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Polizeigewalt Rassismus Der Fall Derek Overton

Immer wieder wird über Gewalt durch Polizeibeamte berichtet, zuletzt nach einer Personenkontrolle in Offenbach. Ein weiterer Fall aus Wiesbaden ist bereits mehr als ein Jahr her. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seitdem gegen zwei Polizisten.

Derek Overton wirft der Polizei vor, ihn aus rassistischen Gründen zusammengeschlagen zu haben. Foto: Michael Schick

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Derek Overton dieses Gefühl nicht so gut kennen würde. Dieses klebrige, klamme Gefühl, anders behandelt zu werden als die anderen. Nicht für voll genommen zu werden, nur weil er schwarz ist. Vielleicht wäre die Lage auch nicht so eskaliert, wenn sein diplomatisches Geschick in Konfliktsituationen größer wäre – und er diesen speziellen, leicht penetranten Ton nicht draufhätte. Overton selbst spricht es amerikanisch aus, mit langem, nasalem O. „Mein Ton“, sagt er, „ist manchmal etwas robust. Ich hab‘ oft das Gefühl, die Deutschen mögen das nicht. Aber ich kann eben nicht so leise reden.“

Vielleicht ist die Geschichte aber auch genauso banal, wie Overton selbst sie sich bis heute erklärt: Dass zwei Wiesbadener Polizisten ihn an diesem Tag vor mehr als einem Jahr aus rassistischen Motiven erst völlig ignoriert und dann im Flur der Wache zusammengeschlagen haben.

Es lohnt sich, diese Geschichte ganz zu erzählen, gerade weil sie an manchen Stellen so uneindeutig ist. Sie beginnt am 31. Mai vergangenen Jahres in einem Supermarkt in der Wiesbadener Innenstadt. Derek Overton geht zur Kasse, um seinen Einkauf zu bezahlen. Seit sieben Jahren lebt der 54-jährige US-Amerikaner in der hessischen Landeshauptstadt, er wohnt auf dem Gräselberg im Südwesten der Stadt, ihm gefielen die Ruhe und die frische Luft dort, sagt er.

Als Soldat nach Deutschland gekommen

Anfang der 80er Jahre war Overton als junger Soldat aus Tennessee nach Deutschland gekommen und hatte beschlossen zu bleiben. Jahrelang arbeitete er als Lkw-Fahrer für einen Blumengroßhandel und als Geldkurier für Spielkasinos. Heute, nach zwei Knie-Operationen und einem Herzinfarkt, gilt Overton als schwerbehindert und ist auf Krücken angewiesen, wenn er länger als 15 Minuten stehen muss. Arbeiten kann er nicht mehr.

An der Kasse, so geht seine Version der Geschichte, gibt der Kassierer ihm zu wenig Wechselgeld. Overton fühlt sich betrogen, reklamiert, der junge Mann ist sich keiner Schuld bewusst und überprüft sogar seine Kasse. Doch Overton ist sich sicher und fordert den Mitarbeiter auf, die Polizei zu rufen. „Ich dachte, dann klärt sich alles“, erzählt er.

Als der Kassierer sich weigert, sagt Overton zu ihm: „Okay, ich werde Sie jetzt provozieren.“ Er geht schnurstracks zur Kühltheke, greift sich zwei eingeschweißte Steaks und geht damit demonstrativ in Richtung Ausgang. „Jetzt rufen Sie schon die Polizei“, sagt er zu dem jungen Kassierer.

Doch der ruft seine Chefin. „Die Dame hat mir gesagt, das sei Diebstahl“, erzählt Overton. „Ich habe gesagt, ich wolle nichts klauen, ich wolle nur, dass die Polizei geholt wird.“ Mittlerweile stehen mehrere Mitarbeiter um ihn herum, eine greift nach den Steaks, es entsteht ein Gerangel. Der Kassierer nutzt die Gelegenheit und schubst Overton aus dem Geschäft. Overton taumelt und geht zu Boden.

In diesem Moment kommt die Polizei. Es sind zwei Beamte, ein Mann und eine Frau. „Ich bin sofort zu dem Mann und habe ihm die Situation geschildert“, sagt Overton. Der Polizist habe ihm zugehört, aber keine Anstalten gemacht, sich irgend etwas zu notieren. „Er sagte nur, er merke sich das alles.“ Und da war es plötzlich wieder, dieses Gefühl, ignoriert zu werden. „Ich hatte den Eindruck, was ich sage, interessiert den gar nicht“, sagt Overton. Und ihm sei auch sofort klar gewesen, warum der Beamte ihm nicht richtig zuhören wollte. „Weil ich ein Schwarzer bin.“

Overton fühlt sich betrogen und falsch behandelt

Overton geht ein paar Meter weiter, um sich ein wenig zu beruhigen. Inzwischen nehmen die Polizisten ausführlich die Aussagen der Supermarkt-Mitarbeiter auf. Overton versteht die Welt nicht mehr. Ihm reicht es. Er geht zurück zu dem Beamten und sagt ihm, er wolle jetzt endlich auch gehört werden. „Und der sagt zu mir: ,Hau ab! Tschüss, Wiedersehen‘.“
An diesen Satz erinnert sich Overton genau. Überhaupt kann er die Ereignisse dieses Tages immer noch minutiös wiedergeben. Manchmal unterbricht er sich beim Erzählen selbst, weil ihm noch ein Detail eingefallen ist: „Halt“, sagt er dann, „ich habe noch etwas Wichtiges vergessen.“

Szenenwechsel. Frustriert von der Situation am Supermarkt, marschiert Overton ins 1. Polizeirevier in der Bertramstraße. Er fühlt sich betrogen, ignoriert und auch noch falsch behandelt. Ein Polizist hört sich kurz seine Geschichte an und bittet ihn dann, im Flur zu warten. Dort sitzt bereits eine Frau.

