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Drogen in Frankfurt Crack-Dealer sind Ärgernis im Bahnhofsviertel

Gewerbetreibende im Frankfurter Bahnhofsviertel leiden unter dem zunehmenden Crackhandel und fordern einen neuen Umgang mit dem Problem.

Drogen-Razzia in Frankfurt
Polizisten suchen während einer Razzia im Bahnhofsviertel nach Drogen. Foto: Boris Roessler (dpa)

Als Robert Urseanu neulich von einem Gast angesprochen wurde, hat sich bei dem Hotelier fast der Magen umgedreht. „Können wir rausgehen?“, hatte der Gast im Manhattan Hotel in der Niddastraße gefragt. „Das ist doch ein Armutszeugnis für die Stadt Frankfurt, wenn Gäste fragen, ob sie sich raus auf die Straße trauen können“, ereifert sich der Hotelmanager.

Urseanu ist Mitglied im Gewerbeverein Bahnhofsviertel. Die Geschäftsleute haben am Donnerstag zu einer Pressekonferenz geladen. Es ist ein Hilferuf. Gastgeber der Veranstaltung ist Ferdinand Hartmann, Inhaber der Diskothek Chango Latin Palace in der Münchner Straße. Hartmann zeigt zu Beginn auf einer großen Leinwand Bilder aus seinen Überwachungskameras, die den Eingangsbereich und das Treppenhaus in der Münchner Straße aufnehmen. Die Bilder zeigen aggressive Dealer, die Abhängige ansprechen und wie sie im Treppenhaus ganz unverhohlen ihr Geschäft abwickeln.

Angst hätten die Dealer keine, weder vor der Polizei, noch vor ihm sagt Hartmann, der selbst die Figur eines stattlichen Türstehers hat. „Die lachen einen aus, und abends setzen sie sich ins Taxi und fahren nach Hause“, klagt Hartmann. Seit einem Dreivierteljahr würden wieder täglich Drogengeschäfte in der Münchner Straße abgewickelt. Seit die Polizei die Maßnahmen vor allem in der Taunusstraße mit Razzien intensiviert hat. Vorher war es jahrelang ruhig in der Münchner Straße. Es gebe eine Verdrängung oder wie es der Vorsitzende des Gewerbevereins, Ulrich Mattner, sagt: „Mit den Razzien verhält es sich so, als wenn man auf Pudding einschlägt. Durch Schläge wird der Pudding nicht weniger.“

Mattner zeigt sich dankbar für die Arbeit der Polizei. „Die Polizei macht einen Superjob.“ Aber die Anwohner aus dem Bahnhofsviertel berichten aus ihren täglichen Erfahrungen auch von genervten oder frustrierten Beamten, die in gewisser Weise einen Kampf gegen Windmühlen führen.

Die Situation habe sich in den vergangenen Jahren wieder zunehmend verschlimmert. Der Grund dafür: Crack. Mattner ist sich sicher: „Crack hat das Drogenproblem aus den Konsumräumen zurück auf die Straße gebracht.“ Die Konsumenten des rauchbaren Kokains sind aggressiver und unberechenbarer als Heroinabhängige. Tom Holz, Streetworker der Aidshilfe Frankfurt im Bahnhofsviertel, kennt die Problematik aus seiner täglichen Arbeit. „Jemand, der Crack konsumiert, braucht alle zehn Minuten was, er hat auch weniger den Kopf frei für Behördengänge.“ Und eben auch nicht dafür, sich für einen Druckraum anzumelden oder anzustellen. Auch die Beschaffungskriminalität ist eine andere. „Der Crackkonsument bekommt für fünf Euro einen Stein, ihm reicht es, eine Autoscheibe einzuschlagen und eine Sonnenbrille vom Armaturenbrett zu klauen“, so Holz.

