21. Februar 201711°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Frankfurt Gallus In Liebe gewachsen

Zentral gelegen befindet sich das Gallus nach Meinung von Stadtplanern in einer Superlage. Nach dem Schwund von Gewerbe und Industrie könnte es zum begehrten Standort werden - und das weckt Sorgen bei den Bewohnern. Denn noch ist das Viertel eine Nische für alles mögliche.

Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Im Gallus hat die FR am Mittwoch, 23. November, 14 bis 16 Uhr, einen Stand am Pavillon Quäkerwiese, Frankenallee/ Ecke Schwalbacher Straße. Von der Redaktion kommen Claudia Michels und Eva Marie Stegmann. Gäste sind Andrea Diemer, 1. Vorsitzende des Vereinsrings Gallus, Quartiersmanager Christian Spoerhase sowie Helga Roos vom Sportkreis Frankfurt

Zentral gelegen befindet sich das Gallus nach Meinung von Stadtplanern in einer Superlage. Nach dem Schwund von Gewerbe und Industrie könnte es zum begehrten Standort werden - und das weckt Sorgen bei den Bewohnern. Denn noch ist das Viertel eine Nische für alles mögliche.

Jetzt hat sie wirklich „Kamerun“ gesagt. Die alte Dame im rosa Kunstpelzmantel sitzt in der Frankenallee unter den schönen neuen Laternen auf der Bank, blickt grimmig die schöne neue Grünanlage rauf und runter und knöttert: „Unser Kamerun war doch vorher auch schon schön!“

Sie weiß das, denn sie ist schon 70 Jahre da. Im Kamerun, wie der Industriestadtteil mit dem ewig schwarzen Ruß in Frankfurt genannt wurde, als die Betriebe noch produzierten; Maschinenfabrik, Autowerk, Eisengießerei und was nicht noch. „Das Geld hätten sie sich sparen können“, meint die Alte. Alle sollen sparen, heiße es doch überall. Überhaupt in diesen Zeiten, mit „Überfällen bis vor die Wohnungstür“. Als im dicken, schwarzen Anorak ihre Schwester naht, eine Zigarette aus der Schachtel nestelt und neben ihr auf die Bank rückt, kann die nur zustimmen. „Mir ziehe kein’ Schmuck mehr an“, stellen die Beiden fest – „ gar nichts“.

Nicht zuletzt seit vor über 15 Jahren der Güterbahnhof abgeräumt wurde, ist dem Gallusviertel eine Lebensader abgeschnitten worden. Es gibt viele Arme und mancher fühlt sich bedroht. Doch seit die Lage so ist, wird an dem großen Gebiet, das an einem unscheinbaren weißen Schild „Gallus“ am Platz der Republik beginnt, herumkuriert und transplantiert. Bürohäuser, viele bis heute leer, haben abgewrackte Gewerbehöfe ersetzt. Wie ein U-Boot ist das Ordnungsamt mit hohem Bug an die Westspitze des Quartiers vorgestoßen. An der Frankenallee wächst statt dem angestammten Opel-Autohaus gerade „ein Mehrgenerationen-Quartier“.

Doch von der Messe her rücken auch Hochhäuser und High Tech unaufhaltsam in den Blick. Aus dem nächsten Bauloch wird, direkt am Güterplatz, ein Glitzer-Einkaufspalast namens Skyline-Plaza emporsteigen und den Rahmen sprengen. In Stahl und Glas erhebt sich das Europaviertel mit großer Geste mehr und mehr über das alte Gallus, das diesem Panorama kaum mehr als seine abgenutzte Rückseite entgegenzusetzen hat.

Vielleicht besser: hätte. Denn es gibt im Gallus Kraftquellen und Lebenszeichen überall. Dem historischen Arbeiterviertel kommt im Frankfurter Bewusstsein sicher ein besonderer Platz zu; in Liebe gewachsen, könnte man sagen. Nicht zuletzt vor 40 Jahren durch Institutionen wie dem Gallus-Zentrum, das junge Linke, die sich als „freiwillig proletarisierte Angehörige der Mittelschichten“ verstanden, in einer früheren Schlosserei an der Krifteler Straße gründeten. Schon bald stand eine Gang smarter junger Italiener an der Tür „und fragte: ,Dürfen wir mal da rein?“ Und die sind dann, so erzählt Inge Kassel-Hannen vom Trägerverein die Geschichte, „nie wieder rausgegangen“. Die ganze lange Zeit, in der diese Kinder italienischer Bundesbahn-Gastarbeiter als „Teatro Siciliano“ und später als Theater „I Macap“ auf der Gallus-Bühne standen und tatsächlich berühmt wurden. Im Viertel, sagt die Geschichtsschreibung, war es „die deutsch-italienische Zeit“. Und auch der Beginn einer tiefen Sympathie, eine der Ursachen dafür, dass das vom Ausbluten bedrohte Gallus mit dem Druck von außen nicht allein geblieben ist.

