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Derege Wevelsiep Der Fall Wevelsiep vor Gericht

Heute beginnt vor dem Frankfurter Amtsgericht der Prozess gegen den Polizisten, der Derege Wevelsiep veprügelt haben soll. Viele hoffen, dass die Vorfälle nun endlich aufgeklärt werden.

Der Fall Derege Wevelsiep wird im Dezember neu aufgerollt.

Eine ganz gewöhnliche Gerichtsverhandlung wird es vermutlich nicht werden. Der Prozess gegen einen 33-jährigen Polizeioberkommissar, der am heutigen Donnerstag vor dem Frankfurter Amtsgericht beginnt, hat dafür einfach zu viele Besonderheiten. Erstens wird die Verhandlung seit zwei Jahren mit großer Spannung erwartet, der Fall hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Zweitens haben sich bereits Aktivisten aus der antirassistischen Szene angekündigt, die dem Gericht ganz genau auf die Finger schauen wollen. Und drittens steht ein Polizist vor Gericht, weil er einen schwarzen Deutschen misshandelt haben soll – es ist nicht eben alltäglich, dass ein Beamter in so einem Fall angeklagt wird. Es geht um Körperverletzung im Amt und Beleidigung, der Geschädigte, der auch als Nebenkläger auftritt, heißt Derege Wevelsiep.

Viel ist bereits über den Tag geschrieben worden, an dem der Fall Wevelsiep seinen Anfang nahm. Die genauen Abläufe konnten bisher nicht geklärt werden. Fest steht, dass der deutsch-äthiopische Ingenieur am 17. Oktober 2012 an der U-Bahn-Station Bornheim-Mitte ankommt. Seine Verlobte, die mit ihrem gemeinsamen Sohn in der Bahn sitzt und der er seine Monatskarte überlassen hat, hat ihn angerufen, weil vier Kontrolleure ihr vorwerfen, ohne Ticket gefahren zu sein. Wevelsiep gerät mit den Kontrolleuren aneinander. Als der Streit heftiger wird, so schildert es Wevelsiep, habe eine VGF-Mitarbeiterin einen seitdem viel zitierten Satz gesagt: „Ihr seid hier nicht in Afrika.“ Wevelsiep empört sich, die Situation wird immer ungemütlicher.

Schließlich erscheinen vier Polizisten in der U-Bahn-Station. Weil Wevelsiep seinen Ausweis nicht bei sich hat, wollen sie mit ihm in seine Wohnung fahren, um seine Personalien aufzunehmen. Als der Ingenieur sich weigert, sich dafür Handschellen anlegen zu lassen, soll einer der Beamten ihn laut Anklage erst „dummer Schwätzer“ genannt und dann drei Mal geschlagen und zwei Mal getreten haben – Schläge ins Gesicht, auf die Brust und in die Nierengegend, Tritte in die Hüfte und gegen das Knie. Die Verletzungen, die Wevelsiep dabei erlitten haben soll, sind durch ein ärztliches Attest dokumentiert. Eine Platzwunde an der linken Augenbraue, Prellungen des Thorax, des rechten Knies und der Hüfte. Die Ermittlungen gegen drei der Polizisten sind mittlerweile eingestellt worden. Nur bei dem 33-jährigen Beamten war die Frankfurter Staatsanwaltschaft sich ihrer Beweise so sicher, dass es für eine öffentliche Anklage reichte.

Zwei Verhandlungstage

Das Gericht hat für den Prozess zunächst nur zwei Verhandlungstage angesetzt. Neben Wevelsiep und den Polizisten, mit denen er aneinandergeraten ist, dürften auch Wevelsieps Verlobte, der untersuchende Arzt und die Fahrkarten-Kontrolleure als Zeugen vernommen werden. Da es bei einem Strafprozess vor allem um die individuelle Schuld des Angeklagten geht, kann niemand garantieren, dass die Abläufe in der U-Bahn-Station endgültig geklärt sein werden, wenn die Kammer ein Urteil fällt.

Als sicher darf dagegen gelten, dass die Verhandlung nicht nur von den Aktivisten der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, die eine kritische Prozess-Beobachtung bereits angekündigt haben, ganz genau beobachtet wird. Auch an der Spitze des Frankfurter Polizeipräsidiums ist das Interesse am Ausgang des Verfahrens mit Sicherheit hoch. Frankfurts neuer Polizeipräsident Gerhard Bereswill hatte schon kurz nach seinem Amtsantritt in der vergangenen Woche durchblicken lassen, wie sehr der Fall Wevelsiep die Frankfurter Polizei immer noch bewege. Ermittlungen gegen eigene Kollegen seien „kein einfaches Thema“, hatte Bereswill vor Journalisten gesagt – und vorsorglich hinzugefügt, dass er als Polizeipräsident Vorwürfe gegen seine eigenen Leute nicht auf die leichte Schulter nehmen werde: „In dem Moment, wo erkennbar ist, dass ein Fehlverhalten vorliegt, müssen wir aktiv werden.“

Bereswill vollzog damit auch eine vorsichtige Abgrenzung von seinem Amtsvorgänger Achim Thiel, der es trotz des großen öffentlichen Drucks nie für nötig erachtet hatte, sich zu den Vorwürfen von Wevelsiep zu äußern. Stoisch hatte Thiel gegenüber Journalisten immer wieder auf die laufenden Ermittlungen verwiesen, die ihm jeden Kommentar unmöglich machen würden. Der Vorwurf, Frankfurter Polizisten misshandelten Menschen ohne jeden triftigen Grund, hat in den vergangenen zwei Jahren schwer an der Polizei genagt. Es wird ein besonderer Prozess.

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