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Dreieich-Museum Der Lebkuchen und die Weltgeschichte

Rita und Judith Breuer besitzen die wohl größte kulturgeschichtliche Sammlung zum Thema Weihnachten. Im Dreieich-Museum zeigen sie eine Auswahl rund ums Backen – eine kluge, fantasievolle und prächtige Ausstellung.

Lebkuchen
Mit aufwendig bedruckten Bildern wurden Lebkuchen um 1900 zu wahren Luxusobjekten. Foto: Michael Schick

Rita und Judith Breuer sind Mutter und Tochter, aber sie sind auch ein tolles Team. Das merkt man schnell, wenn man ihnen beim Aufbau ihrer neuen Ausstellung „Apfel, Nuss und Mandelkern. Eine kleine Kulturgeschichte der Weihnachtsbäckerei“ zusieht, die seit dem Wochenende im Dreieich-Museum in der historischen Burg Hayn zu sehen ist.

Gewohnt tiefschürfend haben die beiden Sauerländerinnen, 80 und 55 Jahre alt, die Geschichte des süßen Gebäcks recherchiert – es ist eine weitaus spannendere, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen könnte, eine Weltgeschichte von Luxus und Alltag, Handel und Wandel.

„Meine Tochter meinte ja scherzhaft, ich würde bei der Historie des Weihnachtsgebäcks in der Steinzeit anfangen. Und das mache ich tatsächlich“, erzählt Rita Breuer mit einem schelmischen Lachen. Tatsächlich beginnt sie mit dem, was jahrtausendelang in Mitteleuropa die einzige Möglichkeit war, Speisen zu süßen, nämlich mit Honig. Der steht als regelmäßige Süße-Quelle seit der Domestizierung der Honigbiene zur Verfügung, er war immer rar und wertvoll.

Noch weit kostbarer waren allerdings die Gewürze, mit denen im Mittelalter Pfeffernüsse und ähnliches gebacken wurden, weit gereiste Zutaten, die in damaligen Metropolen wie Nürnberg gehandelt und verarbeitet wurden. Nürnberger Lebkuchen haben bis heute einen legendären Ruf.

Die Breuers sind in Dreieich bereits Stammgäste, in den vergangenen Jahren zeigten sie hier unter anderem ihre bundesweit Aufsehen erregende Ausstellung „Von wegen Heilige Nacht“ über den Missbrauch des Weihnachtsfestes im Ersten Weltkrieg oder über die luxuriöse Herstellung von Papier-Weihnachtskrippen. Eine große Besonderheit: Die Breuers konnten bisher alle ihre Ausstellungen komplett aus eigenem Besitz bestücken – ganz ohne Leihgaben.

Denn sie sammeln seit Jahrzehnten so ziemlich alles rund um Weihnachten – von der Krippe über den Christbaumständer bis zum Stern. Das erscheint vielleicht erst mal ein bisschen skurril, ist aber die mutmaßlich größte Spezialsammlung dieser Art in Deutschland, und auch der kulturgeschichtliche Wert ist beträchtlich. Wohl kein Museum kann da auch nur annähernd mithalten.

Beide Sammlerinnen mögen zwar ursprünglich nicht vom Fach gewesen sein, kennen sich aber längst so gut in der Volkskunde, Geschichte und Kunstgeschichte aus wie mancher Professor. Nie erliegen sie der Versuchung, etwas nur deshalb zu zeigen, weil es hübsch oder seltsam ist, stets geht es ihnen darum zu zeigen, warum etwas so gestaltet oder verwendet wurde, wie es hier zu sehen ist. Es sind durchaus politische Ausstellungen, und natürlich haben Rita und Judith Breuer sie auch stets gründlich recherchiert.

Für die aktuelle Schau war Rita Breuer sogar eigens einen Tag lang in der Deutschen Bäckerfachschule in Olpe, sprach mit Ausbildern, aber auch mit jungen Flüchtlingen, die dort eine Lehre machen, hat ihnen beim Backen zugesehen, viele Fragen gestellt und Fotos gemacht, die ebenfalls in Dreieich zu sehen sind.

Ihre Ausstellungen konzipieren die Breuers selbstverständlich selbst. Das bringt ihnen die Hochachtung von Fachleuten wie Museumsleiterin Corinna Molitor ein. „Das sind weihnachtliche Themen mit Tiefgang“, sagt diese respektvoll. Immer wieder sei sie verblüfft vom Umfang und der Qualität der Breuer’schen Schätze und den ungewöhnlichen Ideen für neue Ausstellungen. „Ich habe immer was zu schreiben dabei, damit ich mir jeden Einfall gleich notieren kann“, sagt Rita Breuer lachend.

Die Ausstellungen sind übrigens ein echtes Familienunternehmen: So hat Rita Breuers Mann auch diesmal wieder Teile der Ausstellungsarchitektur gebaut, und Judith Breuers Mann, dem eine Spedition gehört, hat einen Kleinlaster voller Weihnachtsutensilien vom Sauerland nach Dreieich gefahren. „Wir freuen uns sehr, dass die Damen Breuer sich trotzdem so regelmäßig zu uns auf den Weg machen“, sagt Museumsleiterin Molitor.

Viele der raren Stücke der Sammlung dürfte es so nicht noch einmal geben. Zu sehen waren hier schon DDR-Adventskalender ohne christliche Bezüge, Hakenkreuze als Baumschmuck aus der NS-Zeit oder Weihnachtsteller mit der Mondlandung.

Auch bei der „Weihnachtsbäckerei“ haben beide wieder ungewöhnliche Objekte ausgegraben, etwa eine Spekulatiusmaschine, die die aromatischen Gewürzküchlein mit vielen verschiedenen Motiven ausspuckt. Manches verblüfft erst durch den Kontext, etwa die „Notrezepte“ aus dem Zweiten Weltkrieg oder die Ausstecherformen in Sternform, die in kaum einer weihnachtlichen Küche fehlen. Im „Dritten Reich“ waren diese Plätzchen hingegen geächtet. „Sie erinnerten die Machthaber zu sehr an den Davidstern“, sagt Molitor.

Fragt man Mutter und Tochter Breuer nach dem ungefähren Umfang ihrer Kollektion, kommen sie ins Grübeln und sind sich schließlich einig: Eine auch nur ungefähre Angabe ist nicht möglich. Alles ist platzsparend verpackt. „Aber ich finde alles“, sagt Judith Breuer, die zumindest die Fachliteratur in einem riesigen Zettelkasten verschlagwortet hat. „Es ist ja schade, dass wir nicht alles zeigen können.“

Ideen hätten beide noch für unzählige weitere Themenausstellungen rund um Weihnachten. Im kommenden Jahr wollen die Breuers  eine kreative Pause einlegen. „Wir vertrauen aber auf die Kreativität der Breuers“, sagt Molitor. „Da kommt noch was, hoffentlich!“

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