Denn dann kam Dierk Hausmann, der seit Ende der 90er Jahre zwölf Jahre lang als Verantwortlicher des städtischen Planungsamts das Projekt „Soziale Stadt“ vorbereitet und begleitet hat. Er begründet den Einsatz heute so: „Es gab die Sorgen der Bewohner, dass das Europaviertel zur Verschlechterung und zur Verdrängung führt.“ Die Angst, „dass alles überschwappt“.

Kürzlich dann, als Planer Hausmann sich in die Rente verabschiedete, also mehrere durchgeboxte Spielplätze, Kitas und Treffpunkte später, hatte er tatsächlich was zu feiern. Er tat das tief im Westen des Gallus, auf dem früheren Tevesgelände. „Einen Leuchtturm“ nannte er den Ort zu dem Anlass. Denn die brachliegenden, angegammelten Hallen der früheren Bremsenfabrik schräg gegenüber dem neuen Ordnungsamt haben als „soziokulturelles Zentrum“ ihren neuen Auftritt bekommen – und das per Vertrag gesichert auf 25 Jahre. Arbeitsplätze gibt es, Theater gibt es – und der Box-Club auf dem Gelände wirbt an der maroden Hallenmauer mit dem Slogan „Wir sind gegen Gewalt“.

Bürokratisch-demokratisch, mit einem „Runden Tisch Gallus“ hatten die Stützmaßnahmen im Gebiet begonnen, viele Sitzungen hat das gekostet. 2003 hat dann das Stadtteilbüro aufgemacht, lädt im Schaufenster zum „Montagstreff“ und wirbt für „Nachbarschaftskonfliktvermittlung“. Vor der Tür parkt ein rotes „Sozialmobil“. Ein Jahr nach dieser Institution in der Frankenallee 166 stand der „Stadtteilbeirat“– zusammengesetzt aus 19 Bewohnern und den Vertretern von 18 ansässigen Institutionen.

Im Gallus kommen alle Nationalitäten zusammen

Seit fünf Jahren ist Christian Spoerhase der Quartiermanager im von der Caritas getragenen Modell. Stolz ist er, das hört man ihm an, dass seit der letzten Wahl des Beirats „eine Mutter von drei Kindern aus Sri Lanka das zweitbeste Wahlergebnis hatte“, dass also auch Ausländer mitbestimmen, was im Gallus besser werden soll. Auf die Art ist der sogenannte Quartierspavillon an der Quäkerwiese errichtet worden, das neue (gastronomisches) Zentrum im zerfledderten Stadtteil. Ähnlich ging das mit den blauen Plastik-Hubbeln zum Sitzen, die im grünen Mittelstreifen der Frankenallee verschraubt sind: Die haben sich Kinder gewünscht. Welches Projekt auch immer, „wir machen Bürgerversammlungen“, erläutert Spoerhase; „da sprechen wir die Leute auch auf der Straße an“.

Und dann stehen sie eben eines Tages da, demokratisch legitimiert, die schmucken Straßenlaternen, die die Damen auf der Bank für ihr Kamerun zu überkandidelt finden. Wo sie doch, um Geld zu sparen „nicht mal mehr in die Wirtschaft gehen“ . Aber im Pavillon an der Quäkerwiese, wo gerade die freundliche Maria an den Raucherplätzen im Freien die Wolldecken zusammenlegt, „da trinke mer mal’n Kaffee, mei Schwester und ich“. Denn die Maria, die weiß gleich Bescheid, wenn sie reinkommen und ruft ihrem Mann hinter dem Tresen zu: „Der Kaffee muss sehr leicht werden!“

Und der Kaffee kostet nur 1.50 Euro, und das Frühstück wird samt Kaffee für 3.20 Euro serviert. Und Maria, die 2001 aus Polen kam, und mit einem Griechen verheiratet ist, hat im Gallus von Ausländerdiskriminierung noch nichts gehört: „Jugos, Türken, Deutsche, alle kommen und alle sind nett zu uns.“ Nur manchmal draußen, „die Romanen“, die Roma-Familien, „die sind manchmal laut“, meint Maria. Dann ruft sie eben Christian Spoerhase an, „der ist immer bereit“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum
  • Sitemap