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Attacke gegen Deutsch-Äthiopier "Ihr seid hier nicht in Afrika"

Nach Aufdeckung des NSU-Terrors war viel die Rede von mehr Sensibilität der Behörden gegenüber Zuwanderern. Ein Jahr später steigt Derege Wevelsiep in eine Frankfurter U-Bahn und wird von Polizisten verprügelt. Ein Blick zurück: Wie im Herbst 2012 alles begann.

06.11.2012 08:00
Von Felix Helbig
Derege Wevelsiep am Tatort. Foto: Christoph Boeckheler

Derege Wevelsiep sagt, er habe Deutschland bei seinen Freunden und Geschwistern immer verteidigt. Wenn sie fragten, wie er nur hier leben könne, im Land der Nazis, der Ausländerfeindlichkeit, der brennenden Asylbewerberheime. Er habe dann immer dagegengehalten. So sei das doch gar nicht. Sie sollten nicht die ganzen Vorurteile glauben. Und außerdem vermisse er seine neue Heimat nun mal, kaum dass er zwei Wochen im Urlaub sei.

Das alles habe sich nach dieser Situation gründlich geändert, sagt Wevelsiep. Er steht unten in der Station Bornheim-Mitte, die Hände tief in den Manteltaschen. Er ist dort nicht mehr gern, dort, wo es geschehen ist. Er nennt das so: diese Situation. In der Strafanzeige seines Rechtsanwalts ist von Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung im Amt die Rede. Im Befund des Sankt-Katharinen-Krankenhauses steht: Gehirnerschütterung mit Bewusstlosigkeit, Prellung des Thorax rechts, Prellung des Knies rechts, Prellung der Hüfte rechts.

Der 17. Oktober ist ein Mittwoch. Wevelsiep, 41, hat den Tag über gearbeitet, er ist Diplom-Ingenieur beim mit Abstand größten deutschen Elektronikkonzern, sein Dienstausweis klemmt noch am Gürtel, als er in die U4 steigt. Mit seiner Verlobten Misale und ihrem gemeinsamen Sohn David will er nach Hause fahren, es ist spät geworden, die Uhr zeigt halb elf. Durch das Abteil kommen Kontrolleure auf sie zu, sie wollen die Fahrkarten sehen. Derege Wevelsiep zeigt seine Monatskarte, seine Verlobte darf kostenlos mitfahren, so ist das nach 19 Uhr, der Sohn ohnehin, er ist drei. Die Kontrolleure gehen weiter. Am Merianplatz steigt Wevelsiep aus, ihm ist eingefallen, dass er noch was erledigen muss, sie wollen sich wenig später in der Wohnung treffen. Seiner Verlobten gibt er die Monatskarte.

Ein paar Minuten später ruft sie ihn an. Sie stehe in der Station Bornheim-Mitte und werde beschuldigt, schwarzgefahren zu sein. Dabei habe sie doch seine Monatskarte. Sie verstehe das nicht. Er solle kommen.

Wieder ein paar Minuten später erreicht Wevelsiep die Station, er trifft dort auf seine Verlobte, auf den Sohn, umringt von vier Kontrolleuren, die 40 Euro verlangen. Ein anderer Afrikaner im Abteil sei auch noch auf die Karte mitgefahren, sagen sie, das sei verbotswidrig, sagen sie, das koste 40 Euro. „Ihr seid hier nicht in Afrika“, sagt die Kontrolleurin. Derege Wevelsiep ist Deutscher, seit sechs Jahren schon. Den „anderen Afrikaner“ in der Bahn habe er nicht gekannt, sagt er. Und der sei natürlich auch nicht mitgefahren, sagt seine Verlobte.

2012 oder 1942?

An die Kontrolleurin gewandt sagt Wevelsiep, es gehe inzwischen wohl nicht um die Fahrkarte, sondern um die Hautfarbe, um seine äthiopische Herkunft. Sie solle doch „nicht vergessen, dass wir nicht mehr 1942 haben“.

„Bin ich Nazi?“, fragt darauf die Kontrolleurin.

„Das weiß ich nicht, das müssen Sie selbst wissen“, sagt Derege Wevelsiep.

Seine Verlobte schlägt vor, die Polizei zu rufen. Damit fängt die Situation, wie Wevelsiep sie schildert, erst richtig an.

Das Quartett der Polizisten

Wenig später erscheinen vier Polizisten in der Station, drei Männer und eine Frau, einer der Beamten zieht Handschuhe an. Von den Kontrolleuren wollen sie wissen, was vorgefallen ist. Von Wevelsiep nicht. Von seiner Verlobten auch nicht. Sie sollten jetzt mal lieber beide ihre Ausweise zeigen, sagen die Polizisten.

Als vor einem Jahr die rechtsextreme NSU-Terrorzelle aufgedeckt wurde, nach neun Morden an Zuwanderern, nach Jahren im Untergrund, da war anschließend viel von einer Zäsur die Rede, davon, dass die Sicherheitsarchitektur im Land umgebaut werden müsse, dass es bei den Behörden ein Mentalitätsproblem gebe, dass es mehr Sensibilität brauche im Umgang mit Zuwanderern. Zum Jahrestag am Wochenende haben das alle wieder erzählt. Als Derege Wevelsiep in der U-Bahn-Station Bornheim-Mitte sagt, er habe leider seinen Ausweis nicht dabei, nur den Firmenausweis, aber es sei ohnehin alles ein Missverständnis, da wird seine Verlobte weggestoßen, während ihr dreijähriger Sohn danebensteht. Wevelsiep wird von einer behandschuhten Polizistenhand gegen die Wand gedrückt.

„Wir nehmen ihn mit“, sagt einer der Polizisten.

"Du dummer Schwätzer"

Was Derege Wevelsiep weiter schildert, hat mit Sensibilität nichts zu tun. Er sei hoch auf die Straße gezerrt worden, habe am Streifenwagen seine Taschen ausleeren müssen, sagt er. Als er sich beklagt habe, dass die Beamten etwa Visitenkarten von Geschäftspartnern auf der Straße verstreuten, sagen sie: „Du dummer Schwätzer.“ Als sie ihm hätten Handschellen anlegen wollen und er entgegnet habe, er sei nicht kriminell, er müsse doch nur zu Hause seinen Ausweis holen, sagen sie: Das muss sein.

„Ich lasse mich nicht ohne Grund fesseln“, sagt Wevelsiep.

„Ich zähle bis zwei“, sagt daraufhin der Polizist.

„Was kommt dann?“, fragt Derege Wevelsiep.

Daraufhin, sagt er, habe der Beamte bis zwei gezählt. Und ihm dann ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht geschlagen.

Die Beamten hätten ihn anschließend vom Boden aufgehoben, gefesselt, mit der Faust gegen die Brust und in die Niere geschlagen, gegen das Knie getreten.

Grundlose Razzia

Derege Wevelsiep ist ein zierlicher Mann, er spricht ruhig und erregt sich auch dann nicht, als er diese Situation, wie er sie nennt, schildert. Er kennt Ärger mit Behörden, er ist in den 90er Jahren von einem Ehepaar aus Kriftel adoptiert worden, daher hat er seinen deutschen Nachnamen. Seine leiblichen Eltern sind in Äthiopien verschleppt worden, als er noch ein Teenager war. Er wisse, dass man in solchen Situationen besser ruhig bleibe, sagt er. Er habe deshalb ganz bestimmt nicht provoziert, mitten in der Nacht, ohne Zeugen. Er habe kooperiert, auch wenn es unberechtigt gewesen sei.

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