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Heddernheim Abenteuer mit hochgestelltem Kragen

1970 schlossen die Atrium-Lichtspiele in Heddernheim. Der 65-jährige Manfred Wagenknecht verbrachte in seiner Jugend viel Zeit in diesem Kino. Gerade die Sonntagsvorführungen waren für ihn immer ein Muss.

Manfred Wagenknecht an der Stelle, an der das Kino war. Foto: Alex Kraus

Meist mussten die Freunde Manfred und Hermann rennen, um rechtzeitig zur 13.30-Uhr-Vorstellung in die Atrium-Lichtspiele in Heddernheim zu kommen. War der Filmbeginn doch sehr knapp nach dem sonntäglichen Mittagessen mit der Familie angesetzt. „Das war immer eine Hetze“, erinnert sich der heute 65-jährige Manfred Wagenknecht.

Das ehemalige Kino an der Heddernheimer Landstraße 2 – 4 öffnete um 1920 zum ersten Mal seinen Vorhang. Damals hatte es nur 180 Plätze. In den 60ern, als Manfred und Hermann zu den Stammgästen zählten, fanden dort bis zu 600 Menschen Platz. „Es war immer voll“, sagt Wagenknecht, der damals in Eschersheim wohnte.

Dauergast seit dem zehnten Lebensjahr

Es zog ihn ab seinem zehnten Lebensjahr fast eine Dekade lang jeden Sonntag in die Atrium-Lichtspiele. Ihm gefiel die Filmauswahl: Jugendabenteuer, Tarzan, Piraten, später Krimis und Western. Den Klassiker „12 Uhr mittags“ mit Gary Cooper und Grace Kelly sah er dort sechs Mal. „Coopers Gang hat mich unheimlich fasziniert, wie er über den Bohlensteg läuft, die Musik, das sorgenvolle Gesicht“, schwärmt Wagenknecht noch heute.

Auch „Ben Hur“, „Der gebrochene Pfeil“ und die „Die Zehn Gebote“ hat er sich auf den ungepolsterten Stühlen im dunklen braunroten Vorführsaal des kleinen Kinos angeschaut. „Das Licht ging aus, der Vorhang auf, dann konnte ich abschalten.“ Es war für ihn eine Flucht aus dem Alltag. „Die ganze Welt war vergessen“, sagt er und das Glänzen in seinen Augen zeugt noch immer von seiner Leidenschaft für Filme. Doch der Kinobesuch war nicht immer nur Entspannung, manchmal war er auch Nervenkitzel. Denn als sich der junge Wagenknecht und seine Freunde zu fortgeschrittener Zeit für Filme ab 16 oder 18 Jahren interessierten, in denen es „ein bisschen Busen zu sehen gab“, mussten sie kreativ werden.

„Meist saß eine ziemlich beleibte, ältere Dame dort und musterte streng die Jugendlichen nach ihrem Alter“, erinnert sich der 65-Jährige. Vermutlich war es die Besitzerin Martha Fröhlich, die für Kasse, Popcornverkauf und Einlass zuständig war. Doch die Halbstarken ließen sich nicht abschrecken. Um älter auszusehen, erzählt Wagenknecht, hätten sie sich die Elvis-Tolle ins Gesicht gekämmt, die Kragen hochgestellt und einen Glimmstängel zwischen die Lippen geschoben. Damit und „mit überlässigem Schritt“ marschierten sie an die Kasse. „Wir stellten uns auf die Zehenspitzen und murmelten: einmal Sperrsitz.“ Die Kassiererin, schwankend zwischen Umsatz und den gesetzlichen Vorschriften, drückte letztendlich immer ein Auge zu und Wagenknecht musste auf keine Vorstellung verzichten.

Schwindende Besucherzahlen besiegelten das Aus

Was für ihn zum Kinobesuch außerdem dazugehörte, war ein Nusseis vom „Eis-Becker“ gegenüber. Eine dicke Familie habe dort „wunder-wunderbar cremiges Eis, von dem man unendlich viel verdrücken konnte“ angeboten. „Für 70 Pfennig bekam man fünf große Bällchen und Sahne dazu. Ein Traum!“, schwärmt Wagenknecht. Jeder habe versucht, nach der Vorstellung dort der Erste zu sein.

Ab seinem 17. Lebensjahr wurden die Atrium-Lichtspiele Wagenknecht zu klein. Die Liebe zum Film blieb zwar, doch zog es ihn Richtung Innenstadt, in die großen Kinos. 1970 ging auch der Vorhang im Atrium-Lichtspiele für immer zu. Schwindende Besuchszahlen sollen laut Besitzerin der Grund für das Ende gewesen sein. Heute ist vom Kino und seinen Abenteuergeschichte nichts mehr zu sehen. Das Haus wurde abgerissen und in den 70ern durch einen Neubau ersetzt. Und Manfred Wagenknecht, der heute in Fulda lebt, geht inzwischen sonntags lieber Wandern.

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