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Frankfurt Bockenheim Stadtteil im Wandel

Bockenheim ist ein lebendiger Stadtteil, geprägt durch das studentische Leben. Durch den Verlust der Uni und die teuren Neubauten wandelt sich das Viertel - das macht vielen Sorgen.

11.10.2011 21:16
Laura Wagner
Die FR macht mobil: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Bockenheim hat die Frankfurter Rundschau am Mittwoch, 12. Oktober, auf der Leipziger Straße, Ecke Am Weingarten, von 15 bis 17 Uhr einen Stand. Von der Redaktion kommen Alicia Lindhoff und Laura Wagner. Gäste sind Ortsvorsteher Axel Kaufmann, Annette Mönich aus dem Stadtteilbüro und Angelika Wahl von „Ratschlag Campus Bockenheim“. Foto: Monika Müller

Bockenheim ist ein lebendiger Stadtteil, geprägt durch das studentische Leben. Durch den Verlust der Uni und die teuren Neubauten wandelt sich das Viertel - das macht vielen Sorgen.

Bockenheim ist ein betriebsamer Stadtteil, der vor allem mit der Universität und der Multikulti-Meile Leipziger Straße in Verbindung gebracht wird. Noch. Denn das Viertel verändert sich stark. Nicht zuletzt durch den Wegzug der Goethe-Universität, die nach rund einhundertjähriger Tradition ihren alten Standort verlässt, und den neu entstehenden Kulturcampus. Der nimmt langsam Gestalt an – nicht allen gefällt es: Bei einer Bürgeranhörung zum ersten Bauabschnitt wurde im September Kritik laut.

Auf dem 1,6 Hektar großen Areal neben dem Bockenheimer Depot baut die ABG Holding Wohnungen, die Mitte 2013 bezogen werden sollen. Es sind vor allem die Mietpreise von bis zu 11,50 Euro pro Quadratmeter, die den Bürgern bitter aufstoßen. „Diese Mietpreise werden sich auch auf die umliegenden Bestandsmieten auswirken“, kritisiert Angelika Wahl, Sprecherin der Initiative Ratschlag Campus Bockenheim. Viele Bockenheimer habe Angst vor steigenden Mieten, davor, sich den Stadtteil in einigen Jahren nicht mehr leisten zu können. Der neue Mietspiegel hilft nicht, diese Sorgen zu verringern. Er weist einen Zuschlag von 1,24 Euro pro Quadratmeter für das Innenstadtgebiet 2 aus, zu dem auch Bockenheim zählt.

„Viele Bürger fürchten eine Entwicklung wie in der City West, wo Büros auf den Flächen von ehemaligen Industriebetrieben entstanden, wo bezahlbare Wohnen abgerissen, Familien verdrängt und teure Eigentumswohnungen gebaut wurden, wo längst nicht mehr die soziale Mischung stimmt“, sagt Wahl, die sich für bezahlbare Mietwohnungen und gegen Mietervertreibung engagiert. Der Zukunft des Stadtteils blickt sie eher skeptisch entgegen, sieht Entwicklungen wie im Westend kommen: „Ich fürchte, der Leuchtturm Kulturcampus bringt eine preisliche Aufwertung des Stadtteils mit sich, die nur schwer aufzuhalten sein wird.“

Ins Erdgeschoss der neuen Häuser kommt ein Vollsortimenter – harte Konkurrenz für die Läden auf der Leipziger Straße. Doch ob man den riesigen Supermarkt tatsächlich braucht, ist fraglich. „Der tatsächliche Vollsortimenter ist die Leipziger Straße“, sagt Ortsbeiratsmitglied Hans-Jürgen Hammelmann (Die Linke). Denn dort gibt es eine Vielzahl an Lebensmittelgeschäften. Neben den gängigen Supermarktketten und Bio-Supermärkten bietet die Leipziger je fünf Bäckereien und Drogerien. Dazu kommen einige internationale Lebensmittelgeschäfte, die zum besonderen Flair der Straße beitragen. „Was fehlt, ist eher ein kleiner Bau- und Elektromarkt oder ein Mini-Kaufhaus“, sagt Hammelmann, der nichts will, „was die Leipziger wegen der Konkurrenz kaputt macht“.