Jennifer Mae hat selbst Crack genommen. Mattner hat Mae eingeladen, damit sie über ihre Erfahrungen berichtet. Mae hat früher Heroin genommen, seit 1999 ist sie im Methadon-Programm der Stadt Frankfurt. Sie hat seitdem auch Crack konsumiert. „Wenn du Heroin nimmst, hast du sechs Stunden Ruhe, mit Crack hast du nie Befriedigung“, sagt Mae. Die ständige Nichtbefriedigung mache aggressiv. Crack nehmen sei in etwa so, wie Sex ohne Orgasmus. So richtig, gelingt es Mae nicht, den Teufelskreislauf des Crack-Konsumenten aufzuzeigen, aber die ehemalige Heroinabhängige sagt etwas anderes, was sehr nachdenklich macht: „Die meisten im Methadon-Programm haben Beikonsum.“ Viele, die der Abhängigkeit von Heroin entkommen sind, werden mit Methadon nicht glücklich und nehmen stattdessen Crack. „Das ist der einfachste Weg sich was einzupfeifen“, sagt Mae.

In gewisser Weise fällt den Verantwortlichen damit der viel gepriesene Frankfurter Weg auf die Füße. Untermauert wird diese These von einer Zahl der Drogentrend-Studie MoSyD, der Goethe-Universität. 1991 lag das Durchschnittsalter eines Drogenkonsumenten in Frankfurt bei 27,7 Jahren, heute liegt es bei 41. Die Heroinabhängigen von einst wären demnach die Crackkonsumenten von heute. Susanne Ernst, Leiterin des Drogenreferats, ist das zu einfach. Sie verweist auf den polyvalenten Drogenkonsum und darauf, dass Heroin immer noch die meistkonsumierte Droge in Frankfurt sei.

Ganz so einfach ist es wirklich nicht, wie Nazim Alemdar verdeutlicht. Alemdar, der Kassenwart im Gewerbeverein, betreibt einen Kiosk im Bahnhofsviertel. Crackpfeifen verkauft er dort nicht, doch seit der nahe gelegene andere Kiosk, der Crackpfeifen verkauft, renoviert wird, stehen die Interessenten bei ihm vor der Tür. „Das sind Leute aus allen Gesellschaftsschichten, mit Anzug und Krawatte und so“, ist Alemdar entsetzt.

„Drob Inn“ wie in Hamburg gewünscht

Das Hauptproblem sehen die Gewerbetreibenden aber in dem, wie Mattner sagt, „völlig heruntergekommenen harten Kern von etwa 150 bis 300“ Crackrauchern, die auch gesundheitlich in einem desolaten Zustand seien. Viele Extremabhängige bekommen nur mehrfach gestreckte, schmutzige Substanz. „Am Ende landet der Putz von der Wand in der Pfeife“, sagt Mae.

Mattner gibt unumwunden zu, keine Lösung für das Problem parat zu haben. Gegen Crack gebe es kein Methadon. Irgendwie müssten für den harten Kern Anreize geschaffen werden, ihren Crack nicht mehr überall im Viertel auf offener Straße zu konsumieren, findet Mattner. Kioskbetreiber Alemdar fordert „Mut für einen Frankfurter Weg II“. Wie der aussehen soll, wissen die Gewerbetreibenden nicht.

Mae wünscht sich ein „Drob Inn“ wie in Hamburg. Auch die Hansestadt hat eine große Crackszene und mit dem Beratungs- und Gesundheitszentrum „Drob Inn“ einen speziellen Anlaufpunkt für exzessive Crackkonsumenten geschaffen, die körperlich, seelisch und sozial verelenden. Das Drob Inn im Stadtteil Sankt Georg hat aber hauptsächlich Erfolg, weil die Crackkonsumenten ihren Geschäften an einem abgelegenen Ort an den Bahngleisen nachgehen und dort keine Anwohner stören. „Einen solchen Platz wie in Hamburg gibt es im Frankfurter Bahnhofsviertel nicht“, betont Ernst vom Drogenreferat.

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