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Fall Wevelsiep Polizist wegen Körperverletzung verurteilt

Urteil im Fall Wevelsiep: Wegen Körperverletzung im Amt und Beleidigung muss ein Polizist eine Geldstrafe von 8400 Euro zahlen. Das Amtsgericht kam zur Überzeugung, dass der Beamte den 43-jährigen Derege Wevelsiep nach einer Fahrkartenkontrolle in Frankfurt vor zwei Jahren mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat.

Derege Wevelsiep (rechts) und sein Anwalt Johannes Hallenberger während des ersten Prozesstages. Foto: Andreas Arnold

Wegen Körperverletzung im Amt und Beleidigung ist der Oberkommissar Matthew S. am Donnerstag zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen und insgesamt 8400 Euro verurteilt worden. Der Richter am Frankfurter Amtsgericht sah es als erwiesen an, dass der 33-Jährige den Deutsch-Äthiopier Derege Wevelsiep im Oktober 2012 nach einer eskalierten Fahrkartenkontrolle mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat. Der Angeklagte hatte die Vorwürfe bis zuletzt bestritten. Drei seiner Kollegen, die als Augenzeugen gehört wurden, hatten ebenfalls ausgesagt, dass S. nicht zugeschlagen habe.

In seiner Urteilsbegründung sagte der Richter, er glaube weder die Aussagen der Beamten noch die Wevelsieps vollständig. „Die Wahrheit liegt für mich in der Mitte“, sagte er. So sehe er den Schlag ins Gesicht, der eine Platzwunde über Wevelsieps Augenbraue verursacht habe, als erwiesen an. Dafür spreche, dass die Aussage des Ingenieurs konsistent sei und zur Wunde an der Stirn passe. Zudem sei der Angeklagte während Wevelsieps Schilderungen offensichtlich emotional berührt gewesen. Wenn ein Zeuge „das Blaue vom Himmel herunterlügt“, sei aber eher eine wütende Reaktion zu erwarten.

Allerdings äußerte der Richter „erhebliche Zweifel“, ob es die weiteren Schläge und Tritte gegeben habe, von denen Wevelsiep berichtet hatte. Dieser habe die Vorfälle offenbar ausgeschmückt. Durch das Spielen der „Ausländerkarte“ gegenüber den VGF-Kontrolleuren und der Polizei habe Wevelsiep die Eskalation der Situation zudem mit verschuldet.

Die Polizisten, die als Zeugen jegliche Gewalt gegen Wevelsiep geleugnet hatten, hätten offenbar ihren Kollegen schützen wollen, so der Richter. Zudem hätten sie wohl nicht zugeben wollen, nicht eingegriffen zu haben. Dass die Beamten ihre Aussagen abgesprochen hätten, glaube er aber nicht – dazu seien diese zu widersprüchlich gewesen.

Insgesamt, so sagte der Richter, hätten die Polizisten den Rahmen der Verhältnismäßigkeit am fraglichen Abend überschritten. Dass man Wevelsiep Handschellen angelegt habe und mit zwei Streifenwagen zu seiner Wohnung gefahren sei, nur um seine Personalien festzustellen, sei eine unnötige „Durchsetzung polizeilicher Machtbefugnisse“.

Zufriedener Rechtsanwalt

In der Beweisaufnahme hatten die Ärzte, die Wevelsiep behandelt hatten, dessen Verletzungen zuvor als nicht besonders schwerwiegend eingestuft. Außer der Platzwunde habe man keine Blutergüsse festgestellt; das Blut in seinem Urin sei nur durch einen Teststreifen entdeckt worden und müsse nicht unbedingt von Schlägen auf die Niere herrühren.

Die vier Kontrolleure, die zuerst mit Wevelsieps Verlobter und dann mit dem Deutsch-Äthiopier selbst aneinandergeraten waren, hatten geschildert, dass der Ingenieur sehr aggressiv gewesen sei. Eine Kontrolleurin räumte ein, im Streit den Satz „Ihr seid hier nicht in Afrika“ gesagt zu haben.

Johannes Hallenberger, der Wevelsiep vor Gericht vertreten hatte, nahm das Urteil mit Befriedigung auf, „auch wenn das Strafmaß nicht unseren Vorstellungen entspricht“. Es sei vor allem darum gegangen, dass das Gericht die Behandlung seines Mandanten als Straftat anerkenne. Siraad Wiedenroth von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland sagte, das Urteil sei ein wegweisender Beweis dafür, „dass man sich gegen Polizeigewalt juristisch wehren kann“.

Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill sagte am Abend, Gerichtsverfahren gegen Beamte seien „immer auch mit einem Ansehensverlust der Polizei verbunden“. Da es sich um einen Einzelfall handle, dürfe man aber nicht an der Arbeit aller Polizisten zweifeln. Die Polizei begreife sich als Teil der weltoffenen und multikulturellen Stadt Frankfurt. Ein Disziplinarverfahren gegen Matthew S. laufe bereits, es ruhe aber bis zur Rechtskraft des Urteils. Matthew S. kann Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen.

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