rocker von BAP auch Reußenzehn-Amps. Der neue EcoPlus, die Öko-Power für Gitarristen, ist jetzt rund vier Wochen alt. Die Technik beruht auf einer Idee, die Reußenzehn entwickelt hat, als er von einem Kunden gebeten wurde, einen Hifi-Röhrenanlage auf 12-Volt-Basis zu bauen.

„Ich will nicht sagen, dass ich mich auf meinen Lorbeeren ausruhen will“, sagt der Ingenieur heute. „Die elementaren Probleme, die Verstärker hatten, habe ich für mich gelöst. In keinem Fall will ich ein Gerät entwickeln, dass für den Nutzer keine Vorteile hat.“ Reußenzehn hat manche Beispiele parat, wie durch großen Aufwand Kunden beeindruckt werden sollen, technisch die vermeintliche Neuerung aber keinen Sinn macht. „Ich möchte weiter gute Verstärker bauen. Die Kunst ist ja, die Qualität zu halten.“

Die Talkbox für Scorpions-Gitarrist Matthias Jabs geht dieser Tage übrigens Richtung Hamburg. Manchmal dauern Wunder eben doch nicht so lange.

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