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Frankfurt-Eschersheim Die Gleise trennen Welten

Ein Stadtteil und die Bahn: Seit jeher zerschneidet die Eschersheimer Landstraße die alten, neuen und gewachsenen Wohnviertel und damit auch die Infrastruktur. Dabei leidet der Einzelhandel ohnehin im Quartier. Aber dennoch ist Eschersheim ein lukratives Wohngebiet.

24.01.2012 21:33
Markus Bulgrin
Die FR macht mobil: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Eschersheim hat die FR am Mittwoch, 25. Januar, von 13 bis 15 Uhr einen Stand gegenüber dem Weißen Stein, an der Eschersheimer Landstraße. Von der Redaktion kommt Markus Bulgrin. Als Gäste haben sich angekündigt: Klaus Funk vom Ortsbeirat, Manfred Eichenauer, Leiter der Ziehenschule, sowie Vertreter des Bürgervereins.

Ein Stadtteil und die Bahn: Seit jeher zerschneidet die Eschersheimer Landstraße die alten, neuen und gewachsenen Wohnviertel und damit auch die Infrastruktur. Dabei leidet der Einzelhandel ohnehin im Quartier. Aber dennoch ist Eschersheim ein lukratives Wohngebiet.

Kurz nach 13 Uhr, Rushhour auf der Eschersheimer Landstraße. An der Ampel stauen sich die Autos, die U-Bahnen sind voll, ein Mann im Anzug eilt in die Metzgerei zum Mittagessen, eine ältere Frau trägt frisches Gemüse nach Hause. An der U-Bahn-Station am Weißen Stein rangeln zwei Jungs, der eine schubst den anderen immer näher zu den Gleisen. Die U8 Richtung Riedberg rollt heran. Eine Frau, die das beobachtet hat, schnauft durch, ohne dass es irgendjemand mitbekommen hätte. „Ich hab’ automatisch an das Schlimmste gedacht“, sagt sie, bevor sie einsteigt.

Die Eschersheimer Landstraße, die Todesstrecke. Für einen kurzen Moment hat sie sich wieder in Erinnerung gerufen. „Das ist doch schon ein Thema, seit die U-Bahn 1968 gebaut wurde“, sagt Wolfgang Sahr. Der alte Eschersheimer wohnt nicht allzu weit vom Weißen Stein und den Gleisen entfernt; in der Niedwiesenstraße. Dort sitzt er an einem großen Wohnzimmertisch und schüttelt vehement den Kopf. Breitere Gehwege, teilweise einspurige Verkehrsführung, mehr Parkplätze vor den Geschäften, all das sei gut. Keine Frage. Aber ein Tunnel, der die zuckelnden Züge unter die Erde verbannt, sei doch letztlich die einzig wirklich vernünftige Lösung, meint Sahr. „Aber das Argument ist ja immer, dass das zu teuer ist.“

Früher, da beschäftigte das Sahr und seine Mitstreiter noch viel mehr. Als der Eschersheimer Bürgerverein, deren zweiter Vorsitzender er ist, noch für die Vermittlung zwischen der Stadt und den Bürgern verantwortlich war. Seit der Ortsbeirat in den 70er Jahren jedoch diese Aufgabe übernahm, könne der Bürgerverein „im Grunde nichts mehr bewegen“. Und das, obwohl wir unparteiisch sind, fügt Hannelore Spiller, die Vorsitzende, hinzu. Deshalb konzentrieren sich Sahr und Spiller mehr auf die kleinen Belange. Solche, die sogar die Ortspolitiker nicht verhandeln. Etwa Risse und Löcher im Fußweg zum Eschersheimer Friedhof, die im Winter entstanden.

Hinter Sahr an der Wand hängt ein großes Bild in goldenem Rahmen. Die alte Schirn in Schwarz-Weiß mit der ehemaligen Metzgerzeile. „Früher“, sagt Sahr, „gab es das Gelee-Viertel und das Puddel-Viertel hier.“ Er lacht. Die Söhne der Bauern, die mit „Puddel“, also Jauche düngten, bekamen Wurst auf ihre Schulbrote, die Töchter der Beamten wiederum Gelee. Daher der Name. Das war in den 1920er Jahren, als die Siedlungen in Eschersheim entstanden. Am Lindenbaum, rund um den Wasserturm.

