Lade Inhalte...

Drogenszene im Bahnhofsviertel „Abfall und Fäkalien stören“

Christine Heinrichs über den neuen Nachtbus im Bahnhofsviertel und die Herausforderungen, die auf die Drogenhilfe durch die Gentrifizierung zukommen.

Drogenzentrum
Manche wollen nur tauschen: alte Spritzen gegen neue. Foto: Michael Schick

Frau Heinrichs, Anlass für unser Gespräch ist der Nachtbus, der jetzt täglich von 23 bis 6 Uhr im Bahnhofsviertel unterwegs ist. Was war der Anlass?
Wir haben fast zu jedem Drogenabhängigen, der im Bahnhofsviertel unterwegs ist, einen persönlichen Kontakt, wir kennen ihre Namen. Aber es gibt noch ein Dunkelfeld: Was passiert eigentlich in der Nacht.

Der Bus wird von 23 bis 6 Uhr unterwegs sein. Ist das Neuland?
Nein, im Winter fährt der Kältebus. Jetzt wollen wir unser Wissen vertiefen.

So weit ich weiß, sind tagsüber viele Sozialarbeiter unterwegs.
Ja und wir sprechen ja nur über vier Straßenzüge: Die Niddastraße, die Taunusstraße, die Elbe-, die Mosel- und vielleicht noch die Weserstraße. Wir wissen auch, wie viele Personen sich nachts vor den Einrichtungen der Drogenhilfe aufhalten.

Sie kennen die Leute und wollen jetzt mehr über sie erfahren?
Es geht um Detailinformationen, um dann ganz individuelle Alternativen anbieten zu können.

Könnte man das nicht auch tagsüber versuchen?
Nachts bekommt man ein anderes Bild. Am Tag sind viele Passanten unterwegs. Nachts sieht man deutlich, wer seinen Lebensmittelpunkt auf der Straße hat. Wir haben eine relativ kleine Anzahl von Personen, die sehr auffällig ist.

Was heißt auffällig?
Es sind Menschen, die ihre privaten Dinge auf dem Bürgersteig erledigen, die sich entkleiden, eine Spritze setzen oder sich dort zum Schlafen hinlegen.

Haben diese Menschen keine Scham?
Sie haben andere Prioritäten und kriegen gar nicht mehr mit, was um sie herum ist. Sie wissen nur, ob sie entzügig sind, ob sie Geld beschaffen müssen, ihren Dealer suchen …

Welche Rolle spielt die Polizei in dem Vier-Straßen-System?
Sie geht ihrem gesetzlichen Auftrag nach und bekämpft den Drogenhandel.

Polizeipräsident Gerhard Bereswill hat sich ausdrücklich bedankt, dass seine Leute in der Nacht Unterstützung bekommen. Wie ist das Verhältnis zwischen Polizei und Drogenhilfe?
Wir haben dieselbe Zielsetzung, wenden aber unterschiedliche Methoden an. Die Polizei schützt auch die Drogenabhängigen vor hochkriminellen Dealern.

Und was ist Ihre Zielsetzung?
Wir haben dafür zu sorgen, dass die Drogenabhängigen angemessene Hilfsangebote finden, um für sich eine Heilung einzuleiten. Drogenabhängige sind erkrankte Personen. Nach dem Gesetz sind sie Behinderte.

Stichwort Gentrifizierung – was bedeutet das für die Drogenabhängigen?
Das Viertel hat sich verdichtet, wird zum Wohnviertel und es gibt sehr divergierende Interessen. Öffentlicher Drogenhandel und Prostitution kommen in Wohngebieten eben normalerweise nicht vor.

Gibt es eine Lösung?
Stadtweit erleben wir, dass Anwohner sensibel auf Veränderungen in ihrer Nachbarschaft reagieren. Wir müssen über soziale Einrichtungen in den Nachbarschaft besser informieren.

Was ist das Besondere am Bahnhofsviertel?
Das Bahnhofsviertel ist der Melting Pot in Frankfurt. Es ist ein Ort, wo ich nicht so schnell auffalle, wenn ich anders aussehe.

Wie sehen Sie die Zukunft des Viertels?
Wir werden uns mehr mit dem Thema der Auswirkungen für das Zusammenleben beschäftigen müssen. Abfall, Sperrmüll, Fäkalien stören alle extrem. Wir wollen erreichen, dass es weniger Störungen durch das Verhalten Drogenabhängiger gibt. Und wir wollen herausfinden, welche Hilfeangebote fehlen und wie wir die Auswirkungen dessen, was wir nicht verändern können, in Grenzen halten können.

Interview: Friederike Tinnappel

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum