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Frankfurt-Nordend Ein Lebensgefühl

Thomas Grammig ist für die Nordend-Grünen unterwegs, um Politik zu inszenieren. Für den ehemaligen Entwicklungshelfer ist Wahlkampf ein Lebensgefühl.

Bei Wind und Wetter auf der Straße, um den Bürgern grüne Ideen nahezubringen: Thomas Grammig. Foto: Andreas Arnold

Es war der Bundestagswahlkampf 2005, er war nach rund 20 Jahren als Entwicklungshelfer im Ausland gerade zurück in Deutschland und engagierte sich wieder für die Grünen. Mittags um 14 Uhr hatte er am Römer zu sein, dort sollte am Abend die große Veranstaltung stattfinden. Er erschien eine halbe Stunde eher, und war der erste. „Um zwei Uhr kam der Lkw, zack zack stand die Bühne, der Bundesgrenzschutz hat alles abgeriegelt, 8000 Leute kamen und um Mitternacht war der Platz wieder leer“, sagt Thomas Grammig und staunt noch heute: „Diese Logistik, das war beeindruckend.“

Etliche Wahlkämpfe hat er für die Grünen bestritten, als Hiwi sieht er sich, als einen, der all die Hilfsarbeiten verrichtet, überall anpackt. Grammig baut Infostände auf und spricht mit Bürgern über Welt- und Kommunalpolitik, über Vorurteile und Joschka Fischer. Er verteilt Flyer und ermuntert Bürger zum Wählen und hängt Plakate in der Stadt auf. „Ach, das macht mir Spaß“, sagt er, „auch das Kleistern.“ Die körperlichen Arbeiten seien ohnehin weniger anstrengend als die inhaltlichen Auseinandersetzungen.

„Man trifft interessante Leute und kommt schnell ins Gespräch“, sagt der 55-Jährige. Dass die Leute manchmal schimpfen, über die Politik allgemein, über gewisse Politiker, über ein Sachthema, ist völlig okay für den gebürtigen Bad Homburger. „Was emotional belastend ist, muss auch mal raus. Das ist mir nicht unangenehm.“ Zuhören sei wichtig, selbst bei noch so unsäglichen Kommentaren. „Irgendwas haben die Leute, irgendwas ist ihr Anliegen, das zu erkennen, das gehört dazu.“ In Sachen Flüchtlinge etwa bekommt er öfter was zu hören. Kürzlich rief ihm einer zu: „Ihr merkelt doch auch nur!“ Dämlich sei sowas, aber: „viele Leute haben eine übertriebene Angst, darüber kann man sprechen.“

Bereits als Student schloss Grammig sich im Jahr 1984 den Grünen an. Schon damals engagierte er sich, ehe er als Entwicklungshelfer unter anderem in Mexiko, Malawi und im Tschad arbeitete. Selbst kandidieren? Hmm, vielleicht. „Es gibt beruflich Interessanteres, aber im Notfall würde ich mich aufstellen lassen.“ Viel mehr geht es ihm um den Wahlkampf als solchen, das sei ein Lebensgefühl. Er könnte sich auch vorstellen, für die SPD in den Wahlkampf zu ziehen. „Es geht mir um das Bedürfnis, über Werte und Probleme zu diskutieren.“

Wer etwas verbessern wolle, der müsse Politik inszenieren, sagt Grammig. Drei, vier Veranstaltungen der Nordend-Grünen vor der Wahl – viel zu wenig. „Das müsste das zehnfache sein. Wir heben die Wahlbeteiligung nur, wenn die Leute kontrovers diskutieren. Und dafür müssen wir Themen gut aufarbeiten.“

War der Kommunalwahlkampf 2011 noch dominiert von Fukushima, müssten die Grünen nun neue Akzente setzen. „Mit abgeschalteten Atommeilern verlieren wir die Angstwähler“, sagt Grammig. Das sei aber gut so. Dennoch: Energiepolitik und Klimawandel sind schwerer zu vermitteln. „Wir haben das Pariser Klimaabkommen als Schwerpunktthema versucht, aber das ist zu schwierig mit all den globalen Prozessen.“

Nicht immer wollen die Bürger mit Grammig über die Weltpolitik reden. Es sei wichtig, die Leute aufmerksam darauf zu machen, was in der Stadt anstehte, sagt er. Manchmal kämen sie, wenn das Kind etwa nicht auf das gewünschte Gymnasium gehen kann. Doch das Feedback ist gering. „Man muss die Leute mal wachrütteln. Wenn man fragt, welche Dezernate in Frankfurt mit Grünen besetzt sind, kommt keine Antwort.“ Im Nordend, glaubt Grammig, hat er es dennoch recht einfach. „Grünsein ist hier ein Lebensgefühl“, sagt er, „da geht es den Leuten nicht um einen Baum hier oder dort.“

Viele Wahlkämpfe hat er geführt, und Thomas Grammig ist optimistisch. Eine Weile hatte er den Eindruck, die Leute würden genervter, „da hieß es, ich hab keine Zeit, lass mich in Ruhe.“ Das sei in diesem Jahr nicht so. „Die Leute, sie wollen reden.“

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