Nach kurzer Zeit kommen die beiden Beamten von vorher ins Revier. „Die Polizistin fragte mich, was ich wolle“, sagt Overton. „Ich habe gesagt: ,Ich zeige Sie und Ihren Kollegen an‘.“ Der Beamte, der zuvor seine Aussage nicht aufnehmen wollte, fordert Overton auf, zu gehen. „Er sagte, er werde mich sonst rausschmeißen“, sagt Overton. „Und ich sagte: ,Dann müssen Sie mich wohl rausschmeißen‘.“

Über die nun folgende Prügelei gibt es mehrere Schilderungen. Ihr Ergebnis dagegen ist unstrittig: Overton erleidet im Flur des Polizeipräsidiums – ein ärztliches Gutachten belegt das – mehrere Prellungen am Schädel, an der rechten Schulter, am Handgelenk und am rechten Knie.

Overton beschreibt den Hergang so: Die beiden Polizisten greifen ihn, er reißt sich los, die Beamten packen ihn erneut, auch am Hals. Overton schlägt um sich, trifft einen Beamten am Kopf, ein dritter Polizist zerrt ihn nach draußen. Dort wirft er sich auf Overton, weitere Beamte kommen dazu, einer schlägt Overton in die Nierengegend, einer tritt ihm gegen das Knie, einer sagt zu ihm: „Du scheißdreckiger Kerl.“

Polizistin habe Pfefferspray in seine Augen gesprüht

Und dann sei die Polizistin vom Supermarkt gekommen und habe ihm Pfefferspray in beide Augen gesprüht, erzählt Overton. „Ich habe geschrien, das tut höllisch weh.“ Anschließend hätten die Beamten ihn für 15 Minuten gefesselt in eine Zelle verfrachtet, bevor er sich die Augen habe ausspülen können. Als Overton weiter über Schmerzen klagt, rufen die Polizisten einen Krankenwagen.

Die Beamten schildern die Situation anders: Schon am Supermarkt sei Overton aggressiv gewesen und den beiden Polizisten mehrfach so nahe gekommen, dass sie ihn auf Abstand hätten halten müssen. Er habe sie mehrfach als „scheiß Deutsche“ beschimpft. Auch die Prügelei im Präsidium sei von Overton ausgegangen: Beim Versuch, ihn unter Berufung auf das Hausrecht aus dem Gebäude zu bringen, habe er dem einen Beamten unvermittelt ins Gesicht geschlagen. Noch während er zu Boden gebracht worden sei, habe Overton wie wild um sich geschlagen – das Pfefferspray sei letztlich nötig gewesen, um ihn zu bändigen.

Die im Flur wartende Frau, eine Lehrerin, die die ganze Prügelszene beobachtet hat, stützt eher Overtons Version: Dieser sei die ganze Zeit ruhig, höflich und keineswegs aggressiv gewesen, hat sie zu Protokoll gegeben. Die Beamten hätten ihm im Flur gesagt, seine Anzeige würde nicht aufgenommen werden. Dann hätten sie ihre Handschuhe angezogen und Overton ohne ersichtlichen Grund und ohne Vorwarnung zu Boden gerissen, um ihn anschließend nach draußen zu zerren.

Als die Beamten draußen auf Overton einschlugen, habe sie noch gerufen, man solle den Mann in Ruhe lassen. Eine Polizistin habe sie daraufhin aufgefordert, sich nicht in die Situation einzumischen.

Ob der ganze Fall demnächst vor Gericht geklärt wird, ist auch mehr als ein Jahr nach dem Vorfall noch nicht abzusehen. Ein Verfahren gegen Overton wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung ist Anfang des Jahres eingestellt worden. Gegen die Beamten, die Overton im Polizeipräsidium geschlagen haben, ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden weiterhin – wegen Körperverletzung im Amt.

Derek Overton selbst hofft, dass die Beamten sich irgendwann für ihr Handeln verantworten müssen. Nicht nur, weil er sich selbst keiner Schuld bewusst ist und möchte, dass der Vorfall geklärt wird. Sondern auch, weil die Erlebnisse auf dem Polizeipräsidium ihn nachhaltig verstört haben. Er hätte, sagt er, trotz seiner vielen Begegnungen mit dem Rassismus in Deutschland so eine Behandlung nie erwartet. „Ich habe ja gar nichts gegen die Polizei“, sagt er. „Ich denke eigentlich immer: Solange ich mich benehme, passiert mir nichts.“

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