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Drogenhilfe in Frankfurt „Hey, Angie! Wir werden uns wiedersehen“

Im Frankfurter Kaisersack und im Lesegarten wird der verstorbenen Drogenkonsumenten gedacht. Schwarze Kreuze können mit „letzte Worte“ versehen werden.

Bahnhofsviertel in Frankfurt
Drogenelend im Bahnhofsviertel. (Symbolbild) Foto: Rolf Oeser

Auf dem Pflaster liegen schwarze Kreuze, ergänzt von roten Windlichtern und weißen Rosen. Eigentlich würde sich erst heute, am Samstag, der „Internationale Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige“ – nun schon zum zwanzigsten Mal – jähren. Doch die Aids-Hilfe, die sich zeitgleich auch beim Christopher-Street-Day engagiert, hatte schon gestern in den Frankfurter Kaisersack eingeladen.

„Letzte Worte“ konnten auf kleine Steine oder zu Papier gebracht werden. „Hey, Angie! Wir werden uns wiedersehen“, schreibt eine schwarzgekleidete Passantin auf ihren Zettel und „Hallo Jürgen, hab’ dich lieb und werde dich nicht vergessen“, auf einen zweiten. Dann befestigt sie die Zettel an zwei Kreuze und verschwindet in dem Gewusel, das am Freitagmittag im Kaisersack herrscht. Für den Nachmittag ist ein Trauermarsch zum Lesegarten vorgesehen – dort, wo sich früher die offene Drogenszene traf und viele Menschen starben .

Fünfzehn Tote gilt es seit Jahresbeginn zu beklagen, erzählt Martin Weiss, der im Krisenzentrum der Aids-Hilfe für Drogenabhängige, im „La Strada“, arbeitet. Das Alter der Verstorbenen und die Todesursachen seien unterschiedlich. Das Leben auf der Straße zehrt an den Kräften, die vielen Beimischungen, die sich im Stoff befinden, sind oft medizinisch bedenklich bis gefährlich. 0,2 Gramm braucht man für einen „Schuss“, wobei es sich bei nicht einmal zehn Prozent der injizierten Substanz tatsächlich um Heroin handelt.

Auch eine „akute Überdosierung“, etwa nach einem Gefängnis- oder Krankenhaus-Aufenthalt kann die Todesursache sein. Konsumieren unter Aufsicht hat sich bewährt: Bundesweit ist bislang in keinem der sogenannten Druckräume ein Drogengebraucher ums Leben gekommen.

Alle, die etwa in dem Konsumraum bei „La Strada“ arbeiten, haben eine Ersthelfer-Ausbildung absolviert. In diesem Jahr fordern sie, die Verschreibungspflicht für das Nasenspray Naloxon aufzuheben, damit sie es im Notfall einsetzen können. Naloxon kann als Opiat-Antagonist bei einer Überdosis helfen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit, die den Gedenktag vor 20 Jahren ins Leben gerufen hat, fordert in einem Flugblatt, das auch im Kaisersack verteilt wird, „qualifizierte Fachgeschäfte“ für den Verkauf psychoaktiver Substanzen. Dadurch würde eine weitgehende Kontrolle über den Drogenmarkt erlangt, schädliche Beimischungen könnten ausgeschlossen werden.

Auch die Aids-Hilfe lehnt die strafrechtliche Verfolgung von Drogenkonsumenten ab und setzt sich für „eine politische Debatte über die Frage der Entkriminalisierung und Legalisierung des Drogengebrauchs“ ein.

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