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Durchgangsstation Götter sind keine Teamplayer

Acht Wochen am Main: Häuschen und Hühnerwege in Frankfurt. Eine Kolumne.

Willemer Gartenhaus in Frankfurt
Das Willemer-Häuschen in Frankfurt: 1814 besuchte Goethe dort Marianne von Willemer und ihren Ehemann. Foto: Monika Müller

SchlossResidence Mühlberg. In jedem einzelnen dieser Wörter steckt ein Versprechen des Luxus‘. Mühlberg, dabei denke ich in einem städtischen Kontext an Villen in Hanglage, an den Weißen Hirsch in Dresden oder den Heiligenberg in Heidelberg. Häufen sich jedoch die Luxusattribute, übersättigt sich der Effekt. Als ich am Fuße des Frankfurter Mühlbergs auf einem Schild von der „SchlossResidence“ lese, bin ich auf den teuersten Kitsch gefasst. Gelinde gesagt, erregt das neumodische Residence sogar Misstrauen in mir. Ist vergessen, dass man schon vor Jahrhunderten die Residenz eingebürgert hat? Ich stehe an der Offenbacher Landstraße und frage mich, ob der Aufstieg lohnt.

Dennoch steige ich die massive Podesttreppe mit rotem Steinpavillon hinauf. Bevor ich es sehe, steigt mir der Gestank in die Nase. Hausmüll einschließlich eines Eimers liegt auf den Stufen. Müllberg, denke ich. Eine mir entgegenkommende Mutter sagt mit Blick auf den Mist zu ihrer Tochter: „Keine Angst, es ist gleich vorbei“.

Beim Emporsteigen – gut, ein Messner-Gefälle ist das natürlich nicht – treffe ich unvermeidlich auf den preisgekrönten Goethe-Wanderpfad, der sich durch das gesamte Stadtgebiet schlängelt. Auf dem Mühlberg wirkt er besonders kurios, weil er größtenteils über die Bürgersteige von 0815-Wohnhäusern verläuft. So muss sich der Halbgott also gefühlt haben, als er an einem Sachsenhausner Plattenbau vorbeilustwandelte! Abgesehen davon ist es kurios, dass bei so mancher Straßenerschließung nicht immer auf das Prinzip Tabula rasa gesetzt wurde.

Bis heute kann man auf dem Hühnerweg laufen, der sich wie eh und je am Berg windet bis zu der Stelle, wo einst das Willemer-Häuschen stand und heute wieder das Willemer-Häuschen steht. Ein zweistöckiges Gartenläubchen in Form einer Espressokanne mit Drachenschuppen aus Schiefer, dessen Architekt leicht Peter Lustig hätte gewesen sein können. Idyllisch steht das Türmchen am asphaltierten Wegesrand und lässt vergessen, dass drei Meter gegenüber Automobile stehen und ein Wohnhauskomplex, der zur SchlossResidence Mühlberg gehört.

Steht man dann auf dem Balkon des Willemer-Häuschens lässt sich über die Mauer und durch einiges Geäst auf die Rückseite der SchlossResidence blicken, die tatsächlich ein Schloss ist. Stattlich gelegen, umringt von einem Hortus conclusus, für den Plebs gesperrt, dürfen hier seit einigen Jahren Retirees, betagte Privatiers und Pensionisten, sprich: Rentner residieren, sprich: wohnen. Putzig ist besonders eine kleine Aussichtsplattform, die sich an der Mauerinnenseite des Geländes befindet. Von ihr aus konnte einst der Schlossherr zeigen, wie schön sein Schloss von hinten aussieht.

Vielleicht ließ sich damals auch ins Maintal schauen. Ein Blick, der zumindest im Sommer durch die blühenden Bäume behindert wird. Putzig ist dieser kleine Aufgang mit seinen antikisierenden Säulchen vor allem aufgrund seiner Beschriftung, die in Form einer Steinplatte angebracht ist: „GOETHE-TEMPEL“. Ich als Residenzbewohner wäre mit so viel Götzen-Verehrung überfordert. Räucherstäbchen anzünden, Heideröslein pflanzen oder den „Zauberlehrling“ rezitieren, was ist die adäquate Huldigung?

Ich verlasse den Balkon. Im Inneren des Willemer-Häuschens steht die stickige Sommerluft, es riecht nach Holz und Ferienhaus, der Muff verheißt Erholung. In der Überflussgesellschaft wird aus Bäuerlichkeit Lebensqualität. An den Wänden ein paar Zeugnisse von Goethes Aufenthalt, denn natürlich war Goethe auch hier. 1814 besuchte er Marianne von Willemer und ihren Ehemann, während er inspiriert von „Der Diwan von Mohammed Schemseddin Hafis“ seinen eigenen „West-östlichen Divan“ schrieb. Muse (was auch immer dieser Begriff einer entsexualisierten Erotik bedeutet) war Marianne, von der sogar einige Texte in diese Gedichtsammlung gelangten, ein Privileg, das Goethe in seiner Karriere sonst keiner anderen Frau gewährte. Credits gab es dafür selbstredend nicht. Götter sind keine Teamplayer.

Während ich im winzigen Park des Gartenhäuschen stehe und auf die Giebel des Schlosses blicke, das ein „Zuhause in christlicher Geborgenheit“, „Wohnen im Premium-Ambiente“ und „elegante Gesellschaftsflächen“ verspricht, steigt die Frage auf: Was ist ein gutes Leben, was ist Luxus? Eine Gartenkolonie innerhalb der Großstadt abseits der Lärmverschmutzung ist es allemal, aber manche Menschen sind eben auch auf Klimaanlagen und Treppenlifte angewiesen.

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