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Frankfurt-Nied Zerschnitten und vergessen

Ein Wäldchen, ein Mineralbrunnen, idyllische Nidda-Altarme und geschlossene Siedlungsstrukturen mit Flair: Nied nimmt Besucher auf Anhieb ein - viele Bürger im Stadtteil fühlen sich aber abgehängt und von der großen Politik vergessen.

10.01.2012 06:36
Timur Tinç
Die FR vor Ort: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Nied hat die FR am Mittwoch, 11. Januar, von 14 bis 16 Uhr einen Stand in der Mainzer Landstraße 786-790 vor dem Rewe. Von der Redaktion kommen Timur Tinç und Alexander Kraft. Als Gäste haben sich angekündigt: Stadtbezirksvorsteher Friedrich Willems, Vereinsringchef Helmut Grohmann, Regionalratvorstand Werner Dreste, Dagmar Thiel und Wolfgang Lampe. Foto: Michael Schick (4)

Ein Wäldchen, ein Mineralbrunnen, idyllische Nidda-Altarme und geschlossene Siedlungsstrukturen mit Flair: Nied nimmt Besucher auf Anhieb ein - viele Bürger im Stadtteil fühlen sich aber abgehängt und von der großen Politik vergessen.

Nied ist in vielerlei Hinsicht ein historischer Stadtteil. Hier wurden jungsteinzeitliche Siedlungen um 3000 vor Christus entdeckt, die keltische Besiedlung bis 800 vor Christus nachgewiesen. Doch die Nieder sind auf eine andere historische Begebenheit stolz.

„Wissen Sie, wer über diese Brücke gelaufen ist?“, werden Stadtteilfremde gefragt, wenn sie auf der Brücke in Alt-Nied stehen, unter der die Nidda fließt und wenige hundert Meter später in den Main mündet. Wolfgang Lampe blickt immer wieder in erstaunte Gesichter wenn er ihnen eröffnet, dass Napoleon dort hinübergeritten ist. Der Übergang hatte schon für die Römer, die rund 350 Jahre lang vor Ort waren, eine wichtige strategische Bedeutung. „Nied hat viele Geschichten zu erzählen“, findet Lampe, der Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins ist. Der beklagt sich allerdings über fehlende Resonanz. Als Lampe mit seinem Verein im November eine Ausstellung zur Geschichte zum Fall der Berliner Mauer organisiert hatte, fand diese außer am Eröffnungstag kaum Anklang. „Das war schon sehr schade. Wir hatten alle Schulen selbst angeschrieben, weil die Stadt es vergessen hatte“, erzählt Lampe.

Das Gefühl, vergessen und nicht wahrgenommen zu werden, beschäftigt viele Nieder Bürger. „Nied wird immer vertröstet, bekommt gesagt, es sei kein Geld da“, beklagt Wolfgang Wels. Der Vermessungsingenieur engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft „Ideen für Nied“, der sich nach einer Ortsbegehung im Jahr 2008 gegründet hat. Für seinen Stadtteil engagiert sich Wels aber schon seit Anfang der 1970er Jahre. „Wir haben lange Jahre für eine Verkehrsberuhigung gekämpft“, erzählt der 63-Jährige. Autos, die von der Mainzer Landstraße kamen, mussten früher immer durch Alt-Nied fahren. Und die Griesheimer hätten sich auch immer durch die Straße gequetscht. „Nach langen Verhandlungen hat man endlich den Gegenverkehr an der Kreuzung Nied Kirche/Mainzer Landstraße zugelassen und die Autos können seitdem direkt nach Höchst fahren“, erinnert sich Wels.

Ruhig ist es deshalb noch lang nicht in Alt-Nied. Denn drei Busse schlängeln sich Tag für Tag durch die enge Straße. An ein reges Geschäftsleben, gar Flanieren ist nicht zu denken. „Im siebten Himmel schlafen“ steht auf der Matratzenwerbung vor dem Möbelhaus Ling. Lächelnd blickt eine Frau vom Plakat und lässt auf ein warmes Ambiente hoffen. Wer sich dem Schaufenster aber nähert, merkt schnell, dass im Erdgeschoss des Hauses nur einige alte Möbel stehen. Es ist nicht nur das leerstehende Möbelhaus, das der Straße einen trostlosen Eindruck verleiht. „Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer“, findet Wolfgang Wels. „Geschäfte, die neu kommen, haben praktisch keine Überlebenschance.“

Bauprojekte lassen in Nied auf sich warten

Deshalb hat der Ortsbeirat einen entsprechenden Antrag gestellt, die Straße in das Programm „Schöneres Frankfurt“ aufzunehmen. In der Liste der Maßnahmen bis 2014 steht Alt-Nied nur auf Platz 32. Für viele unverständlich.