Jugendliche brauchen Räume in Eschersheim

Heute ist der Turm ein wenig zugewachsen, aber rundherum leben nach wie vor die Menschen, die täglich in die Innenstadt und zu ihren Jobs fahren. Viele Kinder leben in den Häusern. Für die ganz Kleinen mangelt es an Betreuungsplätzen: In der Kindertagesstätte 86 sind die Räume beim Mittagessen voll, auch der Kinder- und Kulturtreff in der Johann-Wichern-Schule sucht neue Räume. Die älteren Kinder und Jugendlichen spielen auf den Grünflächen zwischen den Betonriegeln. „Es fehlt an Platz“, sagt Anna Jaensch. Die Sozialpädagogin sitzt am Tisch im Jugendbüro Eschersheim. „Es braucht Räume, wo sich Jugendliche treffen oder mal eine Party feiern können.“ Deshalb organisiert das Jugendbüro einmal im Monat Mitternachtsbasketball. Oder ließ die Jungs und Mädchen eine eigene Hütte in der Elisabeth-Schwarzhaupt-Anlage bauen. Und veranstaltet das Wasserturmfest, bei dem Ältere merken, dass die Jugendlichen keine Randalierer sind und den Jüngeren klar wird, dass die Senioren auch ihre Lebenswelt haben. Das alles, um im Kleinen für ein paar Stunden Raum zu schaffen.

Ansonsten ist das dreiköpfige Team, zu dem noch Robert Wald und Astrid Ianotti gehören, als Streetworker unterwegs. In den Eschersheimer Parks treffen sie die jungen Menschen mitsamt ihren alltäglichen Sorgen an: schlechte Noten, Job-Suche, Geldnot, Ärger in der Familie. „Wir sind Gast in deren Lebensraum“, sagt Jaensch über die Schwierigkeit, stets einen Draht zu finden. Es brauche dringend „gemütliche Räume, in denen man sich aufhalten kann“, wiederholt die Sozialpädagogin. Den Mangel an U3-Betreuungsplätzen will die Stadt zwar mit einem Kindertagesstätten-Neubau in der Raimundstraße angehen. Aber das sei doch eine ganz andere Klientel, sagt Jaensch. „Dort, auf der anderen Seite.“

Denn auf der anderen Seite der Eschersheimer Landstraße, einige wenige Schritte über die Gleise, ist die Welt eine andere. An der Ecke zur Kleinschmidtstraße, dem Eingang zu dieser Welt, hat das Maklerunternehmen von Poll Immobilien seinen Hauptsitz. Drinnen ist nahezu mehr Bewegung als draußen auf der Verkehrsader. „Es geht hier zu wie in einem Wespennest“, sagt einer der Mitarbeiter, kurz bevor er in einem der Büros verschwindet. Es gibt viel zu tun, denn die Straßen westlich der Eschersheimer Landstraße sind ein überaus lukratives Wohngebiet. Aus Sicht der Makler machen die dichte Versorgung an Geschäften, die gute Infrastruktur und Anbindung, die vielen Schulen und Kindergärten sowie das Grün der Niddawiesen den Stadtteil so lebenswert – und letztlich teuer.

Die Main-Weser-Bahn könnte die Ruhe zerstören

Doch nicht alles ist so rosig: In der Kirchhainer Straße wird der Schlecker Ende Januar schließen, und am Lindenbaum gibt es keinen Supermarkt mehr, seit der Tengelmann zugemacht hat. Ein Vertrag mit dem Eigentümer des Gebäudes läuft noch bis 2015 – so lange sieht sich anscheinend niemand verpflichtet, etwas zu tun. Und das dort, wo viele ältere Menschen wohnen, die keine weiten Wege mehr gehen können. Die Niddawiesen, die den Marktwert steigern, sind zwar noch grün und ruhig. Aber das könnte sich ändern, wenn die Main-Weser-Bahn auf vier statt wie bisher auf zwei Gleisen rollt.

Vor allem nachts, aber auch tagsüber, kann Wolfgang Sahr die Züge bereits heute hören. Die Gleise verlaufen 80 Meter von seiner Terrasse entfernt. „Das Schlimmste ist, dass die Leute belogen werden“, sagt er. Damit, dass die Bahn vorgebe, mehr S-Bahnen fahren lassen zu wollen, aber in Wirklichkeit nur klammheimlich den Güterverkehr steigern wolle. Derweil verfiele einiges: Die Straße Alt-Eschersheim und die Fußgängerbrücken über die Gleise werden nicht saniert – weil es nicht lohne, bis der Ausbau komme, so die Haltung von Stadt und Deutsche Bahn. „Es ist nicht richtig, das alles abzuwälzen.“ Deshalb kämpfen die örtlichen Bürgerinitiativen weiterhin gegen den Ausbau, womöglich bald vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Sahr geht wieder hinein und setzt sich an den Tisch. Seine Frau bringt Kaffee. „Eschersheim ist ein liebenswerter Stadtteil“, sagt sie schließlich. „Es ist immer noch ein sehr gutes Wohngefühl hier.“

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