Auf der Leipziger Straße herrscht vor allem samstags Hochbetrieb. Ein Mischmasch von Sprachen aus allen Teilen der Welt ist zu hören. Die Menschen drängen sich um die Läden, bepackt mit Einkaufstüten. Doch so viele wie noch vor ein paar Jahren sind es längst nicht mehr. Vor allem die Schließung des Kaufhof im Juni 2000 führte dazu, dass der Kundenstrom auf der Leipziger abnahm. Eine Drogerie ist mittlerweile im Erdgeschoss eingezogen, darüber steht alles leer. Es ist ein trostloser Anblick. Doch niemand kann Eigentümer Heinrich Gaumer dazu zwingen, sein Haus zu vermieten. Der schweigt zu seinen Plänen. Im Hinterhof der Leipziger Straße 32-36, ebenfalls in Gaumers Besitz, spielt sich eine unendliche Geschichte ab. Wohnungen und Läden sollten hier hin, doch daraus wurde nichts. Stattdessen steht da eine Bauruine.

„Es ist eine Schande. Außerdem ist der Leerstand schlecht fürs Geschäft“, sagt Duran Bahdiyer, der seit zwölf Jahren einen Obst- und Gemüsestand gegenüber dem ehemaligen Kaufhof betreibt. Zu Bahdiyer kommt zwar noch immer ein Kreis fester Stammkunden, die Laufkundschaft aber ist deutlich weniger geworden. „Ich hoffe, da kommt wieder etwas rein und wenigstens der Woolworth bleibt noch lange hier.“ Doch auch der Wegzug der Universität stimmt den Geschäftsmann nachdenklich. „Die Studenten ziehen weg, dann ist Bockenheim weniger lebendig“, sagt Bahdiyer.

Der Uni-Campus gilt als Wahrzeichen Bockenheims, dabei liegt er streng genommen zum Großteil innerhalb der Stadtteilgrenzen des Westends. Längst wird er aber nicht nur im Uni-Jargon der Bockenheimer Campus genannt. Das mit den Grenzen ist halt so eine Sache: Der Europaturm, als Ginnheimer Spargel bekannt, liegt in Bockenheim und ist mit 331 Metern das höchste Gebäude im Stadtteil.

Studentisches Leben kommt eventuell wieder durch die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in den Stadtteil. „Aber dann ist es wahrscheinlich schon zu spät“, befürchtet Wahl, die Veränderungen der Bewohnerstruktur kommen sieht. „Die gelungene Mischung, die wir heute haben, kippt.“ Studenten und Geringverdiener gehen, Gutverdiener kommen.

In Bockenheim bleiben will Hilde Brahmer. Die 77-Jährige hat fast ihr ganzes Leben hier verbracht, wegzuziehen kann sie sich nicht vorstellen. „Hier gibt es viele Angebote für alte Menschen wie mich, ich muss hier nicht weg“, sagt Brahmer. Wenn alle Stricke reißen, will sie ins Pflegeheim Bockenheim ziehen. Das gehört dem Frankfurter Verband und öffnete vor 20 Jahren seine Pforten. Das Heim liegt mitten in Bockenheim, in der Friesengasse. Die Nähe zum belebten Stadtteilkern ist wichtig. „So können die Bewohner, soweit es ihnen körperlich möglich ist, am gewohnten Leben im Stadtteil teilhaben“, sagt Heimleiterin Liane Junker. Die, die es können, verlassen das Heim, um auf der Leipziger Straße einzukaufen und an Veranstaltungen teilzunehmen. „Umgekehrt kommen aber auch viele Bockenheimer zu uns, es findet eine große Vernetzung statt“, sagt Junker. Knapp drei Viertel der Bewohner stammen aus dem Stadtteil. „Die Menschen haben den Anspruch, im Stadtteil, in ihrer Heimat zu bleiben, sie wählen den Wohnort ganz bewusst“, sagt Junker.

So wie auch viele junge Familien. „Der Stadtteil ist sehr familienfreundlich“, sagt Margareta Radumilo, Verkäuferin im Baby- und Kinder-Secondhandladen Yasmini. Sie lebt seit über 30 Jahren in Bockenheim, ist selbst Mutter. „Hier gibt es ausreichend Parks und Spielplätze, man kann mit den Kindern viel unternehmen“, sagt sie. Hat man ein Problem, fragt man Nachbarn oder Bekannte. Man hilft sich gegenseitig. „Bockenheim ist ein kleines Dorf mitten in der Stadt“, sagt Radumilo. Dem Kulturcampus kann sie viel Positives abgewinnen. „Das wird toll, Bockenheim wird dadurch noch interessanter.“ Kommen Kunst und Kultur auf das Uni-Gelände, ziehe das viele Menschen an. „Dann haben wir hier wirklich alles und müssen gar nicht mehr aus Bockenheim raus“, sagt Radumilo. Für sie ist Bockenheim der mit Abstand schönste Stadtteil Frankfurts.

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