Die Straße ist nicht das einzige Bauprojekt, das auf sich warten lässt. So sollen etwa die Straßenbahnschienen in der Mainzer Landstraße bis zur Birminghamstraße in Mittellage versetzt werden. Baukosten: 6,5 Millionen Euro. Baubeginn ungewiss. Denn zuvor wird im Magistrat noch die Neugestaltung des „Nieder Tores“ und der Einführung eines Kreisverkehrs an der Kreuzung Mainzer Landstraße/Nied Kirche geplant. Ein Kreisverkehr ist auch im Einmündungsbereich Bolongarostraße/ Mainzer Landstraße vorgesehen.

Auf das Verschwinden des beschrankten Bahnübergangs an der Oeserstraße warten vor allem die Anwohner schon seit Jahren. Knapp 200 Züge rollen täglich über die Schienen und zwingen die Autofahrer, teilweise bis zu 20 Minuten zu warten. „Der Lärm der Autos ist dabei das Allerschlimmste“, schimpft eine Anwohnerin. Die Bauvorhaben könnten jedoch frühestens im Jahr 2014 beginnen.

Gearbeitet wird hingegen schon im Ferdinand-Scholling-Ring und im Neubaugebiet am Niedwald – dem Wilhelm-Koppel-Weg. Viele neue Häuser sind im Gebiet des ehemaligen Lok-Ausbesserungswerks und der Signalmeisterei entstanden, weitere werden folgen. Bis zu 3000 Beschäftigte arbeiteten einst in dem Großbetrieb.

Direkt gegenüber liegt die idyllische und denkmalgeschützte Eisenbahnsiedlung. „Die schönste Siedlung Frankfurts“, findet Sozialbezirksvorsteher Friedrich Willems. „Und sie ist von sehr viel Grün umgeben.“ Ohnehin sind mehr als 40 Prozent des Nieder Gebiets Grünfläche. Geschätzt wird von den Niedern auch die gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit Straßenbahn, S-Bahn und Bussen ist man schnell in der Innenstadt oder am Flughafen. Der Nachteil: Die vielen Schienen zerschneiden den Stadtteil in mehrere Teile.

Cafés sind rar in Nied

Vor allem der südliche Teil bereitet Sorgen: „Im Verlauf der letzten Jahre hat die Einkommensarmut bei Jugendlichen und Familien zugenommen“, berichtet Dagmar Thiel von der Projektgruppe Kind. Die Diplom-Pädagogin engagiert sich seit über 30 Jahren in Nied und ist täglich mit den sozialen Problemen konfrontiert. Durch den Neubau des Jugendhauses vor drei Jahren konnte ein wichtiger Anlaufpunkt geschaffen werden. „Es gibt aber kaum Freizeitangebote für Jugendliche“, sagt Thiel. Früher habe es ein Kino und ein Schwimmbad gegeben. Doch die gibt es schon lange nicht mehr. Auch Cafés sind rar.

Dass es nur drei Grundschulen, aber keine weiterführenden Einrichtungen gebe, trage außerdem dazu bei, dass sich die Jugendlichen im Stadtteil nicht verwurzelt fühlten, findet Wolfgang Wels.

Werner Dreste ist deshalb dankbar und froh, dass es Aktionen wie den Frühjahrsputz gibt. „Bis zu 100 Leute und die Schulen helfen mit, den Stadtteil sauberzumachen“, sagt der Vorsitzende des Regionalrats. „15 Vereine machen immer mit“, freut sich Helmut Grohmann. Am vergangenen Samstag war der Chef des Vereinsrings wieder im Auftrag der Sauberkeit unterwegs. Jeden ersten Samstag im Monat zieht Grohmann mit dem Arbeitskreis Soziales mit Müllbeuteln los. Genügend Leute, die sich in Nied engagieren, gibt es immer.

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